Kinokritik: Maudie Zähmung durch beharrliche Freundlichkeit

Von Bernd Haasis 

Die fiktionalisierte Filmbiografie der naiven US-Malerin Maude Lewis bietet großes Schauspielerkino mit Sally Hawkins und Ethan Hawke. Glänzend gestalten die beiden die sich behutsam zurechtrüttelnde Beziehung zweier Eigenbrötler.

Sally Hawkins gelingt es vortrefflich, die  ganze innere Schönheit einer  missachteten und misshandelten Frau auf der Leinwand zum Leuchten zu bringen Foto: Verleih
Sally Hawkins gelingt es vortrefflich, die ganze innere Schönheit einer missachteten und misshandelten Frau auf der Leinwand zum Leuchten zu bringen Foto: Verleih

Stuttgart - Gleich zwei Oscar-reif ausgestaltete Hauptrollen gibt es in diesem Film zu bestaunen: Die Britin Sally Hawkins („Happy-Go-Lucky“, „Blue Jasmine“) hält konsequent den sehr speziellen Gestus der arthritischen Maude Lewis, die als krummes Frauchen durch die Welt hinkt, neugierig den Rücken biegt und schief in die Welt blinzelt. Ethan Hawke („Before Sunset“, „Born to be Blue“) begegnet ihr als Eigenbrötler und Brummbär Everett Lewis, als einfacher Mann der Tat, der keine Worte hat, um Emotionen auszudrücken, die ihm ohnehin suspekt sind – und deshalb oft einfach nur grunzt, statt zu sprechen.

Die irische Regisseurin Aisling Walsh, bekannt geworden mit ihrem Internatsdrama „Song for a Ragged Boy“ (2003), erzählt die Geschichte der Kanadierin Maude Dowley (1903–1970), aus der die berühmte naive Malerin Maude Lewis wurde: Deren niedliche, blumengerahmte Katzen-, Hunde- und Vogelbilder gingen Mitte der sechziger Jahre um die Welt. Dabei konzentriert sich Walsh auf die Beziehung von Maude und Everett, die eine erstaunliche Entwicklung durchläuft.

Maud lässt sich nicht beirren

Maud lebt als junge Frau und Waisin in Nova Scotia an der kanadischen Ostküste bei ihrer puritanischen Tante Ida, der jeder Ausdruck von Lebensfreude ein teuflischer Graus ist – Malerei etwa könnte Flecken hinterlassen im blütenweißen Spitzendeckchenheim. Ida führt ihre Nichte an kurzer Leine, Maud fühlt sich eingesperrt. Als ihr Bruder sie drastisch hängen lässt, meldet sie sich auf eine Anzeige. Kilometerweit hinkt sie zu Everetts karger Holzhütte, und obwohl er eigentlich niemanden in seinem Leben duldet, nimmt er Maud. Die wiederum zieht lieber bei dem rauen Kerl ein und lässt sich als Dienstbotin herumscheuchen, als weiterhin vom Leben abgeschnitten zu sein.

Manche könnten da depressiv werden, doch Maud ist ein Sonnenscheinchen und lässt sich nicht beirren auf einem sehr weiten Weg. Denn der Fischlieferant Everett ist ein sehr amerikanischer, sehr männlicher Einsiedler, der immer allein zurechtgekommen ist – vielsagenderweise aber im Waisenhaus hilft. Er reagiert zunächst abweisend und brüsk auf den weiblichen Eindringling, er verhält sich respektlos und ist unfähig, sich für Grobheiten zu entschuldigen. Umso verblüffter ist er, wie beharrlich Maud sanft und freundlich bleibt, aber auch bestimmt – und den auf größte Unabhängigkeit bedachten Mann allmählich zähmt und zum sozialen Wesen formt.

Eine Szene voller feiner Zwischentöne folgt auf die nächste

Im exzellenten Drehbuch der kanadischen Schauspielerin und Autorin Sherry White sitzt jedes Wort an der richtigen Stelle. Walsh, Hawkins und Hawke haben über die Dialoge hinaus stimmige Bilder, Handlungen und Gesten gefunden; eine Szene voller feiner Zwischentöne folgt da auf die nächste.

Als es Everett eines Nachts überkommt und er sich Maud körperlich nähert, weist sie ihn ganz ruhig darauf hin, dass er sie vielleicht heiraten sollte, bevor er tut, was zu tun er sich gerade anschickt. Und weil der ungehobelte Klotz im Grunde seines Herzens ein guter Kerl ist, dreht er sich seufzend wieder zur Seite, wie es sein Gewissen ihm befiehlt – und heiratet sie tatsächlich. Als Maud beginnt, die Hütte mit fröhlichen kleinen Malereien zu dekorieren und in einen hellen Ort zu verwandeln, braucht er eine Weile, bis er seinen Widerstand dagegen aufgibt. Dann entdeckt eine seiner Kundinnen, eine New Yorker Bildungsbürgerin, Mauds kleinformatige Bilder, und es kommt zum Rollentausch: Bald verdient Maud das Geld, während er den Haushalt machen muss und keinen geraden Satz herausbringt, als die Fernsehteams anrücken, um die Künstlerin an seiner Seite zu porträtieren.

Sehnsucht nach einem einfachen Leben

Die missachtete und misshandelte Frau, der vieles vorenthalten und der übel mitgespielt wurde, beginnt zunehmend zu funkeln. Ihre Liebenswürdigkeit bringt den gesamten Film zum Leuchten, ihre Leidenschaft fürs Malen, ihre Bescheidenheit. Sie bleibt trotz des Erfolgs bodenständig und schlachtet ihre Popularität nicht aus – weil Geld ihr nichts bedeutet, ein Zuhause zu haben aber alles.

Unaufdringlich und doch zwingend vermittelt Walsh eine durchaus feministische Botschaft. Sie erzählt von innerer Schönheit und davon, wie leicht menschliches Zusammenleben sein könnte. Die Sehnsucht von Mauds Kundschaft nach einem einfachen Leben, das heute noch viel entrückter scheint als damals, wird konterkariert durch die raue Natur, die das Leben ihrer Bewohner maßgeblich bestimmt – und keine Zweifel daran lässt, wie klein und ausgeliefert der Mensch trotz allem ist.