Kluge Köpfe (6) Ein Brillanter

Von Michael Ohnewald 

Der 50-jährige Physiker Jörg Wrachtrup ist Diamantenforscher an der Universität Stuttgart. Teil sechs der Serie „Kluge Köpfe“.

Jörg Wrachtrup hat glänzende Ideen, die auch in der Medizin segensreich sein können. Foto: Reiner Pfisterer
Jörg Wrachtrup hat glänzende Ideen, die auch in der Medizin segensreich sein können. Foto: Reiner Pfisterer

Stuttgart - Diamonds are a girl’s best friend, hauchte die schöne Marilyn einst ins Mikrofon. Richard Burton wusste das, als er 1969 auf einer Auktion seinen Agenten um ein selten schönes Stück mitbieten ließ. Der Auktionator eröffnete mit der Frage, ob jemand bereit sei, 200 000 Dollar zu bezahlen. Mehrere Arme zeigten nach oben. Bei 650 000 Dollar waren noch zwei Bieter übrig. Als der Preis eine Million Dollar erreichte, stieg Burtons Makler aus. Den Zuschlag bekam das Schmuckhaus Cartier.

Als der frisch verliebte Schauspieler von der Niederlage hörte, war er mächtig sauer. Umgehend telefonierte er vom Münztelefon eines Hotels in Südengland aus mit dem Anwalt des Schmuckhauses. Während er zwischen Lounge, Bar und Salon unaufhörlich Münzen ins Telefon warf, verhandelte er vor reichlich Publikum über den Preis. „Es interessiert mich nicht, wie viel er kostet!“, soll Burton geflucht haben. Am Ende ließ sich Cartier bei dem harten Steingeschäft erweichen und verkaufte das Stück an den Schauspieler, der es Liz Taylor schenkte, welche dem edlen Stein nicht nur ihren Namen gab, sondern auch stolz wie Bolle mit ihm bei Fürstin Grace Kellys 40. Geburtstag auftrat.

Von Diamanten, so lehrt diese kleine Geschichte, geht ein besonderer Zauber aus, dem vor allem Frauen erliegen – aber eben nicht nur. Auch Männer können dem magnetisierenden Reiz der funkelnden Unikate verfallen – solche wie Richard Burton oder auch Professor Jörg Wrachtrup, Direktor des 3. Physikalischen Instituts an der Uni Stuttgart. „Diese Steine“, sagt er, „haben ein unglaubliches Feuer.“

Hoch dotierter Preis für Diamantenforschung

Manchmal entstehen aus einem solchen Befund „brillante“ Ideen. Im Fall von Jörg Wrachtrup ist genau das passiert. Nicht von ungefähr wurde der Stuttgarter Experimentalphysiker für die Diamantenforschung mit einem 2,5 Millionen Euro schweren Preis des Europäischen Forschungsrats bedacht, dem wenig später der „deutsche Nobelpreis“ folgte: Die Deutsche Forschungsgemeinschaft verlieh ihm den Gottfried-Wilhelm-Leibniz-Preis, ebenfalls mit 2,5 Millionen Euro dotiert. Wrachtrup kam zu der Ehre, weil er ein neuartiges Forschungsgebiet an der Schnittstelle zwischen Festkörperphysik und Quantenoptik erschlossen hat. Zweimal 2,5 Millionen Euro Preisgeld. Da sage noch einer, der Diamant sei kein gewinnbringendes Wertobjekt.

Die Herbstsonne wärmt den Vaihinger Campus am Pfaffenwaldring. Draußen schnattert im See eine Ente, drinnen versucht ein Professor zu erklären, warum seine wissenschaftlichen Veröffentlichungen im vergangenen Jahr weltweit 1200-mal zitiert worden sind. „Wir haben das Fenster zu einer neuen Welt geöffnet“, sagt Wrachtrup leise, als würde er sich für die Superlative seines Befunds ein bisschen schämen. Wie diese neue Welt aussieht, kann er nicht sagen. Bis jetzt gibt es nur ein Fenster und dahinter ein Gebiet, das noch keiner bereist hat. Nur die Reiseprospekte, die gibt es schon. Und was sie verheißen, ist in der Tat großartig.

Serviert wird die wissenschaftliche Erklärung mit einem Espresso, den sich der 50-jährige Physiker im sechsten Stock auf dem Flur neben seinem Büro aus einer Maschine holt. Wrachtrup trägt ein blaues Hemd zur Jeans. Der Glanz des funkelnden Ruhms ist ihm nicht zu Kopf gestiegen, obwohl er mit seinem Team ein großartiges Forschungsfeld erschlossen hat. Diamanten lassen nicht nur die Herzen vieler Schmuckliebhaber höher schlagen. Auch Werkzeugbauer und Materialforscher schätzen diese besondere Form von Kohlenstoff wegen seiner extremen Härte und der guten Wärmeleitfähigkeit. Der Diamant beginnt nun dank Jörg Wrachtrup auch verstärkt, ein physikalisches Gebiet zu erobern, in dem man ihn zunächst nicht vermuten würde.