Kolumne von Peter Glaser Verloren am Telefon

Von Peter Glaser 

Nicht jede Kommunikationstechnik ist für jeden gleichermaßen ein Segen. Mancher fühlt sich unbehaglich, wenn das Telefon klingelt. Für den StZ-Kolumnisten Peter Glaser ist das Internet daher wie geschaffen.

Der Fernsprechtischapparat 615 der Deutschen Post Foto: Bran
Der Fernsprechtischapparat 615 der Deutschen PostFoto: Bran

Japan - Die froschgrünen Münztelefone am Flughafen Narita empfingen mich mit einem unerklärlichen Behagen, mit dem ich nicht gerechnet hatte. Denn was ich nicht kann, ist telefonieren. Ich kann den technischen Vorgang einleiten und eine Nummer wählen, aber was danach kommt, bereitet mir größte Schwierigkeiten. Nicht das Telefongespräch selbst, sondern meine Vorstellung von den Schwierigkeiten, die sich dabei auftürmen können. Das Internet und dass wir in einer Zeit leben, in der man E-Mails schreibt statt Briefe und mit immer leistungsfähigeren Telefonen immer weniger telefoniert, ist wie für mich geschaffen. Noch behaglicher als vor den grünen Telefonen habe ich mich später in der U-Bahn in Tokio gefühlt, wo jeder sein Smartphone in der Hand hält, aber nicht telefoniert werden darf.

Obwohl mir das Telefonieren schwer fällt, habe ich sogar einmal eine Weile als Telefonist gearbeitet. Das war in Wien in der Verwaltung einer Forschungseinrichtung, die sich damals gerade mit den Planungen für das erste Kernkraftwerk des Landes zu beschäftigen begonnen hatte, das später auch gebaut, aber nie in Betrieb genommen wurde. Einmal saß ich an dem Vermittlungspult, als mir, während es klingelte, klar wurde, dass ich vergessen hatte, wie die Firma hieß, in der ich arbeite. Ich drückte den Anrufer aus der Leitung und ging hinunter ins Foyer, wo ich von einem Messingschild ablas: Österreichische Studiengesellschaft für Atomenergie.

Es ist unverständlich, aber es fühlt sich gut an

Eine meiner Hauptsorgen war, in eine dieser Situationen zu geraten, in der man beispielsweise eine wichtige Information mitgeteilt bekommt, die man weitergeben soll, und man versteht diese Information aber nicht richtig und kann dann aber auch nicht mehr nachfragen, weil man die entscheidende Sekunde verpasst hat, bis zu der man hätte nachfragen können. Dann legt der Anrufer auf, die Information verschwindet und man beginnt sich mit Antworten für den Fall auszurüsten, dass jemand nachfragen sollte. Vielleicht waren es solche Informationen, die ich damals unterschlagen habe, die den Ausschlag gegeben haben, dass in Österreich bis zum heutigen Tag kein Atomkraftwerk mehr gebaut worden ist.

Es war eine sonderbare Wiederbegegnung, als ich dann Jahrzehnte später durch Tokio ging und immer weniger verstand, und es zugleich aber auch immer weniger ausmachte. Nirgendwo sonst hatte ich jemals zuvor so viele Zeichen, Schriftzüge und Hinweise in der Öffentlichkeit gesehen wie in Tokio und nirgendwo sonst so wenig davon verstanden. Tokio ist eine Stadt, in der es nichts ausmacht, wenn man verloren geht. Wie Sauerstoff umgibt einen eine höfliche Hilfsbereitschaft, in der man sich auflösen kann. So stand ich da, umtost von Unverständlichem, und es fühlte sich gut an.

Hier geht’s zum Blog des Autors: zur „Glaserei“ // Bemerkenswertes aus der digitalen Weltwww.stuttgarter-zeitung.de/glaserei

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