Leonardo DiCaprio auf dem roten Teppich der Berlinale 2010 bei der Premiere seines neuen Films "Shutter Island". Foto: dpa
Stuttgart - Das Erste, was Leonardo DiCaprio in diesem Film als Schauspieler leisten muss, ist spucken. Auf der Schiffsüberfahrt nach Shutter Island hängt sein US-Marshall Teddy Daniels kläglich über der Bordtoilette. Der Seegang beutelt den Polizeibeamten schwer, immer neue Würgewellen lassen ihn erzittern. Der Zuschauer ahnt sofort: Dieser Mann ist nicht immer Herr seiner Sinne - und das gilt in den folgenden zwei Stunden erst recht auch für den Zuschauer selbst. Was zweifellos zu den Vorzügen des Regisseurs Martin Scorsese gehört, ist seine Unberechenbarkeit. Ob Thriller, Musikfilm, Biopic, Dokumentation, Kostümepos oder Psychodrama: souverän spielt der inzwischen 67-Jährige mit Genres und Stilen, erzählt bei allen Zitaten und Querverweisen doch jede Geschichte ganz für sich, wie neu und in aller Endgültigkeit.
Erlebnisreise in die Welt des Gruselfilms
Mit "Shutter Island", seinem jüngsten Werk, zieht er den Zuschauer nun geradezu gnadenlos in die Welt des Gruselfilms, des Horrors. Und er spart weder an Licht noch Schatten, weder an Stille noch an ohrenbetäubender Musik, um dem Zuschauer zu signalisieren, wie abschüssig die Erlebnisbahn ist, auf die er sich hier begeben hat.
Der Zuschauer erkennt das Amerika der fünfziger Jahre. Die beiden US-Marshals Teddy Daniels und Chuck Aule (Mark Ruffalo) sind auf die Gefängnisinsel Shutter Island beordert worden, um dort das spurlose Verschwinden einer vielfachen Kindsmörderin aufzuklären. Auf Shutter Island sind, fern von jeder Zivilisation, die Gefährlichsten der Gefährlichen inhaftiert, die Psychopathen unter Amerikas Verbrechern. Nur an einer einzigen Küstenstelle ist die Insel zu betreten, die Anlage selbst ist von riesigen Mauern umgeben, die Gebäude ihrerseits sind vielfach gesichert, einige von ihnen selbst für das Wachpersonal nie zu betreten. Als die Polizisten endlich angekommen sind und ordnungsgemäß ihre Waffen bei der Anstaltsleitung abgegeben haben, ahnt man, dass es bald weniger um die Frage gehen wird, wie von hier allen Ernstes eine Kindsmörderin verschwinden konnte, sondern mehr darum, ob Daniels je wieder aufs Festland gelangt.
Das Spiel mit den Ahnungen und mit den Gewissheiten - das ist Scorseses großes Thema in diesem Film. Der Zuschauer weiß recht früh, dass Marshal Daniels einst als US-Soldat in Deutschland an der Befreiung eines KZ beteiligt war. Er weiß auch, dass Daniels vor kurzem Frau und Kinder tragisch verloren hat. Er ahnt zudem, dass Daniels nach Shutter Island, an diesen Ort der übergroßen Schuld, selbst ein gehörig großes Päckchen an Schuldgefühlen mitgebracht hat, an rationalen wie an irrationalen. Doch verführt durch Scorseses Kunst, uns all diese Ebenen der Geschichte mit Bildern von opernhafter Opulenz vorzuführen, versäumt der Zuschauer es leicht, darüber nachzudenken, was genau er da zu sehen bekommt: Waren es Träume? Rückblenden? Wahnvorstellungen? Visionen? Wünsche? Und schon ist die Rechnung des Regisseurs aufgegangen.
Von den Details der Ermittlung, von den widrigen Wetterumständen, vom Kampf der Polizisten gegen die offensichtlich mauernden Ärzte, von der tieferen Bedeutung des verbotenen Gefängnistraktes C und dem wahren Inhalt des noch verboteneren Inselleuchtturms wollen wir hier schweigen. All jenen, die den Thriller "Shutter Island" von Dennis Lehane, die literarische Vorlage Scorseses, nicht gelesen haben, möchten wir das Vergnügen des filmischen Puzzlespiels und aller damit verbundenen Überraschungen nicht nehmen.
Beschwer' dich doch bei dir selbst
Nur so viel sei verraten: Es ist meisterhaft, wie Scorsese den Zuschauer auf den süßen Leim seiner Wünsche, betreffend das große Geheimnis von Shutter Island, gehen lässt. Und wer zum Schluss enttäuscht ist, weil ihm die Auflösung vergleichsweise simpel, womöglich gar unscorsesehaft erscheint, dem gibt der Meister mit auf den Weg: Ja, was beschwerst du dich? Ich hab dir von Anfang an alles gezeigt, alles gesagt. Du hast bestimmte Dinge nur nicht sehen wollen, weil sie dir anders aufregender erschienen sind. Also beschwer dich doch bei dir selbst!
In einer Nebenrolle als deutschstämmiger Irrenarzt ist Max von Sydow zu erleben. Gemeinsam mit dem Chefpsychiater Ben Kingsley lehrt er den Zuschauer aufs Neue die gute alte Angst vor allen weißen Kitteln. Leonardo DiCaprio ist ein Ereignis und nach diesem Film endgültig einer der großen Charakterdarsteller Hollywoods. Dass er übrigens an einer nicht ganz unwichtigen Stelle des Films einige Sätze lang akzentfreies Deutsch spricht, wird in der Synchronfassung naturgemäß verloren gehen, so wie die Gewissheit des Zuschauers am Schluss, was genau er da eigentlich gerade gesehen hat. War es wirklich ein Horrorfilm? Oder ein Psychodrama? Ein Biopic? Ein Kostüm- und Musikfilm? Von "Shutter Island" kann man mindestens noch eine Nacht lang träumen. Die Last der vergangenen Bilder wiegt schwer. Und so hat Scorsese sich das wohl auch gedacht.
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