Stuttgart - Die Familie kann man sich nicht aussuchen, das gilt in besonderem Maß für die eigenen Kinder. Anders als der Verwandtschaft kann man dem Nachwuchs in der gemeinsamen Wohnung kaum ausweichen. Es strengt schon an, mit seiner Großmutter bei jedem Familienfest über die sexuelle Orientierung des Cousins zu spekulieren. Es nervt, den ausführlichen Ausführungen der Tante zu lauschen, wer wann wen 1961 benachteiligt hat. Doch irgendwann verabschiedet man sich und trollt sich mit Frau und Kind nach Hause. Mit ein wenig Glück konnte man die eigene Ehefrau jahrelang vor der Familiengründung kennenlernen. Der Sohn ist einfach da.

Der Prozess der Menschwerdung dauert bekanntlich ein paar Monate. Währenddessen verharrt die Beziehung – die Kindermenschenrechtskonvention und das Grundgesetz einmal beiseite gelassen – im Status Mensch und Haustier. Doch irgendwann, vielleicht, wenn der Kleine zum ersten Mal ein fundiertes und nachdrückliches „Nein“ in den Raum stellt, ist klar: Hier steht ein Mensch, und er will nicht anders. Seine bloße Existenz verändert nicht nur die Paarbeziehung fundamental, sie verändert jeden für sich. Er ist da, nachts im Bett, morgens am Frühstückstisch, immer, und er drängt sich gerne dazwischen. Es ist, als würde einem ein dritter Arm anwachsen. Manche, poetische Menschen sagen: Das eigene Herz schlägt plötzlich in einem anderen Menschen.

Man sieht einen Willen wachsen

Staunend, manchmal auch irritiert, sitzt man da und sieht einen Willen wachsen. Wer den Befehl „den da (Papa, gibst du mir bitte etwas von dieser Wurst?)“ ignoriert, wird mit den Konsequenzen leben müssen. Oft stehen auf diesem Spiel entweder Erziehungsgrundsätze oder Nervenkraft. Er ist beleidigt, entrüstet, witzig, durchtrieben und immer, auch in seiner Mitmenschlichkeit, gnadenlos egoistisch. Was bei Mama nicht geht, geht vielleicht doch irgendwie bei Papa. Und wenn das nichts hilft, ruft der Sohn lauthals die Oma zu Hilfe – eine besondere Demütigung.

Als ob die bloße Formung des Willens nicht genug wäre – es kommen auch noch die spezifischen Wesenszüge hinzu, die nicht selten zu elterlichen Diskussionen führen über die Frage: Von wem hat er das? So ist unser Sohn zum Beispiel ein ausgeprägtes Feierbiest. In Gesellschaft zeigt er uns angesichts der vielen interessanten fremden Menschen in der Regel die kalte Schulter, nur um nachts umso lauter und kläglicher nach der Mama zu rufen. Und neuerdings hat er auch noch entdeckt, dass er einen Willen hat. Der wechselt allerdings gerne im Sekundentakt. Es geht eben um das Prinzip, weniger um die Einzelentscheidung. Eine Lose-lose-Situation, denn auch die Entscheidungskraft des Sohnes zu ignorieren führt nur zu einer Eskalationsspirale, an deren Ende allen Beteiligten – im Falle der elterlichen Anordnung, der Sohn möge doch die fünf Stockwerke bis zur Wohnung alleine laufen, auch allen Hausbewohnern – die Nerven flattern. Ja, es gibt viele Abende, an denen ich froh bin, wenn der Kleine schläft. Nur um ihn dann zwei Stunden darauf schon wieder zu vermissen.