Klimawandel Werden Hurrikane häufiger?

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Der Hurrikan Sandy bringt das Thema Klimawandel wieder auf: Muss sich eine Küstenstadt wie New York auf mehr Wirbelstürme einstellen? Vermutlich nicht, lautet der wissenschaftliche Tenor, aber Sturmfluten dürften trotzdem häufiger werden.

Der Hurrikan Sandy vor der Nordostküste der USA, fotografiert vom europäischen Satelliten Metop-A Foto: Esa
Der Hurrikan Sandy vor der Nordostküste der USA, fotografiert vom europäischen Satelliten Metop-AFoto: Esa

Stuttgart - New Yorks Bürgermeister Michael Bloomberg scheint den Hurrikan Sandy auf den Klimawandel zu schieben. Im Internet schreibt er, dass sich das Klima wandle und die Zahl der extremen Wetterlagen zunehme. „Geschickt“ nennt das Roger Pielke Jr. von der Universität des US-Bundesstaats Colorado in seinem Blog, denn Bloomberg schiebe so die Verantwortung für die Verwüstungen durch den Hurrikan Sandy von sich weg.

Pielke ist Politologe und untersucht die Klimapolitik. Er hat an einem Bericht der US-Klimabehörde NOAA mitgearbeitet, der 2008 keinen Trend in der Häufigkeit der Wirbelstürme erkannte – und nur feststellte, dass die Schäden zunehmen, weil es mehr Immobilien und Infrastruktur gibt, die zerstört werden können (PDF des Berichts). In einem Gastbeitrag im „Wall Street Journal“ wies er dieser Tage darauf hin, dass es seit sieben Jahren keinen Hurrikan der Kategorien drei, vier oder fünf über dem Festland der USA gegeben habe – die längste Pause seit Beginn der Aufzeichnungen. Diese Pause sagt zwar nichts über das Klima aus, wohl aber über die öffentliche Wahrnehmung, die von einer gefühlten Häufung ausgeht.

Doch die Versicherung Munich Re scheint Bloomberg recht zu geben. In einer zwei Wochen alten Studie kommt sie zum Ergebnis, dass sich in Nordamerika die Zahl der Wetterkapriolen, die zu Versicherungsschäden führen, in den vergangenen 30 Jahren „fast verfünffacht hat“. Der Klimawandel wirke sich auf Hitzewellen, Dürren, Gewitter „sowie langfristig höchstwahrscheinlich auch auf die Intensität tropischer Wirbelstürme aus“, heißt es in einer Pressemitteilung.

Das Risiko von Sturmfluten dürfte steigen

Der 260 Seiten lange Bericht liest sich jedoch anders. Dort heißt es auf Seite 56, dass es in Nordamerika „keinen offensichtlichen kontinuierlichen Trend in der jährlichen Zahl der tropischen Stürme“ gebe. Die Autoren stellen lediglich fest, dass die Zahl der Hurrikane durch zyklische Veränderungen in den Meeresströmungen des Pazifiks und Atlantiks beeinflusst wird. Sie zitieren 23 Studien, die Prognosen für den Nordatlantik machen: 13 davon sagen einen Rückgang der Hurrikane bis zum Ende des 21. Jahrhunderts voraus.

Eine andere Frage ist das Risiko einer Sturmflut, das sich erhöhen kann, weil der Meeresspiegel steigen wird. Die Klimaforscherin Ning Lin von der US-Universität MIT hat mit Kollegen im Februar im Fachjournal „Nature Climate Change“ berichtet, dass sich das Risiko für eine schlecht geschützte Stadt wie New York erhöhen werde. Sturmfluten, wie es sie derzeit alle hundert Jahre gibt, würden Ende des Jahrhunderts alle 3 bis 20 Jahre auftreten.

Eine Studie aus dem Fachmagazin „Proceedings“ der US-Akademie der Wissenschaften, die vor zwei Wochen erschien, liefert eine Rekonstruktion der Sturmfluten der vergangenen Jahrzehnte. Sie kommt zum Ergebnis, dass die Wirbelstürme zunehmen könnten, weil sie in warmen Jahren wahrscheinlicher sind als in kalten.

Eine verbesserte Hurrikan-Statistik

Hurrikan-Statistiken kranken daran, dass sie lückenhaft sind. So dürften die Wirbelstürme, die auf dem Meer bleiben, erst seit Beginn der Satellitenaufnahmen zuverlässig registriert worden sein. Aslak Grinsted von der Universität Kopenhagen hat, während er an der Normal-Universität in Peking arbeitete, einen Weg gefunden, die Statistik zu verbessern. Er nutzt die Pegelstände in sechs amerikanischen Häfen, um anhand der Sturmfluten einen Wirbelsturm auf dem offenen Meer zu erkennen.

Wenn man diesen Indikator akzeptiert, dann hängen Wirbelstürme, die eine Flutwelle erzeugen wie Katrina, von der Temperatur ab – und die Temperaturen steigen. In den Jahren, die zur wärmeren Hälfte der Statistik gehören, kommen solche Wirbelstürme etwa alle 15 Jahre vor, in der kälteren Hälfte nur alle 30 Jahre. Das ist nicht unplausibel, da Wärme einen Hurrikan überhaupt entstehen lässt. Nur wenn das Meerwasser mindestens 26,5 Grad warm ist, kann sich ein Wirbel bilden. Doch Hurrikane der Katrina-Klasse sind selten. In Grinsteds Statistik kommen nur vier vor, denn die Aufzeichnungen der Pegelstände reichen nur bis ins Jahr 1923 zurück.

Doch Wissenschaftler kümmern sich erst einmal um das Grundsätzliche: Sind Pegelstände geeignete Indikatoren für Wirbelstürme? Die Idee sei gut, lautet der Tenor bisher beispielsweise im Klimaportal Climate-Central, aber der Zusammenhang sei noch nicht klar genug erwiesen.