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Jungautorin Hegemann Die Frechheit der anderen

Katja Bauer, vom 05.02.2010 17:34 Uhr
Das Etikett „Wunderkind“ macht Helene Hegemann wütend. Der jungen Autorin gelang mit ihrem brutalen Roman „Axolotl Roadkill“ die Sensation der Literatursaison. Foto: dpa
Das Etikett „Wunderkind“ macht Helene Hegemann wütend. Der jungen Autorin gelang mit ihrem brutalen Roman „Axolotl Roadkill“ die Sensation der Literatursaison. Foto: dpa
""Jagen euch Leute, die durchdrehen, einen wohligen Schauer über den Rücken?""
Die Romanheldin Mifti in „Axolotl Roadkill“

Berlin - Morgens um neun, wenn Helene Hegemann gerade geduscht hat, dann kann es sein, dass Sätze aus ihr herauskommen wie diese: "Um 16 Uhr 30 wache ich orientierungslos in einen Bettbezug gewickelt auf und bin in allererster Linie von mir selber gelangweilt. Ich kauere. Irgendwie läuft mir zu Lorbeerkränzen geflochtenes Blut aus dem rechten Ohr." Und wenn sie weiterschreibt, dann geht es um Ritalin und Ketamin, um Krebsdiagnoseträume und Analsex, um eine offene Entzündung im Rachen und - natürlich - um die Familie, die nichts ist als "ein Haufen von in irgendeiner frühkindlichen Allmachtsphase stecken geblieben Personen mit Selbstdarstellungssucht."

Wer nach solchen Sätzen denkt, das sei ein krasser Text, der irrt. Es ist nur der Anfang. Und zwar der Anfang eines Buchs, das derzeit im deutschen Feuilleton mit einer bemerkenswerten Ausschließlichkeit gefeiert wird. Von der "literarischen Sensation" ist die Rede, vom "großen Coming-of-age-Roman der Nullerjahre" schreibt Maxim Biller in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung". In keinem Fall kommt die Begeisterung ohne den Hinweis auf ein Erstaunen aus: darüber, dass die Autorin erst 17 Jahre alt ist. Wie Helene Hegemann da so sitzt, an einem Nachmittag in einem Café in der Berliner Linienstraße, da kann man eins mit Sicherheit sagen: ihr rechtes Ohr wirkt, als sei es völlig in Ordnung. Kein Blut nirgends. Und auch sonst findet sich beim unauffälligen Oberflächenscan des Gegenübers nichts, was auf eine Parallele hindeutet - zur Romanheldin Mifti, einer 16-jährigen, die voll selbstzerstörerischer Inbrunst durch die Berliner Nächte stolpert auf der Suche nach "Zusammenhängen, die nichts mit der Gesellschaft zu tun haben".

Das Alter der Autorin und die autobiografische Nähe zur Hauptfigur aber scheinen so etwas zu sein wie unverzichtbare Ingredienzien für einen Zaubertrank, der die Berliner Medienwelt kollektiv berauscht und sie zu einem Hype um Helene Hegemann verführt. Sie selbst ärgert sich nicht wenig darüber: "Manches, was über mich geschrieben wird, ist dermaßen übergriffig. Ich finde die Selbstverständlichkeit, mit der von dem Roman auf mich geschlossen wird, eine Frechheit."

Mischung aus Gleichgültigkeit und Schmerz


Das kann man verstehen. Wer schreibt, der will, dass sein Werk für sich steht, als Werk gewürdigt wird, das geht anderen Autoren auch nicht anders. Natürlich weiß Helene Hegemann: "Man schreibt immer über sich und das, was einen beschäftigt." Aber dann kommt es auch noch darauf an, was man daraus macht - in Helene Hegemanns Fall kann man sagen: viel. Sie ist zornig über Kategorisierungen wie "Shootingstar" und "Wunderkind". "Über solche Wörter rege ich mich auf, weil damit das, was ich eigentlich äußern will, neutralisiert wird." Die Gefahr ist gering, angesichts der Wucht des Geschriebenen.

"Axolotl Roadkill" ist ein Buch, das einen verschlucken kann wie ein gefräßiger Fisch, aber auch wieder ausspucken, so dass man zurückbleibt, irgendwie übel zugerichtet, ratlos und angeekelt angesichts von so viel sprachlicher Härte, von dieser Mischung aus Abgeklärtheit und Vorbehaltlosigkeit, aus Gleichgültigkeit und Schmerz. Es ist das wild collagierte Tagebuch Miftis, durchdrungen von der plappernden Eitelkeit, mit der Mädchen ihre niemals wirklich geheimen Tagebücher schreiben. Dieses Mädchen hat im Alter von 13 Jahren seine alkoholkranke Mutter verloren und lebt nun mit seinen beiden viel älteren Halbgeschwistern in Berlin, mit Annika, der "durchtriebenen Marketingbitch" und Edmond, der in irgendeiner "Offtheaterscheiße" feststeckt.

Ach ja, einen Vater gibt es auch noch, er gehört zu den Protagonisten der "linksresignativen" Berliner Boheme, lebt mit seiner selbstverständlich viel jüngeren Freundin in Mitte und bereitet gerne Feigen im Speckmantel zu. Währenddessen streift die Schulverweigerin Mifti durch die Clubs der Stadt und trägt in einer Nacht ein Axolotl mit sich herum - einen stets lächelnden, roséfarbenen, mexikanischen Schwanzlurch, dessen biologische Besonderheit darin besteht, dass er nie erwachsen wird. Mifti hat weniger Manschetten vor hartem Sex als vor absichtsloser Zärtlichkeit, dokumentiert Verachtung gegen jede erdenkliche Peergroup, steckt fest in einer unglücklicher Liebe zu einer 46-Jährigen, nimmt Drogen und versackt in einer Zwischenwelt, in der sie irgendwann von der Erkenntnis gelähmt wird, alles erlebt zu haben: "Es wird nie wieder etwas Geileres in meinem Leben geben als Heroin."

Rebellion als individuelle Sache


Wie kann Rebellion aussehen in der permissiven Welt, in der Mifti lebt? Der Konflikt heißt schon lange nicht mehr Kinder gegen Eltern, nicht mehr Avantgarde gegen Establishment, sondern Mifti gegen den Rest der unerträglich gut vor sich hin funktionierenden, nichts oder alles gleichermaßen routiniert in Frage stellenden Gesellschaft. Rebellion wird zur völlig individuellen Sache, Scheitern inbegriffen - die Aufgabe ist, sich nicht zu verleugnen, auch wenn das böse enden kann. "Jagen euch Leute, die durchdrehen, einen wohligen Schauer über den Rücken?" fragt die Hauptfigur einmal.

Etwas über Helene Hegemann zu wissen, macht die Geschichte übrigens nicht schlechter. Die Autorin ist 17, und natürlich kann dem Publikumsverlag Ullstein bei seiner Kalkulation die Überlegung nicht entgangen sein, dass dieses Erstaunen auslösen würde über einen Menschen, der so jung ist und so gewaltsam und kalkuliert mit Sprache umgehen kann.

Helene Hegemann sitzt auf einem alten, hausmausfarbenen Plüschsessel und schaltet ihr I-Phone ab. Sie trägt Röhrenjeans, Ankleboots, einen Oversizepulli mit Blümchenmuster. Es ist eine typische Teenagergeste, mit der sie sich die dichten, mittelblonden Haar ins Gesicht streicht und sich dann Sekunden später wieder herauswühlt. Man ertappt sich dabei, diese Geste irritierend zu finden - nichts will zusammenpassen: die Mädchenstimme, das Teenielachen, die abgeklärten, schnellen, klugen Sätze, die diskursive Freundlichkeit.

Hinsetzen und schreiben, einfach so


Helene ist die Tochter von Carl Hegemann, der früher Chefdramaturg an der Berliner Volksbühne war. Sie ist bei ihrer Mutter in Bochum aufgewachsen. Als Helene 13 war, starb die Mutter vor ihren Augen an einem Aneurysma.

Sie sagt dazu: "Das steht ja auch im Buch, dass man damit praktisch ein Leben lang behindert ist, dass hier der Punkt ist, wo ich nicht funktioniere. In jedem Leben passieren Dinge, deretwegen man nicht mehr in diesem Sinne normal funktioniert, also plötzlich ein Stück weit behindert ist." Die Gesellschaft erlaube sich perverserweise, diese Normalität zu definieren und erhebe den Anspruch, dass die Standards eingehalten werden müssen. "Und weil sie das so erfolgreich tut, fühlst du dich falsch, sobald du davon abweichst." Etwas, was Mifti nicht akzeptiert - sie stürzt sich in die Abweichung.

Nach dem Tod der Mutter zog Hegemann nach Berlin zum Vater, inzwischen lebt sie "mit Leuten zusammen". Sie ist hineingeworfen worden in diese Welt und sagt darüber heute: "Das hat mich gerettet." Sie habe sich in Berlin sofort wohlgefühlt, sagt sie. Im Ruhrgebiet, das war Duldungsstarre, die Gewissheit, hier irgendwie falsch zu sein, anders, sich anpassen zu müssen. In Berlin stürzte sie in ein neues Leben, sog die Theaterwelt ihres Vaters ein, hörte gegen jeden Rat des Erziehungsberechtigten und aller Freunde auf, in die Schule zu gehen, weil sie dieses System nicht ertrug, wie sie sagt. Sie las exzessiv, und fing dann an zu schreiben - ein Theaterstück mit 14, ein Drehbuch zu einem Film ("Torpedo") ein Jahr später. Der Film wurde gefeiert. Und jetzt das Buch. Vielleicht hat sie auch das Schreiben gerettet. "Hat mir ernsthaft Spaß gemacht", sagt sie. Sie leidet nicht, sie setzt sich hin und schreibt, einfach so. Manchmal auch morgens um neun, nachdem sie geduscht hat.

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