Kneipenbesuch im Rotlichtviertel Der letzte Nachtvogel

Von Johannes F. Laubmeier 

Für die Gäste heißt er Oskar. Seine Bar gehört zur Stuttgarter Leonhardsstraße wie die Damen auf dem Gehweg. Ein Kneipenbesuch.

Oskar an seinem Stammplatz neben der Tür. Von hier aus unterscheidet er zwischen denen, die in die Uhu-Bar dürfen und denen, für die „geschlossen“ ist. Foto: Stoppel
Oskar an seinem Stammplatz neben der Tür. Von hier aus unterscheidet er zwischen denen, die in die Uhu-Bar dürfen und denen, für die „geschlossen“ ist. Foto: Stoppel

Stuttgart - Pitt Müller, den jeder hier nur Oskar nennt, sitzt an der Kante eines plüschigen Sofas und raucht. Vor ihm steht ein Glas Apfelschorle. "Richtige Apfelschorle" hat er bei der Kellnerin bestellt, keinen Champagner auf Eis, den er sonst gerne trinkt. Oskar hat nächste Woche einen Arzttermin, dafür muss er nüchtern bleiben. Hinter ihm hängt ein Bild von Napoleon. Auf der roten Tapete wachsen weiße Ranken, davor stehen antike Möbel.

Oskar trägt monochrom. Schwarzer Anzug, schwarzes Hemd, schwarze Krawatte. Dazu eine goldene Krawattennadel in Handschellenform. Seine weißgrauen Haare sind glatt nach hinten gekämmt, sie schimmern leicht lila im Halblicht des Barraums. Van Morrison schnaubt "Days like this" aus der Stereoanlage.

Nachtschichten im Namen der Nostalgie

Seit einigen Jahren betreibt Oskar die Uhu-Bar im Rotlichtviertel der Stuttgarter Altstadt. An fünf Tagen in der Woche sitzt der 74-Jährige in seinem Lokal und feiert mit seinen Gästen Feste zu Ehren vergangener Zeiten, schiebt Nachtschichten im Namen der Nostalgie.

Früh am Abend ist in der Uhu-Bar noch nichts los. "Die sind alle noch auf dem Weihnachtsmarkt", sagt Oskar. Er geht zum Fernseher und schaltet an: "gemütliches Kaminfeuer" aus dem DVD-Spieler. Von draußen blinkt das Neonlicht bunt durch einen Butzenglas-Uhu in der Fensterscheibe.

"Girls Girls Girls"

In der Leonhardstraße läuft der Betrieb schon auf Hochtouren. Die Clubs heißen Nonne, Messalina oder Oase. "Girls Girls Girls" steht in Leuchtbuchstaben an einem Gebäude. Vom Gehweg kommen die Angebote, säuselnde Damen mit professionellem Interesse: "Na Süßer, hast du Lust?" oder "Schöner Mann, kommst du zu uns herein?"

Als Oskar in den fünfziger Jahren zum ersten Mal in Stuttgart aufkreuzte, war die Uhu-Bar schon da, wo sie heute ist. Eine Institution im Rotlichtviertel. Stuttgarts Halbwelt war dort zu Hause. Wer dazugehören wollte, brauchte einen Stammgast als Bürgen. Der Name Uhu, sagt Oskar, gehe auf die sogenannten Ringvereine zurück, Zusammenschlüsse von Kriminellen.

"Zwischen Kultur und Killesberg"

In der Uhu-Bar verkehrten aber keineswegs nur halbseidene Gestalten. Auch Richter, Staatsanwälte und Polizisten gehörten, sagt Oskar, "unter dem Siegel der Verschwiegenheit" zu den regelmäßigen Gästen.

Es klopft an der Tür. Oskar öffnet, eine Gruppe Mittdreißiger steht vor ihm. "Dürfen wir rein, Oskar?" Sie dürfen. Handschlag für die Herren, Wangenküsschen von den Damen. "Zwischen Kultur und Killesberg", hat ein Blogger einmal das Publikum in der Uhu-Bar beschrieben. "Elitär", nennt Oskar seine Gäste. Er meint das nicht negativ.

"Ich bin im Illusionsgeschäft"

Der Barraum ist inzwischen mehr als halb voll. Die Gäste sitzen in Gruppen auf Sofas und Barhockern. An der Wand hinter ihnen hängen Fotos: Oskar mit Muhammad Ali, Oskar mit Paris Hilton, Oskar im Smoking mit Mikrofon sowie das Porträt eines Travestiekünstlers, der manchmal hier auftritt. In der Mitte der Wand küsst sich leidenschaftlich ein Paar auf Leinwand. "Eine Szene aus Boccaccios Decamerone", sagt Oskar. Draußen poltern Halbstarke die Treppe hinunter, durch den Hauseingang auf die Straße. Das Rudel kommt aus dem Bordell im ersten Stock. Das heiße auch Uhu, habe aber nichts mit seiner Uhu-Bar zu tun, sagt Oskar: "Ich habe normales Publikum."

Auf der anderen Seite des Raums lacht eine Frau, ihr Lippenstift schimmert röter als nötig. Oskar kennt sie. Sie sei Lehrerin, sagt er. Ein anderer Gast trägt ein Nadelstreifensakko über seinem Pulli, es ist ihm ein bisschen zu groß. "How do we sleep while the Beds are burning" schwitzt es aus den Lautsprechern. Oskar schaut über seine Gäste auf den Fernseher, in dem immer noch das Lagerfeuer züngelt. Daneben hängt ein Schild an der Wand. "Hier gibt's Pussy", steht drauf - Werbung für einen Energydrink. "Meine Gäste suchen ein bestimmtes Gefühl, und das gebe ich ihnen", sagt Oskar. "Ich bin im Illusionsgeschäft."