Kolumne „Kinderkram“ Lob der Lehrer

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Was Eltern verbocken, müssen Lehrer richten. Das gelingt nicht immer. Aber oft. Unser Kolumnist Matthias Hohnecker findet, es sei an der Zeit, das mal gründlich zu würdigen und damit ein paar Klischees zu Leibe zu rücken.

Wenn das Kind nicht mitarbeitet, ist der Lehrer schuld? Mitnichten. Foto: dpa
Wenn das Kind nicht mitarbeitet, ist der Lehrer schuld? Mitnichten.Foto: dpa

Stuttgart - So, wir machen jetzt mal was ganz Ungehöriges. Wir sind auf den nächsten 69 Zeilen so politisch unkorrekt, wie es unkorrekter gar nicht geht. Wir singen ein Loblied auf: Lehrerinnen und Lehrer. Und wer das nicht lesen mag, kommt auf den Auszeitstuhl.

Normalerweise werden über Lehrer Witze gerissen, sie werden beleidigt, beschimpft, für alles Unglück der Welt verantwortlich gemacht. Von den Schülern, noch stärker von deren Eltern. Schon mal vor der Schule auf ein Kind gewartet und mit anderen Erziehungsberechtigten so richtig abge­ledert über Herrn Dingsda? Schon mal in der Telefonkette über den dauernden Unterrichtsausfall von Frau Soundso gedreckschleudert? Na also.

Und diese Klischeewitze kennt auch jeder. Was ist der Unterschied zwischen Lehrern und Gott? Gott weiß alles, Lehrer wissen alles besser! Und den hier: Wie sind die Steigerungsformen von „leer“? Leer – Lehrer – Oberlehrer. Und natürlich weiß ein jeder, dass Lehrer vormittags recht und nachmittags freihaben.

Schullandheim, Theater-AG, Bläser-Kids

Aber weiß ein jeder auch, dass viele Lehrer sich um unsere ungezogenen, zickigen, ungewaschenen, vorpubertierenden, impertinenten, arroganten, vorlauten, unhöflichen, dummen, bösen, altklugen, geistlosen Kinder kümmern, als wären es ihre? Dass Lehrer alles, was wir Eltern verbockt haben, ausbaden müssen und Vorwürfe zu hören kriegen, wenn sie es nicht ganz schaffen? Vorwürfe, die im Ton so ungezogen, zickig, ungewaschen, nachpubertierend, impertinent, arrogant, vorlaut, unhöflich, dumm, böse, altklug und geistlos sind, dass man sofort weiß, wer die Kinder dieser Eltern sind? Anscheinend weiß jeder das. Denn jeder Nichtlehrer, den man fragt, ob er gerne Lehrer wäre, sagt: „UM GOTTES WILLEN! Diese Rotzlöffel unterrichten? Niemals!“ Und wir UM-GOTTES-WILLEN-Nichtlehrer haben ja nur die Erfahrungen von sehr, sehr befristeten Kindergeburtstagsfesten.

Und dann gehen diese Lehrer mit diesen unseren Kindern in Schullandheime, von denen diese unsere Kinder mit leuchtenden Augen zurückkehren, weil sie feuerspucken durften und selber kochen mussten. Diese Lehrer verbringen Sonntage in Zusatzvorstellungen der Theater-AG, die sie an Montagen, Dienstagen, Mittwochen, Donnerstagen und Freitagen vorbereitet, angeleitet, ausgestattet, auf den Weg gebracht haben. Sie führen auf dem Schulfest mit bewegungsfaulen Schülern wunderbare Gruppentänze auf, sie spielen mit den Kindern aus der Bläserkids-Klasse Orchesterstücke, bei denen man sich so gar nicht an die Klänge etwa von Tochter E. beim Klarinetteüben (also Nichtüben) erinnert fühlt (also an quietschende, weil misshandelte Mäuse oder das Einlaufen eines Raddampfers in den Heimathafen). Und, und, und . . .

Diese Lehrer, viele davon jedenfalls, auch jene, die neuerdings nicht mehr Lehrer heißen, sondern Lerncoach, machen unsere Kinder (viele jedenfalls) ein bisschen weniger ungezogen, zickig, ungewaschen, vorpubertierend, impertinent, arrogant, vorlaut, unhöflich, dumm, böse, altklug und geistlos. Und dafür jetzt ein politisch völlig unkorrektes, aber von Herzen kommendes Dankeschön!

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10 KommentareKommentar schreiben

Betreff: Ein Teil der Kommentare gesättigt das Lehrerbild in der Gesellschaft. Es ist nicht ganz so extrem, jedoch empfinde ich es als ungerecht nach Studium und Referendariat so lange nicht verbeamtet zu werden und demütigend so oft zum Arbeitsamt zu müssen. Es ist daher schwer die Motivation für den Beruf zu finden. Ein mancher wird behauptet, dass man sich dies vorher hätte überlegen müssen und ein Angestellter einer Firma könnte den Job verlieren. Jedoch fällt es mir schwer Rücklagen zu schaffen, weil man ohnehin bei einer 3/4-tel-Stelle schon knapp über 1.000 € verdient. Jedoch werden die restlichen 1/4-tel der zu stopfenden Stunden ohne Bezahlung vertreten, weil die Schule eben die Vertretung braucht und das Land pleite ist bzw. das Geld nicht hat. Als Student jobbte ich und hatte teilweise mehr im Monat raus als jetzt. Aber ich mache die Arbeit gerne und danke für diesen Artikel. Allen negativen Kritikern der Lehrer kann ich nur empfehlen die Energie in ihre Kinder zu stecken. Das hätte mehr Sinn. Ich könnte mich über die negativen Kommentare aufregen, aber hätten die Schüler etwas davon? Mag sein, dass es auch schwarze Schaffe gibt, das eine oder andere negative Erlebnis. Doch wenn man auf die Bezahlung eines Lehrers „runterrechnet“ bekommen die Schülerinnen und Schüler heutzutage sehr gut ausbildete Lehrer, von denen sehr viel verlangt wird. Wenn es jemanden nicht passt, der soll die Kinder an eine Privatschule schicken oder selber unterrichten oder Lehrer werden. Und wem die Lehrer nicht passen? Vielleicht brauchen die Schülerinnen und Schüler eben die Lehrerinnen und Lehrer, die sie haben und vielleicht müssen die Schülerinnen und Schüler heutzutage so in der Gesellschaft und in den Familien sein, um bestehen zu können. Wie sonst sollten sie morgen bestehen? Jedoch sollten sie einen Teil ihrer Zickigkeit usw. bitte behalten, die ich im Allgemeinen nicht so extrem sehe, wie in dem Artikel dargestellt. Natürlich gibt es auch Extremfälle. Doch die Gesellschaft wandelt sich eben. Ich hoffe nur, dass das Lehrerbild in der Bevölkerung positiver wird, dann könnte man sich effektiver dem Unterricht und den Schülern widmen, ohne sich mit diesen unproduktiven Dingen auseinandersetzen zu müssen. Würden sie morgen motiviert in ihren Beruf ausüben, wenn das gesellschaftliche Bild negativ wäre, ständig schlecht darüber geredet wird, der Beruf kritisiert wird und das Negativ betont wird? Würden sie auf ein Kind eines Kollegen aufpassen, der ihnen auf die Nerven geht, sie kritisiert und auf ihnen seine Frust abwälzt?

Vielen Dank: Herr Hohnecker, vielen Dank für diesen schönen Betrag, der mich zum Lächeln gebracht hat. Ich selbst bin seit 6 Jahren (11 Arbeitsverträge) angestellte Grundschullehrerin und wesentlich schlechter bezahlt als meine verbeamteten Kollegen. Regelmäßig finde ich mich auf dem Arbeitsamt wieder. Trotz Stress und schlechtem Ruf liebe ich meinen Beruf. Warum ich das tue? Weil es keine größere Anerkennung gibt als von einem Kind zu hören, dass es Freude beim Lernen hat und weil es nette Eltern gibt, die tatsächlich Engagement erkennen, schätzen und danken.

@DerarmeLehrer: leider nicht ganz aktuell: Zwar dürfte manch ein Abiturient oder Studienanfänger diesen Illusionen noch unterliegen, wenn er Lehrer werden möchte, doch schnell zeigt sich: Ferien müssen zur Nach- und Vorbereitung des Schuljahres genutzt werden und bedeuten weit weniger Urlaub, als man meinen könnte und dass Verbeamtung für viele gerade junge engagierte Lehrer in immer weitere Fernen rückt ist längst auch schon Alltag geworden (siehe dazu nahezu jedes Tage- oder Wochenblatt). Kurze befristete Verträge, 400€-Anstellungen und Saisonarbeit (für 11 Monate) verdrängen langsam die Festanstellung (die wenn nicht beamtet jetzt schon keinen bundesweiten Tariflöhnen unterliegt). Wenn also das Lehramt irgendwann einmal wegen Sicherheit und Urlaub attraktiv war, heute sind auch diese Attribute erfolgreich wegrationalisiert worden.

@Bin gerne Lehrer - Sie haben alle Vorurteile bestätigt: Ihr polemischer Kommentar hat leider alle Vorurteile gegenüber Lehrern bestätigt. Es ging um Grundschule - schön, dass es Ihnen in der Berufsschule gefällt, aber Thema verfehlt : 6, setzen. Argumente habe ich auch keine gefunden, das bestätigt natürlich die Annahme, dass Lehrer im Allgemeinen, und Sie im Besonderen, die Leute einfach grundlos in eine Schublade stecken. Tragisch, dass es Schülern dann in den meisten Fällen nicht mehr gelingt, da rauszukommen. Einmal als Depp einsortiert - immer als Depp behandelt.

Herr Hohnecker: ich kenne Sie leider nicht persönlich, aber als Redakteur der StZ schon sehr lange. Auch wenn ich nicht immer Ihre Meinung teile wünsche ich mir, dass Sie uns ungezogenen, zickigen, (manchmal auch) ungewaschenen, spätpubertierenden, impertinenten, arroganten, vorlauten, unhöflichen, dummen, bösen, altklugen und geistlosen Erziehungeberechtigten noch eine ganze Weile in die Parade fahren. Danke für Ihren wunderbaren Kommentar.

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