Juri Feldman, Überlebender der Leningrad-Blockade Auch der spätere Kanzler Helmut Schmidt ist vor Leningrad stationiert

Von Susanne Stephan 

Dass nicht alle deutschen Soldaten den eingeschlossenen Leningradern einen grausamen Tod wünschen, sondern vor allem an die eigene Heimkehr, ans eigene „Durchkommen“ denken, schildert eindringlich Hermann Lenz in seinem Roman „Neue Zeit“. Der aus Stuttgart stammende Lenz ist von Herbst 1941 an vor Leningrad stationiert. Auf deutscher Seite befindet sich bis Ende 1941 auch der Offizier und spätere Bundeskanzler Helmut Schmidt. Ihm gegenüber: der spätere Schriftsteller Daniil Granin, der 73 Jahre später bei der Gedenkfeier für die Opfer des Nationalsozialismus eine Rede im Bundestag halten wird.

Im eingekesselten Leningrad gibt es trotz des täglichen Kampfs ums Überleben zahlreiche Theateraufführungen und Konzerte, die mit letzten Mitteln und Kräften organisiert werden. Juri Feldman erzählt von einem Schauspieler, der nach seinem Auftritt in den Kulissen vor Entkräftung tot umfällt. Im August 1942 führt man in Leningrad die Siebte Sinfonie von Dimitri Schostakowitsch auf, das Radio überträgt sie in alle Landesteile. Der Komponist wurde im Oktober 1941 aus der belagerten Stadt ausgeflogen. Seine Siebte Sinfonie, die sogenannte „Leningrader“, sollte nach dem Wunsch Stalins den Überlebenswillen der Stadt und des ganzen Landes zum Ausdruck bringen. „Immer und immer wieder wurde sie im Radio wiederholt“, erinnert sich Juri Feldman.

Nach ihrer Evakuierung gelangen Juri und seine Mutter auf einer einmonatigen Zugfahrt in Viehwaggons nach Kasachstan, wohin sich mittlerweile auch Juris Großeltern väterlicherseits aus Charkow in der Ukraine geflüchtet haben. Juris Mutter bringt dort ein Mädchen zur Welt, das nur eine Woche alt wird. Seine Großeltern sprechen Jiddisch und leben nach den jüdischen Religionsgesetzen, was ihre Schwiegertochter für Aberglauben hält. Sie, naturwissenschaftlich denkend, ausgebildete Zahnärztin, stürzt sich dafür auf Bücher. Auch Juris Vater ist Zahnarzt, der im Krieg alle Arten von Gesichtsverletzungen zu versorgen hat. Die Großmutter mütterlicherseits harrt weiter in Leningrad aus. Nach der Befreiung stirbt sie an den Folgen der Unterernährung.

Nach Stalins Tod kommt Juris Vater aus dem Gefängnis – als gebrochener Mann

Bei Kriegsende geht die Familie nach Charkow und von dort für zwei Jahre nach Österreich, wo Juris Vater als sowjetischer Offizier stationiert ist. In Mödling bei Wien wohnen sie in einem Mietshaus, Juri lernt Deutsch mit den Kindern auf der Straße. Zurück in Leningrad wird der Vater 1948 wegen Hochverrats angeklagt – ein Verdacht, der damals schnell zur Hand ist – und zu einer langen Haftstrafe verurteilt. Die Mutter muss jetzt für sich und drei Kinder allein sorgen. Nach Stalins Tod 1953 kommt der Vater wieder frei, „ein anderer, ein gebrochener Mann“, so Feldman.

Die Familie seiner 1939 geborenen Ehefrau Bella hat Leningrad bereits im August 1941 verlassen und lebt bis Kriegsende in Saratow an der Wolga. Beide arbeiten später als Ärzte – Juri als Psychiater, Bella als Internistin. Vor allem Juri Feldman wird immer wieder mit antisemitischen Beleidigungen konfrontiert. Viele jüdische Künstler, die das kulturelle Leben in St. Petersburg in den 60er und 70er Jahren prägen, erzählt er, änderten ihren Namen, damit er weniger jüdisch klingt. Als sich die Sowjetunion Anfang der 90er Jahre auflöst und Sicherheiten wegbrechen, sind für viele Russen wieder die Juden schuld.

1991 entdeckt Bella Feldman eine kleine Notiz in der Zeitung: Deutschland lädt jüdische Bürger aus der Sowjetunion ein! Bis dahin war die Emigration nur nach Israel oder die USA möglich. Am 12. April 1990 bekennt sich die erste frei gewählte Volkskammer der DDR zur deutschen Schuld am Völkermord an den Juden und an der sowjetischen Bevölkerung. In einem Passus heißt es: „Wir treten dafür ein, verfolgten Juden in der DDR Asyl zu gewähren.“ Nach dem Zweiten Weltkrieg hatte die DDR keine so genannte Wiedergutmachung an Israel geleistet, denn die Faschisten saßen ja, so die Staatsdoktrin, in Westdeutschland.