Juri Feldman, Überlebender der Leningrad-Blockade Der Junge aus St. Petersburg

Von Susanne Stephan 

Im September 1941 riegeln die deutschen Truppen das damalige Leningrad ab. Während der Blockade verhungern Hunderttausende. Der vierjährige Juri Feldman und seine Mutter werden gerettet.

Juri Feldman mit seinen Eltern 1942, kurz nach der   Evakuierung über den zugefrorenen Ladogasee Foto: Lichtgut/Max Kovalenko
Juri Feldman mit seinen Eltern 1942, kurz nach der Evakuierung über den zugefrorenen Ladogasee Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Stuttgart - Noch heute kommt Juri Feldman vom Supermarkt jedes Mal mit etwas Brot nach Hause. Auch wenn es nicht auf dem Einkaufszettel stand, auch wenn daheim noch genügend vorhanden ist. Er kann nicht anders: Der Hunger, den er als kleines Kind erlebt hat, sitzt tief im Gedächtnis des Körpers.

Im September 1941, kurz nach Beginn der deutschen Abriegelung von Leningrad, wie St. Petersburg zwischen 1924 und 1991 hieß, beginnt das tausendfache Hungern und Sterben in der Stadt. Vorratslager sind nur wenige angelegt oder werden von der Wehrmacht bombardiert. Einmal bringt Juris Vater, Sanitätsoffizier der Roten Armee, einen Sack trockenes Brot vorbei, mit dem Juri und seine Mutter die nächsten Monate überstehen können. Im zweiten Blockade-Winter werden beide über den zugefrorenen Ladogasee gebracht. Juri ist vier Jahre alt und so geschwächt, dass er nicht mehr allein gehen kann. Seine Mutter, auf unter 40 Kilo abgemagert, muss ihn zu den Lastwagen tragen, die auf der „Straße des Lebens“ ins unbesetzte Gebiet fahren. Sie heißt auch „Straße des Todes“: Vor Juris Augen wird ein Laster von einer deutschen Granate getroffen, verschwindet unterm Eis.

Juri Feldman, Jahrgang 1938, ist Arzt geworden – und Sprecher der Blockadniki, die regelmäßig in den Räumen der Jüdischen Gemeinde in Stuttgart zusammenkommen, um das Kriegsende am 9. Mai zu feiern – wie in Russland üblich einen Tag später – oder die Gründung ihrer Heimatstadt St. Petersburg am 27. Mai. Mit aktuell 56 Mitgliedern gehören sie zu den größten Blockadniki-Gruppen in Deutschland, ihr Durchschnittsalter liegt mittlerweile bei 80 Jahren.

Einige harren bis zum Ende der Blockade aus

In den 90er Jahren sind sie als sogenannte jüdische Kontingentflüchtlinge – dieser Ausdruck wurde aus rechtlichen Gründen gefunden, auch wenn er die Situation nicht ganz trifft – nach Stuttgart gekommen. Die meisten von ihnen wurden im Zweiten Weltkrieg während der fast 900 Tage dauernden Belagerung Leningrads über den Ladogasee geschickt. Einige haben auch bis zum Ende der Blockade im Januar 1944 ausgeharrt, so der Vorsitzende der Stuttgarter Gruppe, Leonid Dugowski, der zu Beginn der deutschen Invasion elf Jahre war.

Erst im dritten Jahr der Belagerung verbessert sich durch militärische Erfolge der sowjetischen Truppen die Lage ein wenig. Rund eine Million Menschen sind da der Belagerung bereits zum Opfer gefallen. Allein im ersten, besonders frostigen Winter 1941/42 sterben Zehntausende. Bald gibt es keine Hunde, Katzen, Vögel mehr in der Stadt: Sie werden gegessen. Die verzweifelten Menschen kochen Ledergürtel, rühren Suppen aus Tapetenleim an. Da Brennmaterial fehlt, zerhackt man die eigenen Möbel und reißt Parkettböden heraus.

Die Hungersnot in Leningrad gehört zum Kalkül der Wehrmacht: Ein langer Häuserkampf in der drei Millionen Einwohner zählenden Stadt würde zu viele eigene Opfer kosten. So wartet man ab. „In Hitlers Augen war Leningrad“, sagt Juri Feldman, „auch eine jüdische Metropole, der er den baldigen Untergang prophezeite.“ Die Formel vom „jüdischen Bolschewismus“ erweist sich als eine besonders wirksame Propaganda.