Kinokritik zu „Happy End“ Familie mit schrecklichen Geheimnissen

Von Anke Westphal 

Wer Wohlfühlkino sucht, sollte die Filme von Michael Haneke eher meiden. Der neu im Kino startende „Happy End“ erzählt wieder von kaputten Menschen und moralischer Verstörung.

Michael Haneke erzählt in „Happy End“ von einer nur äußerlich heilen Familie: Fantine Harduin, Jean-Louis Trintignant, Isabelle Huppert, Laura Verlinden, Toby Jones, Mathieu Kassovitz Foto: X-Verleih 11 Bilder
Michael Haneke erzählt in „Happy End“ von einer nur äußerlich heilen Familie: Fantine Harduin, Jean-Louis Trintignant, Isabelle Huppert, Laura Verlinden, Toby Jones, Mathieu Kassovitz Foto: X-Verleih

Stuttgart - Das Ganze beginnt mit einem tödlichen Unfall: Auf einer Tiefbaustelle der Unternehmerfamilie Laurent in Calais bricht eine Seitenwand ein und begräbt einen der Arbeiter unter sich. In „Happy End“, dem neuen Film von Michael Haneke, geht es weiter mit einem Suizid, der die Enkelin des Patriarchen mutterlos zurücklässt. Diese Dreizehnjährige erkundet seit einiger Zeit das Morden als Möglichkeit, sich auszuagieren. Noch hat sie niemanden ins Jenseits befördert, aber ihr neues Umfeld scheint kaum geeignet, das Mädchen Empathie zu lehren.

Das Mädchen beobachtet jeden und alles und hält unschöne Erkenntnisse - das erinnert an Hanekes Filme „Bennys Video“ und „Funny Games“ - auf ihrem Smartphone fest. Wer sich für eine Kinoarbeit von Michael Haneke entscheidet, sollte nicht mit einem gemütlichen Abend rechnen. Der 1942 in München geborene, in Wien lebende Regisseur produziert kein Wellness-Arthouse. Er taugt weder zum Bestätigungslieferanten eingeschworener Überzeugungen noch zum Entertainer. Wobei letzteres eine Frage der Erwartungshaltung ist: Wer sich durch klinische Analysen der Conditio humana gut unterhalten fühlt, ist genau richtig bei ihm.

Kultivierte Heuchelei

„Happy End“ schließt an Hanekes Vorgängerfilm „Liebe“ (2012) an und thematisiert vor allem die Folgen von Indifferenz gegenüber anderen, dies am Beispiel der Familie Laurent. Die lebt immer noch im Stil des französischen Großbürgertums, obwohl die Firma nicht mehr so gut floriert. Unbequemes wird unter den Teppich gekehrt, kultivierte Heuchelei hält alles zusammen. Der hochbetagte Patriarch Georges (Jean-Louis Trintignant) hatte vor fünf Jahren - siehe „Liebe“ - seine schwerkranke Frau mit einem Kissen erstickt, jetzt möchte er selbst sterben. Die Geschäfte liegen längst in den Händen seiner knallharten Tochter Anne (Isabelle Huppert), die mit einem Sohn ringt, der ihren überhöhten Ansprüchen nicht genügen kann und daher permanent scheitert. Annes Bruder - Eves leiblicher Vater - schließlich versucht erfolglos, seine neue Frau und das gemeinsame Baby zu lieben. Und immer wieder verfällt ein Schäferhund in Raserei.

Sehen Sie hier den Trailer zum Film:

„Rundherum die Welt und wir mittendrin, blind“, lautet das Motto dieses Films - gemeint ist eine universale emotionale Blindheit. Prinzipiell gut ist der Mensch kaum jemals bei Haneke, doch der Regisseur möchte eigenem Bekunden zufolge, dass „Happy End“ als Farce verstanden wird. Angesichts all der makabren Rätsel kein Ding der Unmöglichkeit, aber der Film verortet auch die Frage nach dem Humanen in der Gegenwart - mit einer gewissen Distanz und ohne Selbstmitleid.

Verzicht auf jedes Sentiment

„Happy End“ ist ein fast zärtlicher Film, der seltene Momente von Nähe und Wahrhaftigkeit zelebriert. Jenes glückliche Ende, das der Filmtitel ironischerweise verheißt, sollte man indes nicht erwarten. Hanekes Technik der Realitätsbearbeitung, der Verzicht auf jedes Sentiment, offenbart auch hier eine profunde moralische Verstörung, die zuerst im Einzelnen wurzelt. Aber auch die Flüchtlingskrise ist präsent, etwa wenn Annes Sohn in einem Akt der Rebellion mit ein paar Migranten eine Familienfeier sprengt. Oder wenn Georges auf der Straße von einer Gruppe Afrikaner eine Pistole kaufen will, um sich umzubringen.

Der mit seinen bald 87 Jahren nahezu filigran wirkende Jean-Louis Trintignant bildet das charismatische Zentrum der Erzählung. Der Umstand, dass Haneke noch einmal mit der französischen Schauspiellegende drehen wollte, war der wichtigste Grund für die Entstehung dieses Films. In der Enkelin Eve (Fantine Harduin) findet Trintignants Georges unerwartet eine Seelenverwandte. Ihre Taten haben beide zutiefst einsam gemacht, und das verbindet sie. Obwohl Einfühlung bei Haneke keine Kategorie ist, schockieren seine Figuren hier doch weniger als gewohnt. Letztlich ist auch „Happy End“ ein Einspruch gegen die Tendenz zu simpler Sinnstiftung. Und dazu, wie viele Haneke-Filme, ein Thriller ohne Auflösung.

Happy End. Frankreich, Deutschland, Österreich 2017. Regie: Michael Haneke. Mit Isabelle Huppert, Jean-Louis Trintignant, Mathieu Kassovitz. 108 Minuten. Ab 12 Jahren.