Kolumne von Peter Glaser Die gepimpte Zahnbürste

Von Peter Glaser 

Vom innovativen Standpunkt her betrachtet, ist auch die Mundhygiene ein Fall für die Hochtechnologie. So erhält die Zahnbürste eine Batterie, obwohl sie gar nicht elektrisch ist. Sie soll vielmehr die Disziplin beim Zähneputzen überwachen.

Mit einer Smartphone-App wird Zähneputzen zum Erlebnis! Foto: Beam Brush
Mit einer Smartphone-App wird Zähneputzen zum Erlebnis!Foto: Beam Brush

Stuttgart - Als Dinge wie iPod-Nanos oder hauchdünne Smartphones mit Retina-Display noch Zukunftsmusik waren, gab es einen Witz, in dem jemand in einer Warteschlange am Flughafen sieht, dass der Mann vor ihm ein unglaubliches Gerät am Armgelenk trägt: Eine Uhr, mit der man telefonieren, Musik hören und auf einem zifferblattgroßen Bildschirm fernsehen kann! Er will dieses Ding haben, koste es was es wolle. Man wird sich handelseinig, und als der Käufer mit seinem neuen Glanzstück gehen will, macht ihn der vormalige Besitzer auf einen schwer beladenen Bollerwagen aufmerksam.

„Das gehört noch dazu.“

„Was ist das?“

„Das sind die Batterien.“

Eine Zahnbürste namens Beam-Brush, produziert von der in Louisville, Kentucky, beheimateten Firma Beam Technologies transportiert die Idee, auf der dieser Witz basiert, ins 21. Jahrhundert. Nun ist es kein Wägelchen voller Akkus mehr, sondern nur noch eine AA-Batterie – allerdings für eine Zahnbürste, die gar nicht elektrisch ist. Es handelt es sich um eine 50 Dollar teure manuelle Zahnbürste, die per Bluetooth Kontakt mit einem Smartphone aufnehmen und ihm die Putzdauer übermitteln kann. Um Technik und Energieversorgung unterzubringen, ist der Griff der Zahnbürste auf Daumendicke angeschwollen.

Man wird wohl am erzieherischen Erfolg zweifeln dürfen

Aus den so gewonnenen Statistiken („Brush History“) lassen sich Erkenntnisse darüber gewinnen, in welchem Maß der Nutzer die Herausforderungen der Mundhygiene ernst genommen hat. Die von Dentisten empfohlene Mindestputzdauer von zwei Minuten läuft auf dem Handy als Countdown ab. Die App ist in der Lage, mehrere Nutzer mit unterschiedlichen Zahnbürsten zu verwalten und vermag darüber hinaus mit einem hochmodernen Vorhersage-Algorithmus die Lebensdauer des Bürstenkopfs einzuschätzen. Es gibt ein Punktesystem mit Aufgaben und eine Highscore-Liste – Zähneputzen als eine Emulationsform des Videospielens. Aber auch Kinder, die sich schon analogen Erziehungsversuchen von Natur aus zu widersetzen versuchen, werden einer neunmalklugen App gewiss nicht kampfloser folgen.

Was uns mit der Beam-Brush ein weiteres Mal begegnet, ist das Prinzip der aus zahllosen Cartoons bekannten kompliziert-komischen Rube-Goldberg-Maschine, bei der mit einem Maximum an Aufwand ein Minimum an Ergebnis erzielt wird. Künftig soll die Funkzahnbürste noch viel mehr können. Eine Weiterentwicklung könnte erfassen, wie lange einzelne Bereiche des Gebisses geputzt wurden. Eine geo-lokalisierte Version könnte Benutzern im sogenannten Bible Belt in den Südstaaten der USA ein motivationsförderndes Videospiel freischalten, in dem Zahn um Zahn gekämpft werden muss (und – Auge um Auge – eine Marketingkooperation mit Optikern denkbar wäre). Um erst noch gar nicht daran zu denken, was kreative Hacker alles mit einem solchen Stück Technik mundgerecht möglich machen können.

Folgen Sie diesem Link zum Blog „Glaserei“ von Peter Glaser

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