Kolumne „Kinderkram“ Zu alt für Kniestrümpfe

Dieter Fuchs, 02.12.2012 17:08 Uhr

Stuttgart - Guildo Horn oder Josef Ackermann – da liegt letztlich die Wasserscheide moderner Kindererziehung. Solange man noch die Illusion hat, seine Kinder in irgendeine Richtung lenken zu können, stehen die Fragen im Raum: Was für Menschen sollten sie denn werden, mit welchem Rüstzeug kommen sie am besten durch dieses Leben in der real existierenden Marktwirtschaft? Wie werden sie glücklich?

Dem äußeren Anschein nach bietet sich Guildo Horn an, der Musikpädagoge und Schlagersänger, der uns das immergrüne Lied „Piep, piep, piep – Guildo hat euch lieb“ beschert hat. Scheinbar unbeeindruckt von der Schwere des Lebens hüpft er durchs das öffentliche Leben wie ein Gummiball auf Gummibärchenbrause. Aber will man mit 50 noch in Kniestrümpfen auf einer Bühne rumstehen, fröhlich gucken und seine flusenartige Randbehaarung rhythmisch hin und her schwenken? Schafft der Mann das, so komplett in seiner eigenen Welt zu leben, dass er nicht merkt, wie er wirkt?

Das Gegenmodell bleibt Josef Ackermann, der Exchef der Deutschen Bank. Seine Nachfolger sind entweder Pappnasen oder Inder, mit denen man sich kulturell nicht so auskennt. Ackermann also, das Alphatier des 21. Jahrhunderts, das unersättliche Raubtier, Ritter des Kapitalismus, Boss der Bosse, Partner der Mächtigen, Zerstörer des Finanzsystems. Er hat alles richtig gemacht vom Kindergarten bis zum Vorstandsitz. Richtig glücklich kann er auch gucken – wenn er 25 Prozent Rendite einfährt.

Nun sollen oder können Eltern natürlich keine Karrieren planen. Aber Erziehung vermittelt mit ein wenig Glück doch auch ein paar Werte. Eine Familie in der Verwandtschaft erzog ihre Kinder derart systemverachtend, dass beide Mädchen auswanderten. Eine wurde griechische Schafzüchterin, die andere portugiesische Olivenbäuerin. Das haben sie nun davon.

Nichtsdestotrotz: Die Entscheidung heißt: Eskapismus oder Abhärtung. Soll der Sohn im Internat bei Davos auch im Winter draußen auf dem Polofeld campieren? Darf er immer zurückschlagen oder nur, wenn sein Gegner mindestens gleichgroß, weiß und männlich sind? Muss er die Eltern siezen oder darf er das angelsächsische du verwenden?

Oder aber, als Gegenmodell: Soll die lesbische Schwägerin Paten-Tante werden, um das Frau-Mann-Bild ordentlich durcheinander zu wirbeln. Soll er ins Ballett? Muss er Sozialpädagogik studieren? Ein Praktikum in Laktosefreiheit absolvieren? Immer die andere Wange hinhalten oder nur in der Adventszeit?

Natürlich, man kann das verkopft nennen. Die moderne Pädagogik rät ja auch zur Gelassenheit. Und tatsächlich denke ich seit kurzem: Unser Sohn wird schon seinen Weg machen. Die ersten Ansätze sind hoffnungsvoll. Neulich im Sandkasten motzte ihn so ein Minischnösel von der Seite an, knuffte ihn, der Sohn knallte dem Motzki dessen Holzauto auf den Kopf, um sich gleich darauf über dessen Beule zu beugen und sanft zu pusten, wie er es als Schmerztherapie gelernt hat. Perfekte Mischung!