Jugendkriminalität 13-Jährige foltern Seniorin
Mirko Weber, vom 10.03.2010 12:05 Uhr
München - Anfang der Woche hat in München vor dem Landgericht der Prozess gegen drei Schweizer Jugendliche begonnen. Sie waren als Berufsschüler im vergangenen Sommer auf Abschlussfahrt gewesen, als sie aus absolut nichtigem Anlass (und allesamt leicht alkoholisiert) am Rand der Innenstadt auf einmal anfingen, "Leute zu klatschen". Die Zufallsopfer wurden schwer verletzt, einer von ihnen musste lange behandelt werden, ehe sein Augenlicht gerettet werden konnte.
Die Polizei sprach damals davon, dass die Tat in ihrem Verlauf "noch alarmierender" gewesen sei als der Fall der U-Bahn-Schläger im Jahr zuvor. Am Ende wird es um die Frage gehen, ob man den 17-Jährigen einen Tötungsvorsatz nachweisen kann. Die Verteidigung sieht lediglich den Tatbestand "massiver Körperverletzung" gegeben. Seit Montagabend aber hat sich die Spirale der Gewalt in München noch einmal weitergedreht: die Rohheit der Tat betreffend eher nach oben, was das Alter der Beteiligten angeht, eher nach unten, und der Kriminaldirektor Frank Hellwig kann vorerst auch nichts anderes sagen, als dass ein Motiv noch absolut im Dunkeln liegt.
Was die Polizei bisher vom Hergang der Dinge in München-Milbertshofen (einem von Industriebauten und Hochhaussiedlungen durchzogenen Vorort) weiß, rekonstruiert sie folgendermaßen: Einer der beiden Schüler, so Hellwig, habe die 83-jährige Frau, die am Montag zum Opfer wurde, schon länger gekannt. Er habe öfter kleinere Erledigungen für sie gemacht und sei dafür entlohnt worden. Am Rosenmontag jedoch sei es zu einer Auseinandersetzung gekommen, in deren Verlauf der Junge die alte Frau gegen das Schienbein getreten habe und verletzte. Der Kontakt zwischen den beiden riss ab. Die alte Frau war dement.
Frau musste stundenlange Misshandlungen ertragen
Am vergangenen Montagnachmittag erschien der 13-Jährige mit einem gleichaltrigen Begleiter in der Wohnung der Frau. Dann muss es zu stundenlangen Misshandlungen gekommen sein. Hellwig sagte, dass die beiden auf die am Boden liegende Frau eingetreten hätten, ihr Rasierschaum sowie Maggi und Parfüm ins Gesicht spritzten und sie zwangen, einen halben Liter Kräuterschnaps zu trinken. Schließlich soll einer der beiden in eine Flasche uriniert haben und diese dann über dem Opfer ausgegossen haben.
Die beiden Jungen haben sich bei getrennten Vernehmungen laut Hellwig gegenseitig beschuldigt, für die Qualen des Opfers alleine verantwortlich gewesen zu sein. Die Frau erlitt Verletzungen an der Hornhaut und womöglich auch am Bindegewebe. Sie habe bisher keine Aussage machen können. Momentan nimmt die Polizei an, dass es sich um einen Haupt- und einen Nebentäter handeln könnte. Der möglichen Haupttäter wurde noch am Montag nach seiner Festnahme in ein Psychiatrisches Krankenhaus eingewiesen.
Täter war in psychologischer Behandlung
Der Polizei zufolge war er bereits länger in psychologischer Behandlung. Die heimischen Verhältnisse sind schwierig, das Jugendamt weiß von mehreren Ausreißversuchen. Auch der zweite Junge ist den Mitarbeitern des Jugendamts bekannt. Nach den widersprüchlichen Aussagen der beiden werden im Augenblick die Mobiltelefone untersucht. Die Polizei verspricht sich genauere Erkenntnisse des Tatablaufs, wenn sie die vorher und nachher geführten Gespräche verfolgt hat.
Überhaupt ans Licht gekommen ist die Tat, weil der als Nebentäter geltende Jugendliche am Abend der Mutter seines Freundes in die Arme gelaufen war, die wissen wollte, wo sich ihr Sohn aufhalte. Er erzählte ihr von den Misshandlungen, die Frau rief sofort die Polizei. Strafrechtliche Folgen wird die Tat für keinen der beiden Jungen haben, da sie noch strafunmündig sind. Nicht ohne einen Unterton sagte Frank Hellwig: "Natürlich werden wir das ausermitteln, aber das war’s dann letztlich."