Kinokritik: What Happened to Monday? Wie Siebenlinge um ihr Überleben kämpfen müssen

Von Bernd Haasis 

Siebenlinge ringen im Überwachungsstaat von morgen ums Überleben. Doch Tommy Wirkola ergründet sein dystopisches Orwell-Szenario in „What Happened to Monday?“ nicht in die Tiefe, sondern benützt es als Bühne für Gewalt und Knalleffekte.

Noomi Rapace unter sich: Die Schwedin tut   in „What Happened to Monday?“, was sie kann, um ihre sieben Rollen zu differenzieren – doch das Drehbuch hilft ihr nicht. Foto: Verleih 13 Bilder
Noomi Rapace unter sich: Die Schwedin tut in „What Happened to Monday?“, was sie kann, um ihre sieben Rollen zu differenzieren – doch das Drehbuch hilft ihr nicht. Foto: Verleih

Stuttgart - In der Serie „Orphan Black“ (2013 –2017) spielte die Kanadierin Tatjana Maslany mehrere Zeugungen eines Klon-Experiments, die in den USA der Gegenwart massiv verfolgt werden und um ihr Leben fürchten. Maslany machte scharf gezeichnete Charaktere weit über die Maske hinaus aus der Drogenkurierin Sarah, der Wissenschaftlerin Cosima, der Vorstadt-Hausfrau Alison, der Business-Lady Rachel, der Psychopathin Helena, sie stattete sie mit eigener Körpersprache, Manierismen und Ticks aus. Das war anspruchsvoll, sie musste Begegnungen der Klone ohne Gegenüber spielen, und Dank digitaler Montagetechnik sind manchmal fünf gleichzeitig im Bild. Maslany hat dafür 2016 einen Emmy bekommen, dem „Interview Magazine“ verriet sie: „Viel davon stand im Drehbuch, dessen Genauigkeit und Komplexität hat mich definitiv angezogen.“

Im aktuellen Kinospielfilm „What Happened to Monday?“ nun spielt die Schwedin Noomi Rapace („Verblendung“) Siebenlinge, die in den USA des Jahres 2073 massiv verfolgt werden und um ihr Leben fürchten. Ohne die Figuren zunächst entwickeln zu können, sitzt Rapace gleich zu Beginn siebenmal am Tisch als plakative Ansammlung von Karikaturen: Die Streberin trägt eine Riesenbrille, die auf Krawall gebürstete Verweigererin Kurzhaarfrisur und Springerstiefel. Rapace tut, was sie kann, um über Abziehbilder hinauszukommen, doch ihr hat das Drehbuch nicht viel angeboten in Sachen Genauigkeit und Komplexität – und auch in der fahrig konstruierten Handlung stimmt vieles nicht.

Jemandem müsste auffallen, dass da nicht immer dieselbe zur Arbeit kommt

Die Menschheit hat ihre Ressourcen verbraucht, im Überwachungsstaat gilt eine Einkindpolitik, Überzählige werden eingefroren, bis sich die Zeiten bessern. Rückblenden verraten, dass der Großvater (Willem Dafoe) seine sieben nach den Wochentagen benannten Mädchen bewahrt hat, indem er sie zu strikter Disziplin erzog: Jede hat einen Tag in der Woche Ausgang, die anderen bleiben versteckt – und wenn eine Mist baut, baden es alle schmerzhaft aus. Schon diese Prämisse hinkt, denn es müsste auffallen, dass da nicht immer dieselbe zur Arbeit kommt, auch wenn sie identisch aussieht. Zumindest dem heftig verliebten Wachmann sollten Zweifel kommen. Tun sie aber nicht.

Der Norweger Tommy Wirkola („Dead Snow“, „Hänsel und Gretel: Hexenjäger“) möchte sein dystopisches Orwell-Szenario nicht in die Tiefe ergründen, er benützt es als interessante Bühne für Knalleffekte – ultrabrutal und ohne den Witz, den „Orphan Black“ bei aller Ernsthaftigkeit auszeichnet. Da werden Augen herausgeschnitten, da schießen nach Hinrichtungen per Kopfschuss die Blutfontänen, nicht im Dienst einer Geschichte, sondern als spektakuläre Gewaltvorführung um ihrer selbst Willen. Wirkola frönt der Lust am Voyeurismus, ein künstlerischer Anspruch ist allenfalls in Ansätzen zu erkennen.

Als reiner Actionfilm funktioniert der Film auch nicht

Dabei sind seine Kinobilder wirkmächtig, die Gruppenszenen mit den Schwestern stimmig choreografiert. Die triste Außenwelt ist eine chronische Schlechtwetterzone, in der die Paranoia gedeiht, ein Werbeclip für die Vorzüge des Eingefrorenseins erinnert an Filme etwa von Paul Verhoeven („RoboCop“) – allerdings ohne dessen inhaltlichen, polit-satirischen Zugriff. Dafoe macht sich gut als kompromissloser Opa, Glenn Close als halbdebile Führerin manövriert hart an der Grenze zur Karikatur.

Als reiner Actionfilm funktioniert der Film freilich auch nicht. „John Wick“ etwa tritt bewusst mit schmalem Inhalt an, um den Adrenalinkick nicht zu stören, der dafür bis in die Details – man denke nur an die prächtigen Sportwagen – hochpräzise inszeniert ist. Bei Wirkola bleibt die Zukunft eine Behauptung, die verfügbare Technik ist ein Witz, sie steht fast hinter der Google-Gegenwart zurück und überhaupt nur dann zur Verfügung, wenn die Handlung es erlaubt: Der Anführer der schwerbewaffneten Polizeitruppe sieht das Zielobjekt auf dem Tablet, seine Soldaten haben keines und tappen bei der ­Suche völlig im Dunkeln; statt fliegender Autos und VR-Brillen gibt es nur einen Geseundheits-Scan-Spiegel und ein elektronisches Armband, auf das sich binnen ­Sekunden riesige Mengen sensibler Daten laden lassen – der Upload auf den Server dagegen dauert eine halbe Stunde. Solche uralten Suspense-Tricks wirken nicht spannend, sondern nur so gemeint.

Auch nicht glauben mag man, dass es den Mädchen zunächst gelingt, die bösen, schwerbewaffneten Verfolger zu vermöbeln. Vielmehr bleibt von „What Happened to Monday“?“ vor allem dies in Erinnerung: derbe Gewalt gegen Frauen.