Kinder in Haiti Weggegeben, verkauft, getauscht
Klaus Ehringfeld, 12.04.2010 07:13 Uhr
Valentine Eska ist acht. Seit dem Beben lebt und vor allem arbeitet sie bei einer fremden Frau. Immerhin hat sie dort ein Bett. Foto: Ehringfeld
Valentine Eska ist acht. Seit dem Beben lebt und vor allem arbeitet sie bei einer fremden Frau. Immerhin hat sie dort ein Bett. Foto: Ehringfeld
""Schwanger mit 13, eine Arbeit als Prostituierte oder, wenn sie Glück hat, als Näherin.""
Psychologe Vladimir Nevers über Valentines Zukunft

Port-au-Prince - Da ist dieser verräterische Satz. "Timoun se ti bête." Kinder sind Tiere. Vladimir Nevers sagt ihn mit einer Mischung aus Fassungslosigkeit und Scham. Denn der Satz wurde in seiner Sprache geboren. Im Kreolischen. In seinem Land: Haiti. Das Land, wo Kinder keine Rechte, sondern nur Pflichten haben. Das Land, das sich mehr als 200 Jahre nach der Abschaffung der Sklaverei noch moderne Kindersklaven leistet. Es sind die sogenannten Restavecs. Das Wort kommt vom Französischen "rester avec" - bei jemandem bleiben. In Haiti bedeutet es: für jemanden knechten. "Wasser holen, saubermachen, Kinder hüten", sagt Monsieur Nevers. Er ist Psychologe und arbeitet für die Duisburger Kindernothilfe in Haiti. Er betreut Restavecs. Ein Job mit viel Arbeit. 300.000 Kinder leben in dem karibischen Staat nicht bei ihren Ursprungsfamilien, sondern sie werden weggegeben, verkauft oder unter Verwandten getauscht. Und fast immer geschlagen.

Ein Morgen im April in Wharf Jeremie, einem der traurigsten Slums von Haitis Hauptstadt Port-au-Prince. Eingeklemmt zwischen Hafen und Container-Terminal. Vladimir Nevers geht durch die Rue Chopin, eine schmale Gasse, die nicht hält, was der Name verspricht. Hier reiht sich Blechhütte an Müllberg, Holzhütte an Erdbebentrümmer. Die Rue Chopin ist noch der bessere Teil von Wharf Jeremie.

Weiter unten, am Wasser, sind die Hütten auf Exkremente und Unrat gebaut. In Wharf Jeremie lebt in zwei von drei Familien ein Restavec. Bei dem Beben vor genau drei Monaten sind viele der armseligen Hütten umgefallen wie Kartenhäuser. Auch das Haus von Valentine Eska hat den Erschütterungen des Jahrhundertbebens nicht standgehalten. Das achtjährige Mädchen blieb unversehrt, weil es schnell aus dem Haus lief, als die Erde bebte. Seine "Tante" aber wurde von den Trümmern erschlagen. "Tanten" sind die Frauen, die fremde Kinder aufnehmen.

In der Schule gab es Zuneigung


Seither wohnt Valentine Eska bei einer anderen Tante in einem der Hunderten von Flüchtlingscamps, die es in Port-au-Prince seit dem Erdbeben gibt. Ihr neues Zuhause ist die Landebahn des alten, stillgelegten Flughafens, sie wohnt auf zehn Quadratmetern in einem Viereck aus Wellblech und Sperrholz. Ein schiefer Stock stützt die blaue Plane, die als Vordach dient. Vier weitere Kinder leben mit Valentine in der Hütte. Aber sie hat jetzt ein Bett, das sie sich mit einem anderen Kind ihrer neuen Tante teilt. In ihrer alten Familie schlief sie auf dem Boden.

Für die meisten Kinder von Wharf Jeremie war der tägliche Gang zur Schule die einzige Freude im traurigen Leben. Denn es gab Aufmerksamkeit, Zuneigung und eine warme Mahlzeit täglich. Und auch ein bisschen Unterricht. Seit dem 12. Januar, dem Tag des Bebens, gibt es in ganz Port-au-Prince praktisch nichts mehr davon, weil die Mehrzahl der Gebäude zerstört ist und das Erziehungsministerium "keinen Plan und keine Ideen" hat, wie Vladimir Nevers sagt: "Schöne Reden, leere Versprechen, mehr nicht." Seit Anfang April haben nur 15 Prozent der Schulen in der Millionenstadt wieder den Unterricht aufgenommen.

Die Zukunft sieht für die meisten Kinder düster aus


Auch die Kinder von Wharf Jeremie warten noch, dass sie endlich wieder zur Schule dürfen. Bis es soweit ist, kümmert sich eine Kindertagesstätte, die von der evangelischen Kirche geführt und von der Kindernothilfe unterstützt wird, die Betreuung. 200 Kinder zwischen drei und 13 Jahren sitzen bei Saunatemperaturen dicht gedrängt unter einem Wellblechdach. Die Mädchen haben kleine Schleifen im Haar, die Jungs stecken in blauen Stoffhosen. Als der Besuch hereinkommt, schmettern die Kinder zur Begrüßung ein Lied, in das sie ihren ganzen Lebensmut und ihre ganze Lebenswut stecken. "150 unserer Kinder sind Restavecs", sagt die Betreuerin Rosanna Museau. "Wir singen, tanzen und erzählen viel, um den Kindern über das Trauma des Erdbebens zu helfen. Viele kapieren noch immer nicht, was am 12. Januar passiert ist, warum sie ihre Eltern oder ihre Tanten verloren haben."

Auch Valentine hat lange gebraucht, um zu verstehen, warum sie eine neue Familie, ein neues Zuhause, aber die gleichen alten Aufgaben hat. "Sie ist ihrem Lebensalter in der Entwicklung drei Jahre hinterher", sagt Vladimir. Das Mädchen kam als Einjährige aus der Provinz in die Stadt und lebt seither als Restavec in Wharf Jeremie - über Valentines Schicksal hat die StZ bereits Anfang Februar berichtet. "Sie malocht ihr ganzes Leben. Sie weiß nicht, was eine normale Kindheit ist." Aber was ist schon eine normale Kindheit in Haiti. Die Zukunft für Valentine, acht Jahre aus Wharf Jeremie, malt Nevers düster aus: "Eine Schwangerschaft mit 13 oder 14, wenn sie vielleicht gerade ihren Namen schreiben kann. Eine Arbeit als Näherin oder Verkäuferin auf einem Markt", sagt der Psychologe. "Wenn sie Glück hat." Oder als Prostituierte. Wenn sie Pech hat.
Kommentare (0)
Anzeigen