Karl Ove Knausgard: „Kämpfen“ Im Spiegelkabinett der Zeit

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Es ist vollbracht: Mit dem letzten Band „Kämpfen“ liegt nun der Romanzyklus auf Deutsch vor, in dem der norwegische Schriftsteller Karl Ove Knausgard sein Leben bloß legt. Der Titel drückt aus, was dem Leser bevorsteht. Davon sollte man sich nicht abhalten lassen.

Karl Ove Knausgard blickt durch die offene Tür zwischen Text und Wirklichkeit. Foto: André Løyning
Karl Ove Knausgard blickt durch die offene Tür zwischen Text und Wirklichkeit. Foto: André Løyning

Stuttgart - Knapp 1300 Seiten, über ein Kilo Buch, seitenweise kein einziger Absatz und in der Mitte ein riesiger Essay, an dem sich wie an einer Mauer der Erzählfluss staut: Der Schlussstein, mit dem der norwegische Autor Karl Ove Knausgard den monumentalen Romanzyklus über sein Leben versiegelt, hat es in sich. „Kämpfen“ ist die deutsche Übersetzung des sechsten und letzten Bandes überschrieben. Wer dazu nicht bereit ist, wird vermutlich kaum bis zum Morgen jenes zweiten September 2011 vordringen, an dem der Autor notiert, dass das gewaltige Werk endlich fertig sei, und er sich nun auf seine Frau Linda freue, um ihr und den Kindern zu geloben, ihnen nie wieder so etwas antun zu wollen.

Zur Beschäftigung mit dem Phänomen Knausgard gehört die einschlägige Kenntnis literarischer Suchtsymptomatiken. Massenhysterie, Medienerregung, Bestsellertaumel – solche Begriffe liegen in der Luft, wenn man sich ihm nährt. Während die eine Hälfte in ihren Leseextasen überrascht sich selbst gewahrt, schäumt die andere Hälfte gerade wegen der skandalösen Wiedererkennbarkeit: Anwälte und Medien laben sich lüstern an der unerhörten Indiskretion, mit der der Autor das alkoholische Todeselend seines Vaters und die bipolare Passion seiner Frau vor aller Augen ausbreitet, frühere Geliebte brüskiert, Kinder, Verwandte, Freunde zum Opfer eines Experimentes auf Leben und Text macht.

Der Onkel tobt

Nun also „Kämpfen“. Nicht nur für die Familie, auch für den Leser ist dieser letzte Band eine Belastungsprobe. Hier wird die monumentale Verspiegelung auf die Spitze getrieben. Die beiden Teile umfassen die Zeit während der Niederschrift des ersten und des letzten Bandes von „Min Kamp“, wie der norwegische, Massensuggestionen durchaus aufgeschlossene Original-Titel des Zyklus lautet - in Deutschland begnügt man sich mit harmloseren Titel für die einzelnen Werkteile: „Sterben“, „Lieben“, „Spielen“, „Leben“ und „Träumen“.

Knausgard schreibt, der Leser schaut ihm zu und beobachtet, wie dieses Projekt, das sich der reinen Beobachtung überantwortet hat, eigene Realitäten schafft. Der erste Teil ist beherrscht von dem tobendem Onkel, der sich gegen die Weise empört, in der Knausgard in „Sterben“ seinen Vater dargestellt hat. Er droht mit rechtlichen Schritten, attackiert den Verlag und bringt die Presse gegen den Autor in Stellung, der wiederum von Zweifeln gemartert wird, wie sich die von ihm intendierte Wahrhaftigkeit zu den Lügen-Vorwürfen des Onkels verhält.

Schwerer Bildungsballast

Einmal wird die Analyse des französischen Religionsphilosophen René Girard zitiert, nach der das Nachgemachte, Imitation, Mimesis zu den grundlegendsten Tabus der Kultur zählen, was noch im Unheimlichen der romantischen Doppelgängerfigur weiterlebt. Weite Teile von „Kämpfen“ reflektieren den Tabubruch, den Knausgard durch die erzählerische Verdopplung seiner Lebenswelt begeht. Spiegel wohin man blickt: Sei es, dass sich der Erzähler beim Pinkeln selbst betrachtet, und darüber sinnt, wie sich seit der Geburt der ältesten Tochter große Furchen in Stirn und Wangen gegraben haben; sei es, dass er sich an die Reihe der Gesichter erinnert, „die in der illusorischen Tiefe des Spiegels verschwanden, als ich als kleiner Junge mit einem anderen, Bilder erzeugenden Spiegel in der Hand vor dem Spiegel stand. Kleiner und kleiner und kleiner, tiefer und tiefer hinein, bis in alle Ewigkeit.“

Vieles in diesem letzten Band geht in endlosen Reflexionen verloren. Im vielgerühmten Sog des Erzählens treiben diesmal nicht nur die alltäglichen Dinge, Kinderszenen, Einkäufe, Gespräche, die Sorge, wie sich die Bedingtheiten des Lebens mit dem Unbedingtheitsanspruch des Ich vereinbaren lassen. Als bedürfte es eines Gegengewichts für das in Banalitäten verfliegende Dasein, holt Knausgard schweren Bildungsballast ins Boot: Homer, Laokoon, die übermächtigen Ahnen Joyce und Proust. Im Mündungsdelta des Knausgard’schen Erinnerungsstroms verfranzt sich, was man Handlung nennen könnte, in immer ausschweifenderen Nebenkanälen, und kommt schließlich vorübergehend ganz zum Stillstand.