Kampf um die Box-WM Turm attackiert König

Von Bertram Job 

Das WM-Duell gegen den Polen Mariusz Wach soll der brisante Schachzug von Wladimir Klitschko gegen die Langeweile im Schwergewicht sein.

Wladimir Klitschko will seine Stärke zeigen. Foto: dapd
Wladimir Klitschko will seine Stärke zeigen.Foto: dapd

Hamburg - Dann und wann ist das einfach fällig. Asterix und Obelix hatten die Römer, die sie regelmäßig aus den Sandalen hauten – mal in kriegerischer Absicht, mal zum Zeitvertreib. Vitali und Wladimir Klitschko hingegen bevorzugen für ihre hochdotierten Boxkämpfe in jüngster Zeit polnische Herausforderer. Sie waren bisher so verlässlich-harmlos wie Albert Sosnowski, der gegen Vitali 2010 nicht über eine Statistenrolle hinauskam. Oder so überfordert wie der ehemalige Halbschwergewichtschampion Tomasz Adamek, dem es im vergangenen Sommer gegen Vitali schlicht am echten Kaliber für die Königsklasse fehlte. Beide mühten sich etwas mehr als neun Runden, um am Ende nach Art der Römer nur Sternchen zu sehen.

Das kann Mariusz Wach nicht passieren, sagt Mariusz Wach. Weil er in der dünn besetzten Elite seines Limits ein echtes Schwergewicht darstelle, das sich in seinem ausgereiften Körper zu bewegen weiß. Und wer wollte ihm da widersprechen? Der 32-jährige in New Jersey trainierende Profi ist mit 2,02 Meter Körpergröße dem Weltmeister Wladimir Klitschko noch um vier Zentimeter überlegen – und legt in dieser Woche ein auffallend leises Selbstbewusstsein an den Tag.

Wo immer er geht und steht, möchte er sich eigentlich nur bedanken, dass er am Samstag (22.45 Uhr/RTL) in Hamburg gegen diesen Zwerg aus der Ukraine eine Titelchance erhält. Einmal aber hat er doch etwas Giftiges in dessen Richtung abgesondert. „Er wird viele harte Treffer kassieren“, so die Prophezeiung von Wach, „bis ich ihn schließlich ausknocke.“

Gefahr in Verzug – oder doch nur der nächste Patient in der Praxis von „Dr. Steelhammer“? Darüber können echte und selbst ernannte Insider vor Wladimir Klitschkos 13. Titelverteidigung seit dem WM-Comeback 2006 trefflich streiten. Und natürlich spielen die Größenverhältnisse dabei eine entscheidende Rolle. Nur zu gerne würden die Anhänger dieses Sports von der messbaren Überlegenheit des bisher unbesiegten Herausforderers (27 Siege, 15 davon vorzeitig) auf eine ebenso große Chance schließen, dass der Dauerweltmeister zumindest für einige Runden ernsthaft geprüft wird. Die Erwartungen an den Zirkus Klitschko, wo manches allzu gut geölt über die Bühne geht, sind nach vielen leidlichen Erfahrungen mit den Sosnowskis aller Länder inzwischen recht bescheiden.

Eine romantische Hoffnung ist also im Spiel, wenn Wach (Spitzname: „The Viking“) bei den offiziellen Terminen auf den derzeit besten Boxer im obersten Limit herabschaut. Es ist das Bild, das nun alle Fotografen bevorzugt machen. Im Grunde aber schaut Wach zum Weltmeister auf. Er hat vor acht Jahren mit ihm im Hamburger Universum-Gym gesparrt – auch wenn der sich, als Wach ihm ein gerahmtes Foto überreichte, nicht daran erinnern konnte. Was Wach danach ­gelang, sind Achtungserfolge: gegen den übergewichtigen Iren Kevin McBride, der mal einen alternden Mike Tyson besiegt hat, oder den ebenso turmhohen US-Profi Tye Fields, den er im Frühjahr in sechs Runden zerstörte. So bedächtig der Normalausleger seine Linke oft nach vorne schiebt, so ansatzlos schlägt seine Rechte ein; der Rest ist eine Sache von Sekunden.

Man hat sicher feinere Stilisten im Boxring erlebt, doch die 115 Kilo, die Wach nach Auskunft seines Trainers Juan de Leon in die Waagschale werfen wird, stößt auch ein dreifacher Weltmeister nicht mal eben um. Darum geht Klitschko von „einem harten, brutalen Kampf“ aus – „aber sobald sich die Gelegenheit ergibt, den Kampf vorzeitig zu beenden, werde ich diese nutzen“. Nach dem Tod seines langjährigen Trainers Emanuel Steward im Oktober ist nun der Stallgefährte Jonathan Banks für die taktische Regie verantwortlich. Die Übergangslösung kann dem Titelverteidiger kaum den gleichen sicheren Hintergrund bieten, den er bei der Boxlegende aus Detroit genoss. Abgesehen von den Erinnerungen, die ihn bei seinem 62. Profiduell (58 Siege, drei Niederlagen) womöglich auf Schritt und Tritt verfolgen werden.

Es war Steward, der ihm seit 2004 zu jener Dominanz verhalf, die der 36-Jährige heute ausstrahlt. Nun muss sich erweisen, wie viel davon Klitschko verinnerlicht hat. Einer aber ist sich sicher, dass der König den Turm schlagen wird, „wenn er die richtige Distanz gefunden hat“: der deutsche Boxlehrer Fritz Sdunek, der den Bruder Vitali trainiert und nun als Nachfolger von Steward gehandelt wird.

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