Kinder-Uni Karin Kristan spickt in die Zukunft

Von Ina Schäfer 

Wahlforscher verlassen sich auf Fakten, eine Hellseherin vertraut auf das Wissen einer höheren Ebene. Das funktioniert aber nur, wenn man an Magie und Geister glaubt.

Karin Kristan mit ihren Tarotkarten. Sie glaubt, damit in die Zukunft blicken zu können. Foto: rem
Karin Kristan mit ihren Tarotkarten. Sie glaubt, damit in die Zukunft blicken zu können.Foto: rem

Stuttgart - Nichts ist so spannend, wie in die Zukunft zu blicken. Nicht ungeduldig warten zu müssen, bis etwas lang Ersehntes eintritt, zu erfahren, welche Wege das eigene Leben nimmt und welche Entscheidung die richtige ist. Auch in der Politik werden Zukunftsprognosen gestellt, indem Forscher versuchen, den Ausgang von Wahlen vorherzusagen. Mit Magie hat das freilich wenig zu tun, sondern mit einer Errechnung auf Basis von Fakten und Umfragen. Ein Indikator für Unfehlbarkeit ist das aber nicht.

Karin Kristan verlässt sich bei ihren Zukunftsprognosen indes auf etwas ganz anderes: sie glaubt an das Wissen der Geister und an die Wahrheit ihrer Tarotkarten. Viel mehr noch: je weniger sie über die Person, deren Zukunft sie voraussagen soll, wisse, desto besser. Karin Kristan legt die Karten auf den Tisch, eine nach der anderen. Ruhig und konzentriert ordnet sie die bunten Karten an, von der jede eine besondere Bedeutung hat. In ihrer Wohnung in Stuttgart riecht es nach Räucherstäbchen, und auch sonst ist hier unschwer zu erkennen, dass die 42-Jährige einen außergewöhnlichen Beruf ausübt. An verschiedenen Ecken im Raum sind Gegenstände wie auf kleinen Altären angeordnet: Federn, Trommeln, Rasseln und Flügel. „Kraftquellen“, sagt Karin Kristan dazu. Die Kartenlegerin sagt Menschen seit mehr als 20 Jahren die Zukunft voraus. Angefangen hat alles aber schon viel früher, eine Vorliebe für Mystisches und Magisches hatte sie schon immer. „Meine Kassetten und Bücher handelten immer von Hexen“, erzählt sie. Im Kindesalter habe sie eine sogenannte Hellfühligkeit entwickelt. Sie hatte Vorahnungen, die sich erfüllten, denen sie als junges Mädchen jedoch keine Bedeutung beigemessen hat. Auch wenn die Hinwendung zu geistigen Themen in ihrer Familie nichts Außergewöhnliches war, so hat sie damals ihre Vorahnungen erst einmal für sich behalten.

Die Wahrsagerin hat keine Zweifel

Das Interesse daran aber ist geblieben, mit 18 Jahren hat sie sich ihre ersten Karten gekauft und angefangen, sich selbst die Karten zu legen, nebenher, während ihrer Ausbildung und später neben ihrer Arbeit als Rechtsanwaltsgehilfin. Sie hat sich Fragen über ihre Zukunft gestellt, und mit Hilfe ihres Kartenblatts beantwortet. Klingt nach einer einfachen Alltagshilfe. „Das ist es ja auch“, meint Kristan und: „Dass es funktionieren wird, daran hatte ich nie einen Zweifel. Alles hat sich bewahrheitet, ob es mir nun gepasst hat oder nicht.“

Doch dann geriet sie in eine Krise, eine tiefe Sinnkrise, die sie selbst zu einer Kartenleserin gebracht hat. Diese sagte ihr auf den Kopf zu, dass auch sie selbst ihr Hobby zum Beruf machen könne. Ein großer Schritt, den sie 2009 gewagt hat.

Der Grund, weshalb die Menschen heute zu ihr kommen, ist derselbe, aus dem Karin Kristan damals selbst zu einer Kartenleserin gegangen ist: die meisten stecken in einer Krise. „Die Leute kommen zu mir, weil sie nicht weiterwissen. Sie stehen vor Entscheidungen und möchten wissen, welche die richtige ist“, sagt sie. Anders als bei Wahlprognosen spielen bei ihr Fakten keine Rolle.

Ob sie einen Stammkunden, Freunde oder jemand Fremden im Chat berät, den sie noch nie zuvor gesehen hat, das alles habe keinerlei Einfluss auf die Treffsicherheit. „Die Karten zeigen, was passieren wird, und hinzu kommt meine Intuition“, sagt sie. Die Intuition, die hellseherische Fähigkeit, sei ein wichtiger Bestandteil der Sitzungen, die Karten nur ein Hilfsmittel, genauso wie die berühmte Glaskugel.

Die meisten Menschen suchen Rat in Liebesangelegenheiten

Die Intuition, damit kein Missverständnis entsteht, heißt nicht, dass sie auf eigene Erfahrungen zurückgreift, sondern auf solche aus der „Anderswelt“, wie sie sagt, auf die Erfahrungen der Geister, an die sie glaubt. „Das ist der Sinn der Sache, dass man dem Wissen aus der geistigen Welt vertraut“, sagt sie.

Bevor Karin Kristan die Karten legt, muss die Hilfe suchende Person eine konkrete Frage stellen. Wissen möchten die Menschen, die zu ihr kommen, vor allem eines: Wie sieht es mit der Liebe aus? Ist mein Partner der richtige, oder wann finde ich endlich einen Partner? „Gut siebzig Prozent der Fragen handeln von der Liebe, das ist einfach das Themengebiet, auf dem es die meisten Fragezeichen gibt“, sagt sie. Andere Fragen betreffen häufig berufliche Entscheidungen und existenzielle Ängste. Eine Hellseherin sei immer auch Psychotherapeutin, sagt Karin Kristan, sie nehme mit ihren Zukunftsprognosen Ängste und Unsicherheiten und berate mit einer objektiven Meinung, wenn Freunde und Familie nicht mehr weiterhelfen können oder möchten.

Sind die Geister nun die besseren Zukunftsweiser, oder irren auch die Karten? „Die Karten irren nicht“, sagt Karin Kristan. Wenn doch etwas anderes als das Vorhergesagte eintreffe, dann habe sie die Karten nur falsch interpretiert, denn „die Karten sind die Wahrheit“, sagt sie mit Überzeugung. Exakte Zeitpunkte, wann ein Ereignis eintritt, sagt sie dennoch nicht voraus, sondern Zeiträume. „Sonst ist die Erwartung an diesen einen Tag zu groß“, sagt Kristan. „Im Leben spielen so viele Menschen eine Rolle, man darf nicht warten, dass etwas Bestimmtes eintrifft.“

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9 KommentareKommentar schreiben

Reaktion auf die Kritik: Ihre Reaktion in allen Ehren, aber mir persönlich ist das in diesem Fall zu wenig. "Es war nicht beabsichtigt, die esoterischen Prinzipien des Kartenlegens als wissenschaftlich darzustellen." Obschon ich mich mit diversen esoterischen Praktiken auseinander gesetzt habe, frage ich mich: Was sind "esoterischen Prinzipien"? Welche sollen das sein? "Erlaubt ist, was gefällt?" Esoterik, mit all ihren Spielarten, ist wohl die beliebigste Weltanschauung die es gibt. Egal wo dieser Artikel veröffentlicht würde, ob in "Kinder-Uni" (da ist es aber wohl am Schlimmsten) oder pauschal bei "Wissen" oder Region usw., aber mit keinem Satz zu erwähnen, dass die Hellseherei der Frau Kristans völliger Humbug ist, ist beinahe unverzeihlich.

Reaktion auf die Kritik: Da der Professor der Kinder-Uni mit dem Bild des Blicks in die Kristallkugel spielt (siehe den Beitrag unter http://bit.ly/12lbxsA), haben wir uns entschieden, einen Einblick in den Arbeitsalltag einer „professionellen“ Wahrsagerin zu werfen. Es war nicht beabsichtigt, die esoterischen Prinzipien des Kartenlegens als wissenschaftlich darzustellen. Es tut uns leid, dass dieser Eindruck entstanden ist.

Beschämend: Leben wir denn im Mittelalter, dass solch ein Hokuspokus es bis in eine angesehen Zeitung schafft? BESCHÄMEND!!

Da lese ich mit Schrecken so einen Artikel in einer "Wissens"-Rubrik...: und freu mich das es in den Kommentaren so schön gebashed wird. Liebe SZ: Ihr solltet schnellstmöglich klarstellen, dass das hier aber auch gar nichts mit Wissen(schaftlicher Erkenntnis) zu tun hat. Nur dann, mein Vorkommentator "Ich" übertrifft den Humbug von oben noch um Längen. Bitte, erzählen sie es ihrem Pfarrer. Die meisten Atheisten die ich kenne, glauben auch nicht an sowas. Und die die es doch tun, würden sich nicht als Atheisten bezeichnen, denn meistens glauben sie noch immer an irgendwas höheres, was jetzt auch nicht diffuser ist als das was die Kirchen so erfinden.

Hokuspokus in der Wissensrubrik: Also mal ganz ehrlich - DAS war mehr als schwach. Kritisches Hinterfragen? Fehlanzeige. Anstatt den Kindern etwas auf den Weg zu geben, was ihnen wirklich nützt - nämlich eine gesunde Portion Skepsis, dass man eben nicht alles glauben soll, was einem vorgesetzt wird - darf hier eine "Hellseherin" PR für ihre eigenen Zwecke betreiben. Aber vielleicht ist diese Frau Kristan ja eine gute Freundin der Autorin.. das würde zumindest ansatzweise den Zweck dieses Artikels erklären.

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