Kanada Banff: Auf kalten Sohlen

Von Philipp Eins aus Banff 

Auf Schneeschuhen kann man leicht durch Tiefschnee stapfen. Wandern in den Rocky Mountains - erste Gehversuche eines Anfängers.

Auf Schneeschuhen kann man leicht durch den Tiefschnee stapfen. Foto: Fotolia
Auf Schneeschuhen kann man leicht durch den Tiefschnee stapfen.Foto: Fotolia

Banff - Die ersten Schritte sind die härtesten. Wenn die Kälte zwickt wie kleine Nadelstiche und sich durch alle vier Kleidungsschichten gräbt. Minus 30 Grad sind es am Lake Louise, einem von schneebedeckten Bergen und Wäldern umgebenen See in den kanadischen Rocky Mountains. Calgary, die nächste Großstadt im Bundesstaat Alberta, liegt 180 Kilometer entfernt. Kein Autohupen, keine Stimmen sind zu hören, nur das Knirschen des tiefen, trockenen Schnees unter den Schuhen. Es klingt, als gehe man auf Styropor. „Vorsicht, ist ziemlich glatt!“, ruft von weitem ein Mann mit einer tief ins Gesicht gezogenen Mütze.

Es ist Michael Vincent, Wanderführer vom Hotel Chateau Lake Louise, einem Fünf-Sterne-Hotel am Ostufer des Sees. Er steht vor einer Hütte am Rande des Kiefernwaldes, lacht, schüttelt den Kopf. „Mit den leichten Stiefeln kommt ihr Europäer hier draußen nicht weit“, sagt er. Vincent verschwindet in der Hütte, kramt in Schränken und Schubläden, bis er mit Überschuhen und zwei länglichen, mit schwarzen Kunst­fasern umwickelten Bügeln wiederkommt. „Schneeschuhe - genau das Richtige für eine Wanderung durch die Wildnis.“ Schon zur Steinzeit gab es Vorläufer solcher Schuhe, erklärt Vincent. Für die Menschen waren sie die einzige Möglichkeit, sich im Tiefschnee fortzubewegen. Die altbekannten Modelle, die in ihrer Form an übergroße Tennisschläger erinnern, kommen ursprünglich aus Skandinavien und verbreiteten sich im 19. Jahrhundert in den Alpen. Mit den schmalen Bügeln von heute haben die altertümlichen Ungetüme nicht mehr viel gemein. Moderne Schneeschuhe sind kurz, handlich, leicht - und haben gegenüber Skiern einen entscheidenden Vorteil: „Während man mit Skiern nur die Piste runterkommt, bringen einen diese Schuhe überall hin“, sagt Wanderführer Vincent. Anfangs fühlt sich alles noch recht instabil an. Besonders an den Abhängen rutscht man als Anfänger mehr, als dass man geht. In der Regel hat man aber schon nach etwa einer halben Stunde den Dreh raus. Seit 20 Jahren arbeitet Vincent für das Chateau Lake Louise. Die Preise sind hoch, die Gäste vermögend.

„Hier in den Rockys beginnst du, die Natur zu respektieren"

Die meisten von ihnen kommen zum Skilaufen. Die Rockys zwischen der 6000-Einwohner-Stadt Banff und Lake Louise gelten als eine der nobelsten Adressen des Pistensports. „Champagne Powder“ nennen die Kanadier den trockenen Pulverschnee. Lange Schlangen vor den Liften und bierfröhliche Schlagerlaune in Après-Ski-Zelten gibt es hier nicht. In den vergangenen Jahren haben jedoch immer mehr Menschen in Alberta ihre Skier gegen Schneeschuhe eingetauscht. „Schneeschuhwandern lässt sich leicht erlernen, man kann es überall dort machen, wo man auch auf Langlaufskier steigen könnte“, erklärt Vincent. Einige der 69 Provinzparks und fast 250 andere Erholungsgebiete in Alberta haben inzwischen Wege extra für Schneeschuhwanderer markiert. In den Besucherzentren der Parks erhalten die Gäste Auskunft über den Zustand der Strecken sowie Wanderkarten und den aktuellen Lawinenbericht. Der Pfad führt über einen Hang mit Kiefern entlang, deren Äste sich unter Eisschichten biegen. Bei jedem Schritt wirbeln kleinste Schneekristalle wie Kreidestaub durch die Luft, glitzern in der Sonne. „Hier in den Rockys beginnst du, die Natur zu respektieren - denn du merkst, wie klein du vor ihr bist“, sagt Vincent.

Auf einer Anhöhe lässt es sich gut für einen Moment verschnaufen. Stille. Ringsherum nichts als weiße Wipfel, zwischen denen sich einige Sonnenstrahlen brechen. Nicht ein Windzug ist zu spüren, auch von den Wildtieren fehlt um diese Jahreszeit jede Spur: Grizzlybären und Biber halten Winterruhe, die nordamerikanischen Wapiti-Hirsche haben sich bereits im Herbst ins Tal zurückgezogen. Gegen Nachmittag ist die Schneeschuhwanderung rund um Lake Louise vorbei. Trotz Daunenjacke und gefütterter Hose ist man bei den frostigen Temperaturen schnell durchgefroren - nichts hilft da besser als eine Tasse heißer Tee im geschützten Wintergarten des Hotels. So ist eben der kanadische Winter, sagt Michael Vincent zum Abschied. Man gewöhnt sich dran. Im Notfall habe er für unbedarfte Großstädter immer ein zweites Paar Handschuhe und eine Decke im Rucksack.

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