Kanadischer Bürgermeister 15 Monate im selben Anzug

Von Gerd Braune 

Der kanadische Bürgermeister Richard Stewart will belegen, dass Männer und Frauen in der Politik und in den Medien ungleich behandelt werden. Dazu führt er ein ungewöhnliches Experiment durch.

Stewart wählte für das Experiment einen eher   unauffälligen Anzug. Foto: privat
Stewart wählte für das Experiment einen eher unauffälligen Anzug.Foto: privat

Kanada - Wenn es um die Garderobe geht, werden Frauen und Männer in Politik und in Medien völlig ungleich behandelt. Davon ist Richard Stewart jetzt überzeugt. Er führte den Beweis in einem „sozialen Experiment“, wie er es nennt: 15 Monate lang trug der Bürgermeister der Stadt Coquitlam bei Vancouver bei Sitzungen des Stadtrats und von Ausschüssen und bei öffentlichen Auftritten immer den gleichen Anzug – und keiner hat es gemerkt. „Bei Frauen würde bereits nach wenigen Tagen das Gerede beginnen“, stellt er fest.  

Mit seinem Experiment will er offengelegt haben, wie ungleich das Auftreten von Frauen und Männern beurteilt wird. Bei Politikern werde die Kleidung nicht kritisiert, sagt der 56-jährige Kommunalpolitiker, das sei kein Thema in der Öffentlichkeit. Politikerinnen aber würden oft nach ihrem Äußeren bewertet, nicht nach ihrer Leistung. „Ich habe Töchter, und ich sehe, dass die Gesellschaft hier Barrieren für Frauen und ihre Karriere aufbaut. Barrieren, die für Männer nicht bestehen. Darauf will ich aufmerksam machen.“  

Im November 2014 entschied Stewart, stets den gleichen Anzug zu tragen. „Ein dunkelblauer Anzug, von der Stange, langweilig“, beschreibt er sein Outfit. Er hatte damit gerechnet, dass er sehr bald darauf angesprochen werde, dass er immer mit dem gleichen Anzug auftrete – aber nichts geschah. Angeregt wurde er durch ein ähnliches Experiment in Australien, wo ein Fernsehmoderator ein Jahr lang bei seiner Show immer den gleichen Anzug anhatte, ohne dass das gerügt wurde, während es gleichzeitig Kommentare über Kleidung und Frisur seiner Co-Moderatorin gab. „Ich wollte es nicht glauben, und so entschied ich, das auch zu versuchen“, sagt Richard Stewart jetzt.

Weder Kollegen noch die Familie waren eingeweiht

Zu seinem Anzug trug er ein schlichtes hellblaues Hemd und eine rote Krawatte. Manchmal wechselte er die Krawatte, aber als er einmal das Kompliment hörte, welch eine schöne Krawatte er trage, entschied er sich für unauffällige Modelle, um nicht von seinem Anzugexperiment abzulenken. Dass er dieses Experiment durchzog, behielt er als Geheimnis für sich, weihte weder Kollegen noch seinen Mitarbeiterstab ein. Auch seine Familie wusste nichts davon. Seine Frau ist berufstätig, verlässt am frühen Morgen das Haus, und Richard Stewart lässt seinen Anzug oft im Büro. Er fährt mit dem Fahrrad zur Arbeit   und kommt nach Sitzungen oft erst spät in der Nacht nach Hause, wenn seine Frau schon schläft. „Ich glaube, ich könnte auch nicht sagen, was meine Frau am Morgen anhatte, als sie das Haus verließ“, sagt er.

Stewart war früher Mitglied des Provinzparlaments von British Columbia. Von ­seinen Kolleginnen hatte er mehrmals gehört, dass sie Kommentare über ihr Auftreten erhielten. „Sie haben negative E-Mails von Bürgern bekommen, dass ihre Bekleidung nicht angemessen sei, dass sie zu häufig das Gleiche trügen und warum sie nicht mal was anderes anziehen würden – Kommentare, die ich als Mann niemals hören würde“, sagt Stewart. Mit seinem Experiment wollte er aus erster Hand erfahren, welche unterschiedlichen Standards an das Auftreten von Männern und Frauen gelegt werden.

Diesen Beweis hat er nun. „Ich kann mir nicht vorstellen, dass eine Frau mehr als ein Jahr lang immer dasselbe Kleid tragen könnte. Aber ein Mann könnte – und er konnte“, zieht er Bilanz. „Frauen müssen eine umfangreiche Garderobe für ihr professionelles Auftreten haben, bei Männern reicht es, wenn sie einen langweiligen Anzug haben.“

Politikerinnen bestätigen seine These

  Die „Vancouver Sun“ nahm Stewarts Erfahrung zum Anlass, bei Politikerinnen nachzufragen. Von der Stadträtin Melissa De Genova in Vancouver hörten sie, dass diese von männlichen Kollegen den Rat erhielt, sie solle sich konservativer kleiden und ihr blondes Haar färben, dann würde sie ernster genommen. Christy Clark, die Regierungschefin von British Columbia, pflichtete Stewart bei: „Ich habe auch derartige Erfahrungen gemacht. Aber Politik ist nicht der einzige Ort. Es passiert an allen möglichen Arbeitsplätzen und in vielen Facetten des Lebens. Frauen sollten für ihre Ideen geschätzt werden, für das, was sie vortragen, für ihre Beiträge.“  

Eine Vorsichtsmaßnahme ergriff Stewart allerdings, um seine Umgebung nicht aufmerksam zu machen: Einmal im Monat brachte er den Anzug in die Reinigung. „Jedenfalls oft genug, dass man nicht am Geruch merken konnte, dass ich immer das Gleiche anhatte“, sagt er.

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3 KommentareKommentar schreiben

Vergleich hinkt: Männeranzüge sind nunmal im Gegensatz zur Frauenkluft hochgradig genormt. Man muss ja nur mal Gruppenfotos von offiziellen Anlässen (irgendwelche Gipfeltreffen o. ä.) anschauen. Die Männer alle in dunklen Anzügen. Was soll da variiert werden? Frauen haben die Möglichkeit zu Kostüm oder Kleid oder was ganz Ausgefallenes. Auch die Farben können individuell gewählt werden von gedeckt über knallig rot oder blau etc. Da fällt es logischerweise auf, wenn mal immer da gleiche getragen wird. Die große Freiheit der Frauen in Bezug der Kleiderwahl soll jetzt wohl in eine weitere Benachteiligung umgedeutet werden.

selber schuld: Solange die Frauen selbst glauben, dass sie ohne Makeup, Wimperntusche, Lidschatten und Lippenstift nicht "gut" aussehen, dürfen sie sich nicht wundern, wenn genau das in der Beobachtung nach vorne kommt. Ist das Kleid farbig auffällig und der Ausschnitt tief, wird Kleid zum thema und nicht das, was die Trägerin sagt. Ich stelle mir die Diskussion über einen Regierungssprecher vor, der in Shorts, mit Hawaii-Hemd und dick mit Schmuck behangen eine Pressekonferenz gibt. Kommt der dann noch mit vielen Piercings, geschminkt und mit buntem Irokesen-Haarschnitt dürften die Pressevertreter eher über sein Outfit als über die Sachaussage schreiben. Selbsterständlich darf sich jede(r) so schmücken wie sie(er) will, wer seriös erscheinen will, hat es mit passendem Auftreten eben leichter.

immerhin: hat er ihn ab und zu reinigen lassen.

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