""Wunderbar – ein Kind, und alle werden app-laudieren!""
Renata Santos, auch eine Trommlermuse
Rio de Janeiro - Sie ist eines dieser süßen kleinen Mädchen, wie man sie aus der Fernsehreklame kennt, wo sie freudestrahlend in kuschelige Wollpullover schlüpfen oder in knusprige Knabberriegel beißen. Júlia Lira, sieben Jahre alt, soll zwar auch - im weitesten Sinne - Werbung machen.
Wille des Vaters
Aber wenn es nur um Waschpulver oder Süßigkeiten ginge, dann würden sich dieser Tage nicht ein Familiengericht und ein bisschen auch die brasilianische Öffentlichkeit mit ihrem Einsatz beschäftigen. Der Fall Júlia Lira ist komplizierter: Marco Lira, ihr Vater und Präsident der Sambaschule Viradouro, ist auf die Idee gekommen, seine Tochter zur "rainha da bateria" zu machen.
Die "bateria" ist die Trommler- und Schlagzeugtruppe einer Sambaschule, und das Amt der "rainha", der Königin, haben traditionell etwas ältere Mädchen als Júlia inne. Die freilich kennt man auch aus dem Fernsehen: bekleidet mit wenig mehr als nichts. In Brasilien reißen sich die Stars und Starlets darum, als "rainha da bateria" die Sexbombe geben zu dürfen, denn erotischer aufgeladen als die Königin der Trommler ist keine der klassischen Figuren im Karneval von Rio - und diese Rolle soll nun eine Siebenjährige ausfüllen?
Aufreizend soll sie nicht gekleidet werden
Für den Vater Marco Lira kein Problem: "Ein Mann, der mit Erregung reagiert, wenn er ein siebenjähriges Kind anschaut, gehört zum Arzt!", sagt er auf die Vorhaltung, er gebe seine Tochter zur sexuellen Ausbeutung frei. Im Übrigen sei die Kleine bereits mitmarschiert, als sie fünf war - bloß eben nicht an der Stelle, an der sonst die knapp bekleideten Sexsymbole der brasilianischen Unterhaltungsindustrie die Brüste und Hintern im Sambarhythmus tanzen lassen. Aufreizend, so versichert Júlias Mutter Mônica Lira, werde sie natürlich nicht gekleidet sein, sondern "kindgemäß". Der Vater beteuert: "Ich würde doch meine eigene Tochter niemals in erotische Kleidung stecken!"
Das überzeugt erwartungsgemäß nicht alle. Nicht, dass ein Proteststurm losgebrochen wäre; viele finden die Idee, eine Siebenjährige mit dem begehrten Amt der Trommlermuse zu betrauen, einfach originell und nett. Carlos Nicodemos, der Chef des brasilianischen Kinderschutzrates, hat zwar nichts dagegen, dass Kinder im Karneval mitmachen, das gehöre einfach zur Kultur des Landes. Aber ein kleines Mädchen dort auftreten zu lassen, wo normalerweise reichlich nackte Frauen paradieren, trägt in seinen Augen dazu bei, "Kinder noch mehr zum Sexualobjekt in der brasilianischen Gesellschaft" zu machen.
Und deshalb wird in den nächsten Tagen ein Familiengericht in Rio darüber befinden, ob Júlia Lira ihres Amtes walten darf, wenn die Sambaschule Viradouro am Faschingsmontag gegen halb zwei Uhr morgens in die Sambodrom genannte Karnevalsstraße in Rio einmarschiert.
PR-Effekt für "ganz viel Eis"
Für Júlia plädiert zum Beispiel ihre Vorvorgängerin, die beliebte Schauspielerin Juliana Paes. Auch Renata Santos, die bei der berühmten Sambaschule Mangueira die Muse der Trommler ist, hält die Siebenjährige für "wunderbar - ein Kind, und alle werden applaudieren!" Und Raíssa Oliveira von der Sambaschule Beija-Flor empfindet die Idee, den Trommlern ein Kind voranzuschicken, als "eine Revolution".
Neben dem PR-Effekt hat die kleine Júlia einen weiteren Riesenvorteil: sie ist nicht zickig. Eigentlich wollte ihre Schule, die in diesem Jahr in ihrem Aufzug das Thema Mexiko behandelt, die mexikanische Popsängerin Thalia einfliegen lassen, aber die verlangte einen Privatjet plus Luxushotel für sich, ihre Band und ihre zehn Leibwächter. Júlia dagegen, sagt ihre Mutter Mônica, "wünscht sich nur viel Eis!"