Jugendfußball Der scheinheilige Kampf um die Nachwuchsspieler
Carlos Ubina, 11.01.2012 11:07 Uhr
Unter Beschuss wegen Jugendtransfer: Ernst Tanner Foto: dapd
Unter Beschuss wegen Jugendtransfer: Ernst Tanner Foto: dapd
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Hoffenheim - Auf den Reflex der Branche ist mal wieder Verlass gewesen. Augenscheinlich empört hat sie reagiert, als bekannt wurde, dass dieTSG 1899 Hoffenheim einen 13-jährigen Nachwuchsfußballer von Berlin ins Nordbadische geholthat. So schüttelten diverse Bundesligamanager entrüstet den Kopf, Holger Hieronymus vom Ligaverband DFL machte einen auf Moral, und selbst Michel Platini sah sich genötigt, den Fall Nico Franke zu beurteilen - oder besser zu verurteilen. "Ich bin grundsätzlich gegen den Transfer von Minderjährigen", sagt der Präsident der Europäischen Fußball-Union (Uefa).

Das hat der Franzose schon oft gesagt. Er sagt es eigentlich ständig, und mal geht es um diesen Verein, mal um jenen. Doch am Dienstag hat die Wucht von Platinis Worten die Hoffenheimer erwischt. Obwohl der Begriff Transfer viel zu mächtig ist. "Wir haben nichts bezahlt", sagt der Hoffenheimer Manager Ernst Tanner, "und die Freigabe des abgebenden Vereins liegt auch vor."

Die Nachricht, dass sich der große Uefa-Chef mit dem kleinen Club aus dem Kraichgau beschäftige, machte dennoch schnell die Runde. Und Tanner blieb nichts anderes übrig, als das zu tun, was er schon zuvor getan hatte: zu relativieren. "Im Prinzip buhlen so gut wie alle Bundesligavereine um junge Talente, und wenn man es nicht tut, muss man sich wiederum Vorwürfe gefallen lassen, wenn einem vielleicht ein Spieler rausgeht", sagt der Manager.

Für den Fußball weg von der Familie

Offenkundig ist jedenfalls, dass sich nicht nur die Hoffenheimer um das Talent von Tennis Borussia bemühten. Nico Franke war auch zur Besichtigung der jeweiligen Fußballakademien beim FC Bayern München, VfL Wolfsburg und Hamburger SV. Gefallen hat es ihm bei 1899 am besten. Deshalb wohnt er jetzt nicht mehr bei seiner alleinerziehenden Mutter und den drei Geschwistern in Berlin, sondern bei einer Gastfamilie in Sinsheim.

Zurück bleiben neben dem gewohnten Lebensumfeld jedoch auch einige Fragen. Darf man einen 13-Jährigen überhaupt aus seiner Familie herausreißen? Ist der frühe Wohnortwechsel förderlich für die persönliche sowie die sportliche Entwicklung? Und was, wenn es mit der erträumten Fußballkarriere gar nicht klappt?

Dann soll Nico Franke zumindest eine Schulausbildung genossen haben. Das gehört zum Konzept von 1899. Was die sportliche Zukunft anbelangt, hält es Tanner aber mit Thomas Albeck. "Bei einem 13-Jährigen ist es unabsehbar, ob er eine Profilaufbahn absolvieren wird", sagt der Leiter des Nachwuchsleistungszentrums des VfB Stuttgart. Denn sichtbar ist aktuell nur eines: die Fußballbegabung. Vorhersagen über die körperliche Entwicklung und persönliche Reife erscheinen - seriös betrachtet - nahezu unmöglich. Zumal noch die Pubertät aussteht, eine Phase, in der die Lust am Fußball nicht andauern muss.

Vereine versuchen Spieler früh zu binden

Dennoch werden die Begabten immer früher gesichtet und auch immer früher an die Profivereine gebunden. Es ist der große Kampf um die vermeintlichen Wunderknaben, weil es einen immer lukrativeren Markt für die Minderjährigen gibt. National wie international gilt das Motto: wer später kommt, bezahlt deutlich mehr. Weshalb die Diskussion über das Vorgehen der Hoffenheimer von Scheinheiligkeit geprägt ist. Dem Emporkömmling wird nur vorgeworfen, was Etablierte auch tun.

"Man muss aggressiv sein", sagt Klaus Allofs, "sonst bekommt man keine Spieler." Und Jürgen Klopp meint: "Ein komplettes Wechselverbot für solch junge Spieler halte ich für Blödsinn." Der Bremer Manager und der Dortmunder Trainer gehören jedoch zu den wenigen, die das Hoffenheimer Gebaren als branchenüblich einordnen. Wenngleich Kritik an der Professionalisierung und somit der Kommerzialisierung des Jugendfußballs angebracht erscheint, wenn Kinder schon Berater haben und Ausrüsterverträge erhalten.

VfB holt den Nachwuchs aus dem S-Bahn-Einzugsgebiet

So zeigen auch diese Auswüchse, dass viel Geld im Spiel ist. Regulieren lässt sich der Markt aber nur noch bedingt. Noch vor wenigen Jahren gab es in der Bundesliga einen Ehrenkodex: Um Kinder wird nicht geschachert. Doch das Gentlemen's Agreement wurde von diversen Clubs aufgekündigt. Vor allem, um konkurrenzfähig zu bleiben. Schließlich rekrutieren Topclubs wie der FC Barcelona oder Manchester United dank eines dichten Scoutingnetzes ihre Nachwuchshoffnungen aus der ganzen Welt.

Fast ehrenrührig erscheint da die Selbstbeschränkung des VfB. Die bis zu elfjährigen Kicker sollen aus dem S-Bahn-Einzugsgebiet kommen. Von den 14-Jährigen an darf der Anfahrtsweg eine Stunde betragen, und im Normalfall kann ein Talent mit 16 in das Internat ziehen. Damit fahren die Stuttgarter seit Jahren gut. Albeck sagt: "Wenn wir im Umkreis von 100 Kilometern die besten Talente zum VfB holen, dann sind wir gut aufgestellt." Das Risiko mit den Perspektiven bleibt aber auch über diesen Weg erhalten.

Kommentare (4)
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JAN
15
Ersatzspieler, 16:05 Uhr

S-Bahn-Einzugsgebiet

Alexander Merkel kam wohl mit 11 oder 12 Jahren zum VfB von der JSG Westerwald. Von Koblenz nach Stuttgart fährt keine S-Bahn. Ergo: Je größer das Talent, desto wahrscheinlicher die Abwerbung, um die begnadesten Jungs an sich zu binden. Siehe Alexander Merkel. Mit 15 oder 16 vermittelt Maurizio Gaudino diesen Tausendsassa nach Italien zum AC. So funktioniert Fußball: Die Großen und Finanzkräfigen fressen die Kleinen und Klammen. Daran wird sich nichts ändern und man kann nur versuchen, die Risiken zu minimieren. So versucht es Hoffenheim mit Pflegefamilie und Schulausbildung. Ob es klappt oder nicht hängt von vielen vielen Faktoren ab. Wenn es klappt, dann kommt vielleicht wieder Maurizio Gaudino und lockt den Jungen nach Italien. Wir werden es sehen.

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JAN
12
zilla, 21:10 Uhr

soso

Wie man es schafft, von Frankfurt nach Stuttgart bzw. Österreich nach Stuttgart in einer Stunde zu kommen, soll mir Herr Albeck mal zeigen. Da kommen nämlich zwei 14-jährige des VfB her. Die StZ sollte mal etwas genauer hinschauen, bevor man andere Absatzweise Loblieder auf sich selbst singen lässt...

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JAN
11
zimbo, 16:57 Uhr

@vivaldi

also ich finde schon, dass hier ein paar Scheinheilige unterwegs sind. 1. Wissen wir alle nicht, wie es um den 13-jährigen in seinem familiären Umfeld bestellt ist 2. Wo ist der Unterschied, wenn ihn die Mutter zum Beispiel in ein Internat nach Bayern geschickt hätte 3. Der Junge ist mit dem Zug in sechs Stunden zu Hause, mit dem Flieger ab FfM noch wesentlich schneller, also im Falle von akutem Heimweh bin ich überzeugt, dass die Hoffenheimer ganz schnell dafür sorgen würde, dass er schnell wieder in sein vertrautes Umfeld (sofern es die gibt, siehe Pkt. 1) 4. allmählich verpflichtet jeder halbwegs durchschnittliche Profiklub in Europa 16 und 17-jährige Jungs aus Südamerika, die im Problemfall 1,5 Tage nach Hause bräuchten. 5. ein 17jähriger aus Brasilien gewöhnt sich garantiert nicht so schnell an europäische Verhältnisse wie ein 13- jähriger aus Berlin an die Verhältnisse im Kraichgau. Also Ball flachhalten - ich traue den Leuten um Tanner durchaus zu, dem Jungen ein jugendgerechtes Umfeld in einer Pflegefamilie zu verschaffen.

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