Jüdischer Friedhof Alter Friedhof als Besuchermagnet

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Mit einer Feier am Sonntag, 6. Mai, wird die Besuchersaison auf dem alten jüdischen Friedhof in der Esslinger Unteren Beutau eingeläutet (Beginn: 14 Uhr).

Rabbiner Yehuda Pushkin Foto: Horst Rudel
Rabbiner Yehuda PushkinFoto: Horst Rudel

Esslingen - Im vergangenen Jahr war der alte jüdische Friedhof in der Unteren Beutau aus seinem Dornröschenschlaf geweckt worden. Seither haben mehr als 1000 Besucher die idyllische, aus der Zeit gefallene Insel am Rande der umtriebigen Esslinger Innenstadt besucht. Dem großen Interesse will der Verein Denk-Zeichen, der die Schlüsselgewalt über den Gottesacker hat, in der neuen Saison besser gerecht werden. In den Sommermonaten werden, beginnend mit der Auftaktveranstaltung am Sonntag, 6. Mai (Beginn: 14 Uhr), nicht nur eine, sondern häufig auch zwei Führungen pro Monat angeboten.

Am Donnerstag hat der seit einem Monat für die Zweigstelle Esslingen verantwortliche Rabbiner Yehuda Pushkin den Friedhof zum ersten Mal in seiner Amtszeit besucht. Der Geistliche hat sich von Gerhard Voß durch die 1807 angelegte und 1874 nach der Vollbelegung mit rund 100 Gräbern wieder aufgegebene Begräbnisstätte führen lassen. Voß, ein Pfarrer im Ruhestand, ist die treibende Kraft der Friedhofsöffnung im vergangenen Jahr gewesen. „Der Ansturm auf den Friedhof ist mir persönlich manchmal beinahe schon zu groß gewesen. Das hohe Interesse unterstreicht aber auch das Bedürfnis der Esslinger, sich mit der Rolle der Juden in der Stadtgeschichte vertraut zu machen“, sagt er.

Wieder jüdisches Leben in der Stadt

Geht es nach Yehuda Pushkin, dann wird das jüdische Leben im Esslinger Alltag bald wieder eine größere Rolle spielen. Seine Hoffnung macht der Rabbiner in erster Linie an der Wiederbelebung der Esslinger Synagoge im Heppächer fest. „Wir hoffen, dass uns die Synagoge als Mittelpunkt hilft, die Mitglieder der jüdischen Gemeinde zu einen“, sagt Pushkin.

Seinen Worten zufolge leben in Esslingen rund jüdische 200 Familien. Hinzu kommen rund 100 Familien, die in der näheren Umgebung wohnen. Wenn es gelänge sie in einem auf drei Jahren angesetzten Probezeitraum im Glauben zusammenzuführen, könnte sich Esslingen zum größten Zentrum jüdischen Lebens außerhalb Stuttgarts entwickeln. Und dann, so Pushkin, sei es auch vorstellbar, dass in der Stadt wieder ein neuer jüdischer Friedhof angelegt werden könnte.

Der Friedhof in der Unteren Beutau wird, nachdem die Gräber unter der nationalsozialistischen Herrschaft geschändet worden waren und der Ort zwischenzeitig als Lagerplatz zweckentfremdet worden war, von der Stadt gepflegt und sauber gehalten. Die Führungen werden vom Verein Denk-Zeichen organisiert. „Wir legen großen Wert darauf, dass immer jemand von uns dabei ist“, sagt Voß.

Dem Ort mit Fingerspitzengefühl nähern

Die Vereinsverantwortlichen achten peinlich genau darauf, dass sich die Besucher diesem zentralen Ort jüdischen Glaubens mit dem angemessenen Fingerspitzengefühl nähern. Nach jüdischem Verständnis dauert die Totenruhe ewig und darf durch nichts gestört werden. Für männliche Besucher ist zudem eine Kopfbedeckung obligatorisch.

Im Gegensatz zu den meisten Grabsteinen, die nicht mehr an ihrem ursprünglichen Platz stehen dürften, machen die drei Grabstellen in der Mitte des Friedhofs einen unberührten Eindruck. Sie sind, dem jüdischen Brauch entsprechend, nach Osten ausgerichtet. Von dort wird der Überlieferung zufolge der Messias kommen.

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