JVA in Stuttgart-Stammheim Gefängnis wird zum Publikumsmagneten

Von Georg Linsenmann 

Der Tag der offenen Tür im noch unbelegten JVA-Neubau in Stuttgart-Stammheim stieß am Samstag auf starkes Interesse.

Die Besucher konnten auch den Außenbereich der Erweiterung  besichtigen. Foto: Linsenmann
Die Besucher konnten auch den Außenbereich der Erweiterung besichtigen. Foto: Linsenmann

Stammheim - Für die zweieinhalb Stunden, in denen ein Teil der noch nicht belegten Neubauten der Justizvollzugsanstalt zu besichtigen ist, gibt die für diese Zeit für Autos gesperrte Asperger Straße ein wenig das Bild einer hin und her pendelnden Völkerwanderung ab. Mit Kind und Kegel scheint es die Menschen ins Gefängnis zu ziehen. Aus ganz Stuttgart, aber auch aus der weiteren Umgebung. Und weil auch nicht alle Tage Gelegenheit besteht, in einen Bus für den Gefangenen-Transport zu steigen, bilden sich auch dort immer wieder Warteschlangen.

Wie aber blicken die Besucher auf den Bau, was beschäftigt sie angesichts geöffneter Gefängniszellen? Mitten im Besucherstrom, der sich durchs Erdgeschoss von „Haus 3 – Nord“ zieht, ergibt sich ein buntes Bild. Arno Grabinat etwa, der 25 Jahre „in Stammheim“ verbracht hatte, und zwar als Vollzugsbeamter, schaut sich das weiter mit professionellem Blick an: „Die Betten sind fix installiert, früher mussten sie hochgeklappt werden. Ich glaube, die Zellenkontrolle ist nun einfacher für die Kollegen. Da kann man kaum was verstecken“, meint der Senior aus Schwieberdingen .

Freiheit ist draußen

Der zwölfjährige Daniel findet es „cool zu sehen, wie Häftlinge leben. Das ist anders als im Film“, sagt der Junge, die Zelle sei ja „fast wie ein kleines Ferienappartement, also wenn die Gitterstäbe am Fenster nicht wären“. Dann fährt seine Fantasie ein bisschen Achterbahn. Leben möchte er hier dann doch nicht, aber „wer hier rein muss, ist ja wohl selber schuld“, findet er, „also wenn er was mit Absicht gemacht hat und nicht, weil seine Familie in Not war“. Ungefiltert wird so beim Jugendlichen klar, was die Gespräche querbeet bestimmt: Das hier ist keine Reihenhaus-Besichtigung, hier ist man im Gefängnis! Freiheit ist draußen – und die, die hier noch gar nicht anwesend sind, die Häftlinge nämlich, sind dann irgendwie doch gegenwärtig.

„Wenn man da ein paar Jahre drin sitzt, könnte man verrückt werden“, glaubt Susanne Willrett. Deshalb findet sie es gut, dass im Trakt auch eine Gemeinschaftsküche ist: „Das gibt ein Stück Normalität, Kontakt zu anderen.“ Bei ihrer Tochter Marina aber, 24, will die Beklemmung nicht weichen: „Gefangenschaft ist Gefangenschaft“, sagt sie. „Strafe muss sein“, betont ein Mann aus Marbach, der die Einzelzellen „relativ großzügig“ findet. Seine Begleiterin würde gerne differenzieren: „Zwischen einem kleinen Betrüger und einem Gewaltverbrecher. Und für einen Kinderschänder wäre das viel zu schön“. Eine Gratwanderung sei das alles, humaner Strafvollzug aber doch okay, die Menschenwürde wichtig: „Wir sind ja nicht im Sudan oder in Rußland!“ Eines schätzen beide: „Dass man sich selbst ein Bild machen kann, wie Gefangene in Deutschland leben.“

Schutz der Intimsphäre der Gefangenen

Beim Blick aufs Gelände und auf die von Klarsichtbeton geprägte Architektur muss Hans Bense „an die USA denken“, alles signalisiere „Härte und soll möglichst wenig anfällig gegen Zerstörung sein. Daher auch der viele Edelstahl im Innern“. Bense kennt das Verschmutzungs- und Vandalismus-Potential aus Erfahrung, er ist Strafverteidiger. Einen „Riesenfortschritt“ nennt er, dass es in den Gemeinschaftszellen „statt der Schamwand jetzt einen separaten Nassraum gibt, zum Schutz der Intimsphäre der Gefangenen“. Und besonders gefällt ihm, „dass die Fenster auf Augenhöhe sind. In Stadelheim etwa sind sie auf drei Meter Höhe. Hier kann man wenigstens aufs Wetter schauen, in der dritten und vierten Etage auch in die Ferne.“

Warum eine Mutter mit ihren zwei Kindern die Besichtigung macht? „Alle Kinder sollten das sehen! Jungs sowieso. Die müssen ja immer beweisen, wie stark sie sind. Hier sehen sie, welch schwere Folgen es haben kann, wenn man sich nicht an die Regeln hält.“ Ein Familienausflug ins Gefängnis als präventive Erziehungsmaßnahme, Gespräche über Schuld und Sühne, Glück und Unglück. Ziemlich angenehm, dann wieder an der frischen Luft zu sein - und selbst wählen zu können zwischen Waffeln und Roter Wurst, Apfelschorle und Bier. Die Jungs von vorhin jedenfalls wirken wieder ganz entspannt.

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