Kirchen in Stuttgart-Möhringen Die Basis ist viel weiter als die Kirchenoberen

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Für die Katholiken ist die Reformation eine bleibende Wunde. So sagt es ein Vertreter der Katholischen Kirche bei einem Dialog in Stuttgart-Möhringen. Ansonsten wurde vor allem Zuversicht geäußert – von allen Seiten.

Die Bronzetafel erinnert  in Worms an die Worte, mit denen Martin Luther im Jahr 1521 vor Kaiser Karl V. seine Schriften verteidigte. Foto: dpa
Die Bronzetafel erinnert in Worms an die Worte, mit denen Martin Luther im Jahr 1521 vor Kaiser Karl V. seine Schriften verteidigte. Foto: dpa

Möhringen - Ist die Reformation wirklich ein Grund zu feiern? Diese Frage stellten sich die Besucher eines ökumenischen Gesprächs, zu dem Pfarrer Winfried Maier-Revoredo ins Gemeindezentrum der Martinskirche eingeladen hatte. Als Impulsreferenten waren zwei Vertreter der beiden Hauptkirchen dabei: Kerstin Vogel-Hinrichs, seit dem Sommer Dekanin des evangelischen Dekanats Stuttgart-Degerloch, und Heiko Merkelbach, katholischer Regionaldekan in Stuttgart. Er ist zudem katholischer Leiter des Dialogforums der Kirchen in Stuttgart.

„Wir sind Bettler, das ist wahr“

Gastgeber Winfried Maier-Revoredo zitierte in seiner Begrüßungsrede Martin Luther, der sich mit der letzten Aufzeichnung vor seinem Tod – „Wir sind Bettler, das ist wahr“ – auf die Spaltung der Kirche bezogen haben könnte. Der Reformator habe unter diesem „Ärgernis“ sehr gelitten, sagte Maier-Revoredo, doch so manche Jubiäumsfeier der vergangenen Jahrhunderte habe die Gräben zwischen den Kirchen eher vertieft. „Wir sollten nicht der Frage nachgehen, wer Schuld hat, sondern wieder zueinanderfinden“, forderte er.

Aus Abgrenzung wurde Dialog

Bettler? Sie habe eher das Gefühl, reich beschenkt zu sein, konterte Kerstin Vogel-Hinrichs und zählte auf, wie viele ökumenische Bestrebungen es allein im Dekanat Degerloch gebe. Die katholischen Kollegen könnten zum Beispiel zu Recht davon ausgehen, bei großen Veranstaltungen im neuen Gemeindehaus ein Gastrecht zu haben.

„Noch nie“, sagte sie, „war ein Reformationsjubiläum so ökumenisch angelegt“. Das Wort „Jubiläum“ sei vermieden worden, wobei sie persönlich das unverfängliche „Christfest“ für nicht gelungen halte. Reformationsgedenken trifft eher die Atmosphäre des Jahres 2017, in dem sich der Münchner Kardinal Reinhard Marx und der evangelische Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm bei einem Versöhnungsgottesdienst in Hildesheim öffentlich und demonstrativ umarmt haben. „Aus Abgrenzung wurde Dialog“, sagte die Dekanin, „viele Menschen sind ins Gespräch gekommen“. Unterschiedlichkeit könne eine Bereicherung sein. „Wir können auch in der Verschiedenheit sehr viel gemeinsam bewegen“, plädierte sie für einen gelasseneren Umgang mit dem Thema.

Die Reformation als bleibende Wunde

Heiko Merkelbach zeigte Verständnis für die Feierstimmung der Protestanten. „Das hat auch mit Identität zu tun“, sagte er, „aber für uns Katholiken ist die Reformation eine bleibende Wunde“. Die Katholische Kirche müsse jedoch zugeben, dass die Schuld auf beiden Seiten liege. Wenn es Luther um eine Reform der Kirche gegangen sei und nicht um die Abspaltung, so müsse die Reformation eigentlich als gescheitert angesehen werden.

Ökumene, so machte Merkelbach in einem kleinen historischen Abriss deutlich, ist auch eine Frage der Migration. Nach dem Zweiten Weltkrieg kamen Flüchtlinge aus andersgläubigen Gegenden nach Süddeutschland, womit sich manche Katholiken heute noch schwer tun. Die Mobilität der Gegenwart tut ein Übriges: „Die Ökumene liegt vor der Haustür“, sagte der katholische Regionaldekan.

Hinzu kommt die zunehmende Säkularisierung, die beide Kirchen zur Zusammenarbeit geradezu zwingt. „Es ist doch fatal, wenn in einer kleinen Gemeinde zugleich das evangelische und das katholische Gotteshaus geschlossen werden müssen“, machte Kerstin Vogel-Hinrichs deutlich.

Gemeinsame Hospizarbeit

Die anschließende Diskussion zeigte, dass die Ökumene in vielen Bereichen des Alltags bereits gelebt wird. Beispielsweise in der Graswurzelbewegung der Hospizarbeit mit Sterbenden. Die Frage aber ist: Was genau ist letztlich das Ziel der Ökumene? Eine gemeinsame Kirche unter einem Papst? Das konnten sich die Zuhörer nicht wirklich vorstellen. Manchen Gesprächsteilnehmern ging es ganz einfach darum, zusammen mit ihren andersgläubigen Ehepartnern die Kommunion empfangen zu können. Das ist in Stuttgart weitgehend eine Selbstverständlichkeit. „Da ist die Basis wohl schon sehr viel weiter als die Amtskirchen“, konstatierte eine Zuhörerin, „nur, was unten passiert, das wirkt nach oben“.

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