Klimaschutz Wann schonen Wälder das Klima?

Von Roland Knauer 

Beim Wachsen nehmen Bäume viel CO2 aus der Atmosphäre. Doch man muss einiges beachten, wenn man mit der Aufforstung den Klimawandel bremsen will. Zum Beispiel darf man die Tiere nicht vergessen, welche die Samen der Bäume verbreiten.

Im Holz der tropischen Wälder – hier die Brettwurzeln einer Ceiba – ist viel Kohlenstoff gespeichert. Foto: Mauritius
Im Holz der tropischen Wälder – hier die Brettwurzeln einer Ceiba – ist viel Kohlenstoff gespeichert.Foto: Mauritius

Stuttgart - Seit dem Klimagipfel in Paris steht das Zwei-Grad-Ziel wieder im Fokus der Aufmerksamkeit. Um die steigenden Temperaturen an dieser Grenze abzufangen, müssen viele Hebel bewegt werden. Und viele der diskutierten Maßnahmen haben ihre Tücken: So kann es zum Beispiel zu wenig sein, einfach den Regenwald der Tropen als riesigen Speicher für das Treibhausgas Kohlendioxid stehen zu lassen, wenn man nicht gleichzeitig die Tiere dort schützt, meinen Mauro Galetti von der Staatlichen Universität im brasilianischen São Paulo und seine Kollegen in der Fachzeitschrift „Science Advances“. Pete Smith von der Universität im schottischen Aberdeen und seine Kollegen machen wiederum im Journal „Nature Climate Change“ darauf aufmerksam, dass die Möglichkeiten, das bereits in die Atmosphäre entlassene Kohlendioxid zurückzuholen, rasch an Grenzen stoßen können.

Die Tücken stecken bei den oft recht komplizierten Systemen der Natur häufig in Details. Ein Wald ist zum Beispiel deshalb ein guter Kohlendioxidspeicher, weil seine Pflanzen das Treibhausgas beim Wachsen verbrauchen. Solange die Bäume leben, steckt der Kohlenstoff dann im Holz fest und kann so das Klima nicht weiter anheizen. Erst wenn ein Baum stirbt oder der Wald gerodet wird, gelangt das Kohlendioxid wieder in die Luft. Es sei denn, an der Stelle des toten Baums wachsen rasch neue Pflanzen, die den Kreislauf fortführen.

An dieser Stelle kommen die Wirbeltiere ins Spiel, die in den Tropenwäldern der Erde leben. Im Atlantischen Regenwald Brasiliens werden zum Beispiel 89 Prozent aller Gehölze von Tieren verbreitet: Zunächst fressen diese die Samen und scheiden sie oft erst in einiger Entfernung mit dem Kot wieder aus. Die Exkremente düngen den Keimling und schieben so das Wachsen des jungen Baums kräftig an.

Große Bäume haben große Samen

Bei ihrer Vermehrung setzen die Gehölzarten auf unterschiedliche Helfer. So haben Bäume mit festem Holz, die meist hoch wachsen und daher viel Kohlenstoff speichern, größere Samen als weiche, kleinere Gehölze. Fledermäuse und Flughunde sowie kleinere Vögel können ihre Schnäbel und Mäuler nicht weit genug aufsperren, um diese Leckerbissen zu verschlingen. Gerade die Bäume, die CO2 stark reduzieren, sind also auf größere Tiere wie Affen, Tapire und Waldelefanten angewiesen. Doch diese Tiere werden gejagt: Sie kommen als Fleischvorrat in die Speisekammer oder landen lebendig im meist illegalen Tierhandel. Dazu kommt, dass Rodungen oft nur Waldstücke übrig lassen, die für das Überleben großer Tiere einfach zu klein sind. Verschwinden die großen Tiere, naht daher auch das Ende der großen Bäume, zeigen Galetti und seine Kollegen mit Computersimulationen. So wird ein unersetzlicher Speicher für Treibhausgase entwertet.

Dieser Zusammenhang ist natürlich auch wichtig, wenn in der Vergangenheit gerodete Gebiete wieder aufgeforstet werden sollen. Ohne solche Maßnahmen lässt sich das Zwei-Grad-Ziel kaum erreichen, vermuten viele Klimaforscher. Langfristig aber können solche aufgeforsteten Gebiete nur als CO2-Speicher wirken, wenn im Wald auch die Tiere leben, die den Bäumen mit hartem Holz und hohem Wuchs zu Nachwuchs verhelfen.

Und es gibt weitere Hürden, die überwunden werden müssen, wenn man Kohlendioxid wieder aus der Luft holen möchte, berichten Pete Smith und seine Kollegen. „Dabei gibt es häufig Konflikte“, erklärt Felix Creutzig vom Mercator Research Institute on Global Commons and Climate Change (MCC) und der Technischen Universität in Berlin, der an diesem Bericht mitgearbeitet hat.

Da geht es etwa ums Wasser: Werden größere Flächen wieder aufgeforstet, reichen in den ersten Jahren die Niederschläge vielerorts nicht aus, um die jungen Bäume zu versorgen. Ein Beispiel dafür ist der Mittelmeerraum, wo in vielen Regionen die einstigen Wälder schon vor Jahrtausenden abgeholzt wurden. Heute wächst in diesen Gebieten eine Macchia genannte Busch-Vegetation. Um hier Bäume wachsen zu lassen, müsste man den neuen Wald in den langen, trockenen Sommermonaten wohl bewässern. Das ist nicht nur relativ teuer, sondern kann neue Probleme schaffen. Denn Wasser ist oft Mangelware, und die vorhandenen Mengen sind bereits weitgehend für andere Zwecke von der Landwirtschaft bis zum Trinkwasser verplant.

Wälder reflektieren weniger Sonnenlicht als Schnee

Manchmal setzt auch die Natur selbst Grenzen. So könnte man Regionen im hohen Norden aufforsten, die bisher zu kalt für Wälder waren und nun durch den Klimawandel erwärmt werden. Ob die Bäume dort aber auch helfen, die steigenden Temperaturen zu bremsen, bleibt trotzdem zweifelhaft. Schließlich liegt dort in den langen Wintermonaten immer noch eine geschlossene Schneedecke, deren weiße Oberfläche einen großen Teil der Sonnenenergie in den Weltraum zurückwirft. Wachsen dort in Zukunft Wälder, wird deren dunkle Oberfläche einen erheblichen Teil der Sonnenenergie aufnehmen und so auf der Erdoberfläche festhalten. Aufforstungen in nördlichen Gebieten können so unter Umständen auch heizen. „Aufgeforstet sollten daher eher wärmere Gebiete werden“, meint Felix Creutzig.

Noch unübersichtlicher wird die Situation, wenn man Biomasse auf den Feldern erntet, sie in Kraftwerken verbrennt und das CO2 aus dem Rauchgas filtert, um es tief unter der Erde einzulagern. Das senkt zwar die CO2-Konzentrationen in der Luft, hat aber Nebenwirkungen. So müssen die Felder für die wachsende Biomasse oft genug gedüngt und bewässert werden. Das erhöht nicht nur die Kosten, sondern führt erfahrungsgemäß dazu, dass ein Teil des Düngers weggeschwemmt wird und im Meer landet. Die Ozeane aber sind ähnlich wie viele andere Gewässer bereits überdüngt.

Vor allem braucht man riesige Flächen, auf denen die Biomasse wachsen kann. Diese Flächen werden schon anderweitig genutzt, um zum Beispiel Lebensmittel anzubauen. Die Grenzen für solche Methoden scheinen also eng gezogen. Die Wissenschaftler ziehen daher ein ernüchterndes Fazit: Kohlendioxid aus der Luft zu holen kann die Maßnahmen gegen den Klimawandel zwar ergänzen – verlassen aber sollte man sich darauf nicht.