Kanada Mit dem Wohnmobil durch Alberta

Von Maggie Riepl aus Alberta 

Mit dem Camper unterwegs in Alberta ist man der Natur ganz nahe. Allerdings sitzt manchmal ein Eichhörnchen auf dem Fahrersitz.

Über das glasklare Wasser des Upper Waterton Lake gleitet ein Kajakfahrer. Foto: Riepl
Über das glasklare Wasser des Upper Waterton Lake gleitet ein Kajakfahrer.Foto: Riepl

Alles ist ruhig frühmorgens im Waterton-Lakes-Nationalpark. Die Sonne lugt hinter den schroffen Bergen hervor, ihre ersten Strahlen erleuchten den nahen See. Die Tür des Wohnmobils knarzt beim Öffnen, klare, kühle Luft strömt herein. Zwei Meter entfernt äsen friedlich drei Rehe. Sie heben die Köpfe, werfen einen kurzen Blick auf den Menschen und zupfen ungerührt weiter Gras. Gelassen wie die Menschen in Kanada sind scheinbar auch die Tiere. Wenig später springt ein graues Eichhörnchen ins Wohnmobil, hüpft auf den Fahrersitz, guckt neugierig aus Kulleraugen und ist mit einem großen Satz wieder weg. Genau diese Natur-pur-Erlebnisse erhofft sich wohl jeder, der zu einer Camperreise nach Kanada startet. Nächster Wunsch: Begegnung mit Bären - in ungefährlicher Sichtweite bitte. Und Elche in freier Wildbahn wären das perfekte Urlaubsglück.

Dabei war bei der Ankunft die Freude recht gedämpft. Auf dem Parkplatz der Autovermietung in Calgary reihten sich Dutzende monströser Wohnmobile aneinander. Das bestellte Motorhome MH 23, mit 7,35 Metern eines der kleineren Modelle, war in natura riesig und für einen Kleinwagen-Besitzer eine echte Herausforderung. Auf den ersten Schreck folgte auch noch ein zweiter: Die Einführung erfolgte im Eiltempo - mitschreiben sei hier wärmstens empfohlen. Wie man zum Beispiel das Seitenteil, das das Wohnmobil im Stand um einen guten Meter verbreitert, aus- und vor Abfahrt wieder einfährt. Oder wo das Kabel für den Strom verborgen ist oder wie man den Abwasserschlauch befestigt. Für Notfälle gibt es zwar auch ein dickes Handbuch, aber besser wendet man sich bei Problemen an den Camping-Nachbarn. Kanadier helfen gern. Das Fahren der Riesenkiste ist wider Erwarten kein Problem. Schnell gewöhnt man sich an das leichte Schaukeln und den Blick in beide Außenspiegel. Die Straßen sind breit und meist leer, die Campingplätze so geräumig, dass selbst Rangieren einfach ist. Innen erwies sich das Bett als breit und bequem. Das Bad allerdings erforderte artistische Verdrehungen beim Duschen und Zähneputzen.

Begegnungen mit Bären

Am Upper Waterton Lake ist Zeit zum Umstieg auf ein anderes Verkehrsmittel. Kapitän Tommy Decerbo, der seiner Heimat New York vor vielen Jahren Lebewohl sagte, lenkt sein 90 Jahre altes Boot über das glasklare Wasser vorbei an Wäldern und Bergen mit Schneehäubchen. Das Südende des Sees gehört bereits zum US-Bundesstaat Montana. Bei einer Tour zu einsamen Bergseen mit Guide Holly Lauscher aus Waterton ist mehr Fitness gefragt als bei der Bootspartie. Die fünffache Großmutter geht mit flottem Schritt voran. Nebenbei verweist sie auf angeschabte Baumrinde und ausgerissene Pflanzen am Wegesrand: Bärenspuren. Will man wirklich einem begegnen? Hollys Rat: immer schön laut sein und am besten singen. Holly hat auch Pfefferspray dabei, aber wohl mehr aus psychologischen Gründen. Wer will sich schon einem Bären auf zwei Meter nähern, um ihm erst in die Augen zu zielen und dann flott zu fliehen.

Charlie Russell, ein Naturforscher und Buchautor aus Waterton, glaubt an das Gute im Bären. „Wenn man ihm freundlich begegnet, tut er nichts.“ Dass Kanada und die Nationalparks Bärenland sind, darauf wird überall hingewiesen. Camper werden gewarnt, bloß keine Lebensmittel draußen liegen zu lassen. Gut, dass man dank Minibad nicht im Dunkeln zu den Waschräumen laufen muss. Und während man noch sinniert, ist Meister Petz auch schon da. An einem Aussichtspunkt oberhalb des Waterton Lake streunt ein junger Schwarzbär um die Mülltonnen eines abgelegenen Hotels. Er sieht tapsig und so gar nicht gefährlich aus. Noch ein bisschen näher ran für ein Foto - doch Holly winkt, jetzt besser ins Auto einsteigen. Der Bär trollt sich hinunter zum Strand.

Head-Smashed-In Buffalo Jump

Richtung Norden empfiehlt sich ein Abstecher zum Head-Smashed-In Buffalo Jump. Die Holperstraße auf den letzten Kilometern lässt das Geschirr in den Oberschränken klappern. Mitten in der Prärie der Porcupine-Berge liegt dieser „Abgrund der zu Tode gestürzten Bisons“, 1981 von der Unesco zum Weltkulturerbe erklärt. Die elf Meter hohen Sandsteinklippen nutzten die Indianer 6000 Jahre lang für eine sehr spezielle Jagdtechnik. Die Männer schlichen sich als Wölfe verkleidet vor eine Bisonherde und trieben die Tiere auf die Klippen, wo sie zu Tode stürzten. Felle und Fleisch der Bisons waren für die Indianer lebensnotwendig, vor allem für die kalten Winter. Bei Kananaskis endet die weite steppenartige Landschaft, erste Ausläufer der Rockys zeigen sich. Die Nachtruhe auf dem Spring Creek Mountain Village bei Canmore wird durch das Pfeifen etlicher Eisenbahnen unterbrochen, aber irgendwie hat das auch einen Hauch von Wildwest-Romantik.

Die erlebt man auch in Banff, dem quirligen Städtchen am Rande der Rocky Mountains. Im Saloon Wild Bill werfen muskelbepackte Cowboys ihre Hüte und schwenken ihre Mädels zu den Country-Songs der Live-Band. Der nahe gelegene Lake Louise ist ein Pflichtprogrammpunkt in Alberta. Die je nach Tageslicht türkis- bis tiefblaue Farbe stammt von Steinmehl, das von Gletscherschmelzwasser in den See gespült wird. Imposant am Ufer liegt das schlossähnliche Hotel Fairmont Chateau Lake Louise. Unbedingt sollte man zu einer Kanutour auf dem glasklaren See starten. Tagsüber muss man den grandiosen Ausblick auf See und „Schloss“ mit Hunderten Touristen teilen. Morgens um 7 Uhr hat man alles für sich alleine, rät Jeff Counter vom Kanuverleih. Doch wer ist schon im Urlaub so früh unterwegs? Zumal die Handgriffe im Wohnmobil noch immer nicht perfekt sitzen. Also wiederkommen? Unbedingt! Es fehlen ja auch noch die Elche fürs Fotoalbum.

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