Kneipenbesuch im Rotlichtviertel Oskar und Ali werden Sparringspartner und Freunde

Von Johannes F. Laubmeier 

Der Illusionshändler Oskar wird 1937 in Leipzig geboren. Er lernt Dekorationsmaler und boxt bei Chemie Leipzig. Mit 18 Jahren, damals noch nicht volljährig, verlässt er die DDR und kehrt nicht mehr zurück. Zuerst verschlägt es ihn nach Hamburg, drei Jahre später landet er in Stuttgart und in der Uhu-Bar. Dort kommt Oskar zum ersten Mal in Berührung mit dem, was er heute nur "das Milieu" nennt. "Hier wurden wir als junge Hüpfer geprüft und geprägt", schreibt er in einer kurzen Geschichte der Bar.

1965 geht Oskar nach München und eröffnet seine erste Bar. Ein Jahr später zieht es ihn nach Frankfurt. Muhammad Ali tritt im Waldstadion gegen Karl Mildenberger an. Vor dem Kampf besucht Ali den Boxclub, in dem auch Oskar trainiert. Die beiden werden Sparringspartner und Freunde. Nach einigen Jahren geht Oskar zurück nach München und betreibt dort zwei Bars im Rotlichtbezirk, bis anlässlich der Olympischen Spiele eine Sperrgebietsverordnung erlassen wird.

Viele Gäste kennt er beim Namen

Um kurz kurz vor Mitternacht ist die Uhu-Bar brechend voll. Nur an Oskars Tisch sind noch Stühle frei. Ein Mann will sich setzen. "Alles reserviert", ruft Oskar. Mit mächtiger Schlagseite lässt sich der Mann auf einen der Stühle fallen. "Hallo? Belegt!" Der Mann bleibt sitzen. Oskar steht auf und befördert den Betrunkenen nach draußen: "Den Tisch muss man sich verdienen!"

Oskar gibt dem DJ einen Wink. Die Musik stoppt. "Freunde der Nacht! Silentium!" Mit einem Schlag ist es leise. Oskar begrüßt die Gäste, viele kennt er beim Namen. "Was ich euch nur sagen wollte: Macht weiter so!" Applaus. "Oskar for President", ruft Oskar. Nächstes Zeichen für den DJ, und ein Latinosänger dudelt seinen Herzschmerz in den schwülen Raum. Draußen auf der Leonhardstraße fährt eine Polizeistreife vorbei.

"Ich kann mich nicht beschweren"

Nachdem ihn München nicht mehr haben will, geht Oskar 1972 zurück nach Frankfurt und eröffnet ein neues Lokal. Er nennt es nach der Fernsehserie "Klimbim". 2006 bittet ihn ein Freund, die Uhu-Bar zu übernehmen.

"Ich wollte eigentlich nie wieder nach Stuttgart", sagt Oskar. "Ich hatte zwei Jahre Heimweh nach Frankfurt." Anfangs saß er Abend für Abend allein in seiner Bar. Nicht weil kein Gast anklopfte, sondern weil ihm die Gäste nicht gefielen, die anklopften. "Geschlossene Veranstaltung" lautete seine Ansage. Heute ist er geselliger. 300 Stammgäste gehen in der Uhu-Bar ein und aus, viele davon nennt Oskar seine Freunde. "Ich kann mich nicht beschweren."

Oskars Sprechstunde ist vorbei

Es kursieren Gerüchte von Oskar und leichten Damen, von Oskar und einem kubanischen "Geschäftsmann" und von einem Gefängnisausbruch. Es gebe noch mehr solcher Geschichten von früher, sagt Oskar, doch die will er nicht erzählen. "Was willst du denn jetzt noch wissen", fragt er, "soll ich jetzt meine Lebensbeichte ablegen, oder was?" Oskars Sprechstunde ist vorbei. Neben ihm steht seine Freundin Sylvia. Sie wisse mehr, sagt sie, aber das könne man nicht schreiben. "Wenn meine Töchter das in der Zeitung lesen, sagen die, ich soll mir mal eine andere Bar suchen. Und einen anderen Mann." Sie lacht. Er grinst.

Inzwischen ist es weit nach Mitternacht. Hinten an der Bar philosophiert ein Biertrinker mit wallendem silbernem Haar. Er stellt sich als Gege und als "alter Freund von Oskar" vor. Gege erzählt, dass er 55 sei und im Straßenbau arbeite und dann, dass er seine erste Lohnsteuerkarte mit 41 Jahren beantragt habe. Was hat er davor gemacht? "Vergiss es einfach."

Seine Halbwelt geht langsam unter

Die Wand hinter ihm ist mit Fotografien gepflastert, die meisten pastellfarben, vergilbt. Auf einem großen Gruppenbild sitzen vier Männer an einem Tisch. Über drei sind mit schwarzem Filzstift kleine Kreuze gemalt, Gege schaut sie an. "Der Oskar ist der letzte, der noch übrig ist", sagt er. In der Ecke brennt eine Kerze vor einem "Bild"-Zeitungsausschnitt. Der Artikel beschreibt die Trauerfeier eines Frankfurter Zuhälters. Oskar hielt die Grabrede.

Oskars Halbwelt geht langsam unter. "Ich bin ein Fossil" sagt er, die Jungs von damals treffe er eigentlich nur noch auf Beerdigungen. In den letzten sechs Wochen hat er vier seiner besten Freunde zu Grabe getragen. "Das waren Leute, die ich mehr als 50 Jahre gekannt habe, nicht so Larifarigeschichten."

Heute herrschen andere Sitten im Rotlichtmilieu

Mit den Menschen verschwindet ihr Milieu. Heute herrschen andere Sitten im Rotlichtmilieu. "Huren waren damals faszinierende, interessante Frauen", sagt Oskar. Er klingt wehmütig. Die alten Zeiten konserviert Oskar in seiner Bar. "Der Uhu, das bin ich", sagt er. "Ich leb auch von der Nostalgie."

Um kurz nach vier Uhr säuselt Marlene Dietrich aus dem Lautsprecher: "Ich bin von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt, denn das ist meine Welt und sonst gar nichts." Oskar singt mit. Die letzten Gäste gehen hinaus, zurück in die Realität. Abschied mit Handschlag und Wangenküsschen. "Kommt bald wieder", sagt Oskar. Er lässt die Rollläden herunter. Das Neonlicht hinter den Butzenglasscheiben verschwindet, der Uhu im Fenster erlischt.