Stuttgart - Einerseits ist die Erfindung der Brille ja ein Segen für die Menschheit. Andererseits: will man in dieser Welt überhaupt alles sehen, was es zu sehen gibt? Will man, als Eltern zumal, jeden Tag fünfzigmal beim Betreten eines Zimmers sagen: „Wie sieht’s denn hier aus?!“

Sei es, wie es will. Aber wenn schon was auf die Nase – dann bitte passend, ruck- und wackelfrei. Nichts Schlimmeres, als wenn das Gestell schief im Gesicht steht, wenn es an den Ohren zwickt und an der Nase zwackt, wenn der Brechungsindex verschoben ist, weil das rechte Glas tiefer als das linke hängt. Ganz abgesehen davon, dass selbst das ebenmäßigste Antlitz einen trottelhaften Touch kriegt, wenn mit der Brille die Symmetrie in die Binsen gegangen ist.

Knapp drei Jahrzehnte lang hat man sich so durchs Leben geschlagen, das Gestell stets wie seinen Augapfel gehütet und selbst bei minimalen Verformungen unverzüglich den Optikermeister des Vertrauens aufgesucht, damit er die Sache wieder geradebiege. Denn eines beherrscht der durchschnittliche Brillenträger selbst bis zum Jüngsten Gericht nicht: seine Sehhilfe so zu richten, dass alles stimmt und nicht am Ende noch ein Bügel kracht. Ja, und hier kommen wieder die Kinder ins Spiel. Sie sind, wie wir alle wissen, wunderbare Geschöpfe. Sie haben aber nur einen, dafür aber gravierenden und möglicherweise kostspieligen Nachteil: Mit ihrer Neugier und ihrem schwer berechenbaren Bewegungsdrang machen sie uns Brillenträgern das Leben zur Hölle. Und das noch nicht einmal mit böser Absicht. Aber es vergeht kaum ein Tag, an dem der Große beim Toben und Raufen nicht aus Versehen an das Gestell käme, keiner, an dem das Baby auf dem Schoß nicht mit ebenso überfall- wie ruckartigen Bewegungen nach hinten die Balance der eben eigens frisch wieder gerichteten Brille in Gefahr brächte.

Nun gut, solchen unvermittelten Kopfstößen sind schon ganze Frontpartien von Erwachsenengebissen zum Opfer gefallen, Väter sahen von jetzt auf nachher wieder aus wie Abc-Schützen (rein dentaloptisch gesehen). Und natürlich kann man einwenden: was ist schon ein Stück verbogenes Metall oder Horn gegen eine megateure Unfallsanierung mit Jacketkronen, Stiftzähnen, Implantaten und allem sonstigen Pipapo, von Schmerzen und allfälligen Zahnarztneurosen mal ganz zu schweigen? Das mag ja so sein. Aber wenn man alle naslang zum Optiker muss, damit der das Malheur wieder behebe, dann ist es schon im Bereich des Möglichen, dass die elterliche Liebe eine kleine Trübung erfährt.

Ganz besonders geprüft wird diese väterliche Zuneigung, wenn die knapp vierjährige Tochter eines schönen Tages in den Garten tritt, auf der Nase die noch ziemlich neue Gleitsichtbrille des Papas, woraus sich sowohl Rückschlüsse auf dessen Alter als auch auf die ungefähren Kosten so einer Anschaffung ziehen lassen. Um es kurz zu machen: das Gestell – verbogen; die Gläser – verschmiert.

Aber womit denn nur, um Himmels Willen? Da grinst sie, wie nur eine knapp Vierjährige grinsen kann: „Mit Schogelade!“