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"Kein Bonus bei Menschenrechten"
"Blick vom Fernsehturm", 21.09.2011 02:41 Uhr
Birkach. Edelgard Meyer zu Uptrup arbeitete in Palästina für den Weltkirchenrat. Jetzt spricht sie über Israels Besatzungspolitik.Von Cedric Rehman

Drei Monate Betlehem, drei Monate im Zentrum des Nahostkonflikts: Die Birkacherin Edelgard Meyer zu Uptrup nahm am Programm Ökumenischer Friedensdienst in Palästina und Israel teil. Im Auftrag des Weltkirchenrates begleitete sie gewaltfreie Aktionen palästinensischer und israelischer Friedensaktivisten. Das Bild, das sie von der israelischen Besatzung zeichnet, ist düster.

Die mögliche Entscheidung der UN-Generalversammlung in dieser Woche über eine Anerkennung Palästinas als Staat könnte dem Nahostkonflikt eine neue Dramatik verleihen. Mit welchen Gefühlen verfolgen Sie derzeit die Nachrichten?

Mit großer Spannung. Ich wage keine Prognose, wie sich die Lage entwickelt. Ich bin nur traurig darüber, wenn die Palästinenser nicht die Chance bekommen wie die Menschen in Libyen. Ein Blick auf die zersplitterte Landkarte Palästinas genügt, um zu wissen, dass es derzeit keinen zusammenhängenden Staat in den besetzten Gebieten geben kann. Die Palästinenser leben auf ihrem eigenen Territorium wie auf Inseln in einem Meer von jüdischen Siedlungen.

In Betlehem bestand ihre Aufgabe darin, an Brennpunkten des Konflikts wie den Grenzübergängen zu den besetzten Gebieten, Präsenz zu zeigen. Was haben Sie dabei erlebt?

Ich habe große Ohnmacht erlebt. Die einfachsten Wege etwa zum Nachbardorf oder Jerusalem führen an den Checkpoints durch schwer bewachte Gitterschleusen. Die Menschen sind Willkür ausgesetzt. Denn über ein Fortkommen entscheiden allein die Israelis. Als noch belastender empfand ich die Praxis der Israelis, die Häuser von Palästinensern einfach abzureißen, wenn sie ohne israelische Baugenehmigung errichtet wurden. Solche Genehmigungen gibt es in weiten Teilen des Westjordanlandes aber überhaupt nicht. Ich war gleich am zweiten Tag nach meinem Dienstantritt bei einer Familie, deren Haus aus diesem Grund von Bulldozern platt gewalzt wurde.

Konnten Sie der Familie helfen?

Wir haben die Familie regelmäßig besucht. In dieser ganzen Zeit habe ich das sechsjährige Töchterchen kein einziges Mal zum Lachen bringen können - obwohl ich das als zehnfache Großmutter bestimmt draufhabe. Wir haben eine israelische Menschenrechtsorganisation gefunden, die die Familie juristisch und praktisch betreut.

Sie waren im Auftrag der Kirchen in Betlehem. Über das arabische Christentum wird gesagt, dass es im Begriff ist, auszusterben. Trifft das auch für die Christen Betlehems zu?

Nein, ich würde sagen, dass etwa die Hälfte der Einwohner Betlehems Christen sind. Allerdings trifft es zu, dass immer mehr palästinensische Christen auswandern genauso wie ihre muslimischen Nachbarn. Das hat meinem Eindruck nach aber nichts mit Spannungen zu tun, die es mit Muslimen gibt. Die Muslime feiern in Betlehem sogar Weihnachten mit. Es sind schlichtweg die Lebensumstände, die so katastrophal sind, dass viele eine neue Heimat suchen. Genau das, was die israelische Politik bezwecken will.

Wie meinen Sie das?

Ein israelischer Aktivist hat mir folgenden Satz gesagt, der sich mir eingeprägt hat: Israel will das Land, aber es will die Leute nicht. Den Palästinensern soll das Leben so schwierig wie möglich gemacht werden. Damit sie verschwinden. Ich kann mich an ein palästinensisches Mädchen erinnern, das seine Mutter gefragt hat, ob sie mal ans Meer darf, wenn die Familie ihr Haus den Israelis gibt. Soweit geht das schon.

Wie schwierig war es für Sie als Deutsche, Unrecht zu erleben, das der jüdische Staat begeht?

Schwer. Aber bei den Menschenrechten darf es keinen Bonus geben, auch nicht für die Opfer deutscher Verbrechen. Mir macht die israelische Friedensbewegung Mut. Ebenso die jungen Menschen, die für soziale Gerechtigkeit auf die Straße gehen. Für sie ist es nur ein kleiner Schritt zu erkennen, dass die Kosten der Besatzung ein wesentlicher Grund ist für die wachsende Armut in Israel.

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