Kinostart: 127 hours
Ein Actionheld wird stillgelegt
Ruppert Koppold,
17.02.2011 14:00 Uhr
In der Klemme: Aron Ralston (James Franco) sitzt in einer Felsspalte fest. Foto: Verleih
Stuttgart - Großstadt, öffentliche Plätze, Lärm, Menschenmassen. Es passiert so viel auf einmal, dass der Regisseur Danny Boyle die Split-Screen-Technik wählt, die Leinwand aufteilt in mehrere Bilder. Und zu diesen Szenen der schnellen Zivilisation kommen die von einem jungen Mann dazu, der sich in einer halbdunklen Wohnung hektisch ein paar Sachen greift, dabei ein Telefonklingeln und eine Stimme auf seinem Anrufbeantworter ignoriert, schließlich auf dem L.A. Freeway in den Morgen saust, an letzten Werbeschildern vorbei, hinaus nach Utah ins Canyonland. Ist dieser Mann der Moderne müde, ist dies eine Flucht in die Natur?
Aber nein, der so selbstsicher grinsende Aron Ralston (James Franco) führt die Zivilisation und ihr Tempo ja mit sich auf Schritt und Tritt. Diese weite, leere Felsenlandschaft mit ihren Gelb- und Ockertönen ist für ihn kein Ort der Ruhe, sondern ein Freizeitpark, in dem er sich austoben kann. Jetzt schnell das Mountainbike raus, die Kopfhörer aufgesetzt und zu hartem Beat losgeradelt. Nach einem Sturz schüttelt sich dieser No-Risk-no-Fun-Typ bloß kurz, lacht euphorisch auf und strampelt sofort wieder los. Auf zwei junge Wanderinnen stößt er jetzt, zeigt ihnen eine Abkürzung, erschreckt sie absichtlich, indem er sich in eine Schlucht fallen lässt – und in einen kleinen See eintaucht. Ein paar fröhliche Wasserspiele zu dritt folgen, dann rast Aron wieder wie aufgezogen alleine durch die Wüste.
Und jetzt klettert er schnell eine Felsspalte runter, und jetzt...– jetzt wird dieser Speed- und Adrenalinjunkie brutal ausgebremst, jetzt fällt ihm nämlich ein Stück Fels hinterher, klemmt seinen Arm ein, zwingt ihn zum Stillstand. Nichts geht mehr. Was für eine Kränkung! Aron ist wütend, er nimmt es als persönlichen Affront, als fiesen Trick der Natur, die er doch immer souverän beherrscht hat. Dass dies eine Illusion war, zeigt der Regisseur nun mit einer einzigen Kamerafahrt, die aus der Enge nach oben führt und zum Panoramablick wird. So unendlich weit und menschenleer ist diese Landschaft, und sie hat Aron einfach verschluckt. Wie kommt er da wieder heraus, wo er doch niemandem gesagt hat, wo er hinwollte?
Die Geschichte hat sich im Jahr 2003 tatsächlich ereignet, Aron Ralston hat sie später in einem Buch erzählt, es ist also kein Geheimnis, wie sie ausgeht. Er ist in diesem Spalt tage- und nächtelang eingeklemmt, hat nur wenig zu essen und nur eine Wasserflasche, schwitzt und friert und wird in einem Gewitter patschnass. Er versucht, mit einem stumpfen Messer den Stein wegzukratzen, will ihn dann mit einem Kletterseilflaschenzug anheben, beides ist vergebliche Mühe.
James Franco spielt dies übrigens nicht so "groß", als ginge es in jeder Szene um den Oscar, sondern so, als sei er einfach sehr mit seiner Situation beschäftigt. Anders gesagt: James Franco ist brillant. Diese Sequenzen, in denen der Raum für den Helden extrem eingeschränkt ist und für ihn alles quälend langsam geht, werden auch zur Reflektion über das entfesselte Hollywood-Action-Kino, das sich schon lange nicht mehr um die physische Realität kümmert, in dem inzwischen alles möglich ist und deshalb nichts mehr wirklich zählt.
Danny Boyle dagegen führt vor, wie spannend es sein kann, wenn das Kino sich wieder auf den Körper einlässt, sich beschäftigt mit echtem Fleisch und Blut. Für Aron gibt es am Ende nämlich nur einen Ausweg: Er muss sich von seinem Arm befreien. Aber "127 Hours" ist noch mehr als ungeheuer körperliches Kino, letztlich auch mehr als ein Lob der menschlichen Willenskraft. Es läge ja so nahe, diese Geschichte im Geiste eines Jack London zu inszenieren und das autarke und übergroße Individuum zu feiern. Danny Boyle aber wertet sie anders aus; die fast lyrischen Traum- und Erinnerungssplitter in seinem Film setzen sich zusammen zum Bild eines Mannes, der zur Gemeinschaft und zur Liebe unfähig ist: Aron wird präsentiert als ein in jedem Sinn verlorener Einzelgänger.
Doch in diesen langen, langen Stunden, in denen er für seine Eltern Abschiedsworte in die Videokamera spricht, kommt er schließlich zur Besinnung und erkennt: "Dieser Brocken hat mein ganzes Leben auf mich gewartet!" Die Szenen, in denen er sich dann zum Überleben entschließt, ersparen dem Zuschauer nichts, aber sie weiden den blutigen Akt auch nicht aus. Als es endlich getan ist, sagt der buchstäblich erleichterte Aron: "Danke!" Er weiß, dass er in dieser Felsspalte nicht nur einen Arm, sondern ein falsches Leben zurückgelassen hat.
Aber nein, der so selbstsicher grinsende Aron Ralston (James Franco) führt die Zivilisation und ihr Tempo ja mit sich auf Schritt und Tritt. Diese weite, leere Felsenlandschaft mit ihren Gelb- und Ockertönen ist für ihn kein Ort der Ruhe, sondern ein Freizeitpark, in dem er sich austoben kann. Jetzt schnell das Mountainbike raus, die Kopfhörer aufgesetzt und zu hartem Beat losgeradelt. Nach einem Sturz schüttelt sich dieser No-Risk-no-Fun-Typ bloß kurz, lacht euphorisch auf und strampelt sofort wieder los. Auf zwei junge Wanderinnen stößt er jetzt, zeigt ihnen eine Abkürzung, erschreckt sie absichtlich, indem er sich in eine Schlucht fallen lässt – und in einen kleinen See eintaucht. Ein paar fröhliche Wasserspiele zu dritt folgen, dann rast Aron wieder wie aufgezogen alleine durch die Wüste.
Und jetzt klettert er schnell eine Felsspalte runter, und jetzt...– jetzt wird dieser Speed- und Adrenalinjunkie brutal ausgebremst, jetzt fällt ihm nämlich ein Stück Fels hinterher, klemmt seinen Arm ein, zwingt ihn zum Stillstand. Nichts geht mehr. Was für eine Kränkung! Aron ist wütend, er nimmt es als persönlichen Affront, als fiesen Trick der Natur, die er doch immer souverän beherrscht hat. Dass dies eine Illusion war, zeigt der Regisseur nun mit einer einzigen Kamerafahrt, die aus der Enge nach oben führt und zum Panoramablick wird. So unendlich weit und menschenleer ist diese Landschaft, und sie hat Aron einfach verschluckt. Wie kommt er da wieder heraus, wo er doch niemandem gesagt hat, wo er hinwollte?
Die Geschichte hat sich im Jahr 2003 tatsächlich ereignet, Aron Ralston hat sie später in einem Buch erzählt, es ist also kein Geheimnis, wie sie ausgeht. Er ist in diesem Spalt tage- und nächtelang eingeklemmt, hat nur wenig zu essen und nur eine Wasserflasche, schwitzt und friert und wird in einem Gewitter patschnass. Er versucht, mit einem stumpfen Messer den Stein wegzukratzen, will ihn dann mit einem Kletterseilflaschenzug anheben, beides ist vergebliche Mühe.
Falsches Leben in der Felsspalte zurückgelassen
James Franco spielt dies übrigens nicht so "groß", als ginge es in jeder Szene um den Oscar, sondern so, als sei er einfach sehr mit seiner Situation beschäftigt. Anders gesagt: James Franco ist brillant. Diese Sequenzen, in denen der Raum für den Helden extrem eingeschränkt ist und für ihn alles quälend langsam geht, werden auch zur Reflektion über das entfesselte Hollywood-Action-Kino, das sich schon lange nicht mehr um die physische Realität kümmert, in dem inzwischen alles möglich ist und deshalb nichts mehr wirklich zählt.
Danny Boyle dagegen führt vor, wie spannend es sein kann, wenn das Kino sich wieder auf den Körper einlässt, sich beschäftigt mit echtem Fleisch und Blut. Für Aron gibt es am Ende nämlich nur einen Ausweg: Er muss sich von seinem Arm befreien. Aber "127 Hours" ist noch mehr als ungeheuer körperliches Kino, letztlich auch mehr als ein Lob der menschlichen Willenskraft. Es läge ja so nahe, diese Geschichte im Geiste eines Jack London zu inszenieren und das autarke und übergroße Individuum zu feiern. Danny Boyle aber wertet sie anders aus; die fast lyrischen Traum- und Erinnerungssplitter in seinem Film setzen sich zusammen zum Bild eines Mannes, der zur Gemeinschaft und zur Liebe unfähig ist: Aron wird präsentiert als ein in jedem Sinn verlorener Einzelgänger.
Doch in diesen langen, langen Stunden, in denen er für seine Eltern Abschiedsworte in die Videokamera spricht, kommt er schließlich zur Besinnung und erkennt: "Dieser Brocken hat mein ganzes Leben auf mich gewartet!" Die Szenen, in denen er sich dann zum Überleben entschließt, ersparen dem Zuschauer nichts, aber sie weiden den blutigen Akt auch nicht aus. Als es endlich getan ist, sagt der buchstäblich erleichterte Aron: "Danke!" Er weiß, dass er in dieser Felsspalte nicht nur einen Arm, sondern ein falsches Leben zurückgelassen hat.
127 Hours. USA, Großbritannien. 94 Minuten. Regie: Danny Boyle. Mit James Franco, Amber Tamblyn, Kate Mara. Ab zwölf Jahren. Cinemaxx Mitte und SI, Corso (OV), Metropol, Ufa
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