König Wilhelm I. legendäre Araberzucht Der Traum von den weißen Pferden

Von Thomas Borgmann 

Im Herbst 1817 gründet Württembergs König Wilhelm I. seine legendäre Araberzucht. Am Wochenende beginnen im Landgestüt Marbach auf der Schwäbischen Alb die Feierlichkeiten zu ihrem 200-jährigen Bestehen. Dahinter steckt eine spannende Geschichte voller Kuriositäten.

Das berühmte Gemälde von 1838: König Wilhelm I. auf seinem Leibhengst Bairactar Foto: Archiv Haupt- und Landgestüt
Das berühmte Gemälde von 1838: König Wilhelm I. auf seinem Leibhengst Bairactar Foto: Archiv Haupt- und Landgestüt

Marbach an der Lauter - Als der schwer kranke König der Württemberger ahnt, dass er nicht mehr lange zu leben hat, lässt er sich am 23. Juni 1864 von Graf Wilhelm von Taubenheim, seinem Oberstallmeister und engsten Vertrauten, am Neckar hinauf nach Weil kutschieren – in sein geliebtes Gestüt vor den Toren Esslingens. Es schmerze ihn doch sehr, so zitiert sein Biograf Paul Sauer, „von einem so schönen und guten Lande scheiden zu müssen“. Es sollte sein letzter Ausflug sein. Zwei Tage später, am frühen Morgen des 25. Juni 1864, stirbt der verdienstvolle König der Württemberger auf Schloss Rosenstein. Er wird im Mausoleum auf dem Rotenberg neben seiner geliebten Frau Katharina beigesetzt.

Diese letzte Ausfahrt des Königs zu seinen Pferden nach Weil ist kein Zufall, denn der „Bauer auf den Königsthron“, wie ihn seine Untertanen respektvoll nennen, hat in der Landwirtschaft, mit Ackerbau und Viehzucht, nicht zuletzt mit dem Aufbau eines modernen Staatswesens, eine wichtige Ära Württembergs geprägt.

Als er 1816 König wird, herrscht auch über seinem vergleichsweise kleinen Land das für uns heute unvorstellbare „Jahr ohne Sonne“. In Indonesien ist der Vulkan Tambora ausgebrochen, seine gigantischen Aschewolken verdunkeln wochenlang den Himmel über Mitteleuropa – Missernten und Hungersnöte folgen. Doch der neue König der Württemberger, 1781 im schlesischen Lüben geboren, nimmt das nicht als Gottes schicksalhaften Willen, sondern versucht, sein Land mit Weitblick aus der Misere zu führen: Ihm verdanken wir – was jeder Schwabe aus dem Effeff weiß – das Landwirtschaftliche Hauptfest und das Cannstatter Volksfest. Nicht zu vergessen: Wilhelm I. schafft 1817 die Leibeigenschaft ab.

Einer der geschicktesten Pferdezüchter Europas

Im selben Jahr begründet der Regent seinen Ruf, einer der geschicktesten Pferdezüchter Europas zu sein. Erhalten ist sein Dekret vom 30. September 1817, durch das er seine Domänen in Weil bei Esslingen, im Schloss Scharnhausen auf den östlichen Fildern sowie in Kleinhohenheim unweit von Birkach zum „Königlichen Privatgestüt“ erhebt. Außerdem erklärt er das 1514 erstmals urkundlich erwähnte Marbach im Lautertal bei Münsingen zum Landgestüt. Um 1817 stehen dort 150 Hengste, 80 Mutterstuten und 240 Pferde der jüngeren Jahrgänge.

Trotz der schwierigen Jahre scheint die damals existenziell so wichtige Pferdezucht in Württemberg gut aufgestellt. Dennoch möchte Wilhelm I. mehr: Die Pferde, die das Militär und der Hof benötigen, also die klassischen Warmblüter, sollen durch das Einkreuzen edler, reinrassiger Araber mehr Adel, mehr Härte und vor allem mehr Leistungskraft erlangen. In einer Mischung aus privater Passion und heftiger Prestigesucht als Herrscher stellt der König mit Geldern aus der Staatskasse sowie aus seiner Privatschatulle eine Zucht arabischer Pferde auf die Beine. An diesem Wochenende beginnen im Haupt- und Landgestüt Marbach im Lautertal die Festlichkeiten zum 200-jährigen Bestehen der weltbekannten Silbernen Herde.

Astrid von Velsen-Zerweck, seit 2007 als „Landoberstallmeisterin“ an der Spitze des ältesten deutschen Staatsgestüts, sagt: „König Wilhelm hat damals eine Araberstute angeschafft – Murana. Heute geht unsere 30-köpfige Stutenherde auf drei Stämme zurück, einer davon direkt auf Murana!“ Anders gesagt: Es grenzt an ein Wunder, dass sich eine kleine Herde von Pferden über mehr als 200 Jahre quasi lückenlos entwickelt und erhält, sich aufgrund ihrer Stammbäume und anderer Dokumente zurückverfolgen lässt. Das macht die zumeist weißen Pferde so besonders.