Karneval in Rio de Janeiro Wen stört die Krise? Rio feiert unverdrossen

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Schwierige Wirtschaftslage und Zika-Virus. Brasilien befindet sich in einer Krise. Oder nicht? Beim Karneval in Rio wird getanzt und gefeiert wie eh und je.

Buntes Treiben auch 2016 im Sambodrom. Foto: dpa 21 Bilder
Buntes Treiben auch 2016 im Sambodrom.Foto: dpa

Rio de Janeiro - Brasilien in der Krise? Rio de Janeiro jedenfalls ist im Karnevals-Taumel: Die glitzernd-glamourösen Aufzüge der Samba-Schulen sind genauso prächtig wie eh und je, auf den Straßen tanzen Millionen Menschen im Samba-Rhythmus, das Tourismus-Geschäft brummt, und dass die Frauen sehr wenig anhaben, hängt eher mit der Erotik zusammen als mit der Wirtschaftslage. Wo ist sie also, die Krise, die Brasilien beutelt?

„Krise? Krise gibt es in Brasilien andauernd!“, antwortet Henderson, 34, von Beruf Erdkunde-Lehrer, leichthin auf die Frage, wo die Krise sei. Henderson läuft bei einem der über 500 „blocos“ von Rio de Janeiro mit. So heißen die Umzüge, die normalerweise ein paar Freunde ins Leben gerufen, die sich einen Namen ausgedacht und ein Karnevalslied komponiert haben – und dann einfach losmarschiert sind.

Die Krise ist trotzdem präsent

Hendersons „bloco“ ist atypisch, weil er von nichtbrasilianischen Lateinamerikanern gegründet wurde und den Namen „Bésame mucho“ trägt, so wie das mexikanische Lied. Ein Dutzend Trommeln und ebenso viele Blechblasinstrumente – selbst ein Sousafon reckt seinen gewaltigen Trichter über die Menge – machen die Musik: Heuler wie „Cielito lindo“ und „Bésame mucho“ natürlich. Untypisch ist auch die Zahl derer, die hinter der Band die buckeligen Kopfsteinpflaster-Straßen hinunterziehen: Mehr als 500 sind es kaum. Zum Vergleich: das „bloco“ von Preta Gil, der ebenfalls prominenten Tochter des berühmten Musikers Gilberto Gil, bringt eine Viertelmillion auf die Beine. Und für den Superlativ ist „Bola preta“ gut: Mehr als eine Million Menschen drängten sich am Samstag früh zu diesem „bloco“ in Rios Zentrum.

Die Krise ist trotzdem präsent. Gut 30 VIP-Logen im Sambodrom stehen leer, weil sich keine Firmen fanden, die die horrenden Mieten zahlen. Bis auf eine hat keine der zwölf Samba-Schulen der Spitzen-Liga Sponsoren angelockt. Dabei sind die Schulen, wie die Karnevalsvereine hier heißen, nicht zimperlich, wenn’s ums Geld geht. Der Samba-Musiker Neguinho da Beija-Flor hat die wirtschaftliche Logik auf den Punkt gebracht: Wenn ein Sponsor das wolle, so lästerte er in einem Interview, dann würden die Schulen sogar Klopapier zum Gegenstand eines „enredos“ machen, wie die Themen der Umzüge heißen. Kaum übertrieben: 2012 gab es einen firmenfinanzierten „enredo“ über Joghurt.

Die Vereine nagen dennoch nicht am Hungertuch. Sie kassieren bei den TV-Rechten und bei den 70 000 Eintrittskarten fürs Sambodrom kräftig mit. Die Stadt Rio, deren Kliniken und Schulen darben, hat ihren Zuschuss verdoppelt, auf umgerechnet eine halbe Million Euro pro Schule der Spitzenklasse. Der Karneval zieht eine Million Touristen an, die in der Stadt 175 Millionen ausgeben.

Aber in rund 100 anderen Städten haben die Rathäuser ihre Zuschüsse für den Fasching radikal zusammengestrichen. Vor allem die an der Küste, die vor ein paar Jahren noch steinreich waren, weil sie fette Abgaben aus der Offshore-Ölförderung kassierten. Aber nun ist der Ölpreis auf ein Drittel von damals gesunken.

60 Prozent politischer Inhalt beim Karneval

Als Karnevalsthema ist die Krise bei den Samba-Schulen kaum präsent. So etwas Negatives passt nicht zum allfällig waltenden Fröhlichkeitsanspruch. Und es wäre thematisch auch schwer durchzuhalten; acht riesige Wagen und an die 5000 Tänzer schickt jede Schule durchs Sambodrom. Und drittens wird ist das Enredo-System unflexibel; zwischen Idee und Verwirklichung verstreicht fast ein Jahr.

Politische Enredos sind, rückblickend betrachtet, meist peinlich für die Schulen – die Militärdiktatur wurde oft karnevalistisch verherrlicht. Die „blocos“ dagegen hatten ihren Aufschwung in den Achtzigern, in der Endphase der Diktatur – mit giftiger Satire und aktueller Anpflaumerei. Der kritische Geist weht dort bis heute: 60 Prozent ihrer diesjährigen Karnevals-Kompositionen waren politischen Inhalts.

Und die Zika-Epidemie? Mit zierlichen Flügelchen und spitzen Stechstacheln ist die Überträgermücke zum Faschingskostüm geworden.

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Warum sollte das: nicht so sein ? Wir, die ewigen Pessimisten und Dauer- Büßer können dieses Verhalten natürlich mit unser Willkommens-Kultur-Frömmigkeit nicht in Einklang bringen, ist es doch Angesichts der Krisen auf diesem Planeten für uns nur noch unter Vorbehalten und Selbstkasteiungen möglich, Freude am Dasein zu finden. Mit unserer vordergründigen , verlogenen, humanistischen Doppelmoral versuchen wir uns wenigstens etwas Freude ins triste Dasein zu bringen, in dem wir für alle Gepeinigten, Verfolgten und Hilfesuchenden unsere grenzenlose Hilfsbereitschaft zelebrieren. Dabei verdrängen wir die reale Tatsache , dass wir uns selbst zu Hilfsbedürftigen machen. Die einen feiern Ausgelassen das Leben, trotz, oder gerade wegen der kritischen Zustände, die anderen zweifeln, verdrängen und tun Buße , in dem sie grenzenlose Hilfe leisten, bis zur selbstverschuldeten, eigenen Hilfsbedürftigkeit. Ich für meinen Teil ziehe die erst genannte Variante vor.

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