Kanada Geisterschiff auf hoher See

Gerd Braune, 06.02.2013 18:17 Uhr

Im stürmischen Nordatlantik treibt ein menschenleerer Dampfer. Zwei Jahre lang hatte das russische Kreuzfahrtschiff Lyubov Orlova beschlagnahmt im Hafen der kanadischen Stadt St. John’s in Neufundland gelegen, bevor es zum Abwracken abgeschleppt wurde, sich bei hohem Wellengang aber losriss. Jetzt droht das Geisterschiff internationale Schiffsrouten im Atlantik zu kreuzen.

Ein Sender auf der Lyubov Orlova, angebracht von der kanadischen Küstenwache, schickt Signale aus, um die Besatzung anderer Schiffe zu warnen. Auch auf den Radarschirmen ist das 100 Meter lange Schiff, das Platz für 100 Kreuzfahrtpassagiere bot, auszumachen. Ein Zusammenstoß mit einem Containerschiff könne gravierende Folgen haben. „Ich fürchte, dass das Schiff nicht mehr auf dem Radar zu sehen ist, wenn es teilweise versinkt“, sagt Mac Mackay, ein Schifffahrtsblogger in Halifax.

Streit zwischen Eigentümer und Tourunternehmen

Unklar ist, wie viel Treibstoff noch an Bord ist. Whit Sheard von der Umweltorganisation Oceana befürchtet, dass das Schiff wahrscheinlich giftige Chemikalien wie PCB, Blei, Quecksilber und Asbest enthalte, elektronische Geräte, Öl und Schmierstoffe. Das 1976 in Jugoslawien für ein sowjetischen Unternehmen gebaute und nach der Schauspielerin Lyubov Orlova benannte Kreuzfahrtschiff ist nur noch ein Wrack. Jahrelang hatte es Touristen in die Arktis und Antarktis gebracht. Im September 2010 aber wurde es in St. John’s wegen eines Streits zwischen dem Eigentümer und dem Tourunternehmen Cruise North beschlagnahmt. Seitdem verrottete das Schiff im Hafen. Es bekam Schlagseite, zeigte auch immer mehr Roststellen.

Bei schlechtem Wetter riss das Schlepptau

Ein iranischer Geschäftsmann kaufte den Kasten für 275 000 Dollar, um ihn in der Dominikanischen Republik zu verschrotten. Das vorerst letzte Kapitel der Geschichte der Lyubov Orlova begann, als Ende Januar ein Schleppboot den Dampfer aus dem Hafen zog. Vor Neufundland tobten Stürme mit zehn Meter hohen Wellen, das Schlepptau riss. Der Dampfer trieb führungslos auf die östlich gelegenen Ölplattformen zu. Das Ölunternehmen schickte ein Schiff, um den Dampfer einzufangen.

Am Wochenende erreichte die Lyubov Orlova dann internationale Gewässer. Weder das Verkehrsministerium von Kanada noch der Eigentümer des Schiffes fühlen sich zuständig. Das Schiff sei in internationalen Gewässern, und es bestehe keine Gefahr für die Ölplattformen, ein Abschleppen sei aber zu riskant. So dümpelt das Schiff auf dem Nordatlantik. Kein Mensch an Bord, allenfalls eine Schar Ratten. Falls die Lyubov Orlova nicht sinken sollte, könnte die Strömung sie bis an die Küste Irlands oder Nordschottlands treiben.