Kolumne von Peter Glaser When the Muzak’s over

Von Peter Glaser 

Ein Klassiker verschwindet aus Kaufhäusern und Fahrstühlen: Die Mutter aller Berieselungsmusiken, die Firma Muzak, ist nicht nur aufgekauft worden – sie verliert nun auch ihren Namen.

  Foto: dpa
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Stuttgart - Im Jahr 1984 hatte auf der Berlinale der Film „Decoder“ des Düsseldorfer Künstlers Muscha Premiere. Er erzählt, wie Menschen betäubt von omnipräsenter Berieselungsmusik vor sich hinleben und ein subversiver Klangbastler „Gegensounds“ verbreitet, die eine Rebellion auslösen. Einen Gastauftritt in dem Film hat der Schriftsteller William S. Burroughs, der sich eingehend mit unterschwelliger Beeinflussung durch Schallwellen befasst hat. In einem Buch zu dem Film beschreibt er, wie man ihm in einem Restaurant in London Lokalverbot erteilt hatte und er anschließend von einer gegenüberliegenden Wohnung aus den Eingang so lange mit – für das menschliche Ohr unhörbarem – Infraschall beschossen habe, bis das Etablissement pleitegegangen sei.

Subliminale Beeinflussung gehört zu den verschwörungstheoretischen Klassikern. Legendär sind angeblich während eines Kinofilms für Sekundenbruchteile eingespielte Werbebotschaften, die dann im Foyer „den Verkauf von Coca-Cola um 18,1 Prozent und den Verkauf von Popcorn um 57,7 Prozent“ gesteigert haben sollen. Die Zahlen stammen vom Bestseller „Die geheimen Verführer“, mit dem der amerikanische Journalist Vance Packard 1957 das Bild eines modernen, manipulierbaren Menschen entwarf. Wie sich später herausstellte, hatte das Experiment nie stattgefunden. Der Marktforscher James Vicary, von dem die Idee stammte, hatte damit versucht, neue Kunden für seine Werbeagentur Subliminal Projection zu gewinnen.

Petition zum Schutz vor unerwünschter Beschallung

Schon in den zwanziger Jahren des zurückliegenden Jahrhunderts hatte sich aus der schlichten Hintergrundmusik in Hotellobbys und Restaurants etwas entwickelt, das 1934 den Markennamen Muzak™ erhielt und heute als Inbegriff von Fahrstuhl- und Warteschleifenmusik gilt (Der Name ist eine Kombination der Worte „Music“ und „Kodak“). Muzak säuselt in Kaufhäusern, auf Flughäfen und in Büros. Sogar während des Flugs von Apollo 11 zum Mond hörten die Astronauten Muzak.

Jetzt soll die Markenikone verschwinden. Bereits 2009 hatte Muzak Inc. Konkurs angemeldet und war von dem kanadischen Unternehmen Mood Media aufgekauft worden, dem Marktführer im Bereich des Sensory Marketing – also der Versuche, Kunden mit Licht, Sounds, Interaktiva und Düften zu betören. Die Firma will ihre verschiedenen Angebote unter einem einheitlichen neuen Markennamen bündeln.

Sound-Rebellen wie in dem Film „Decoder“ gibt es übrigens inzwischen wirklich, wenn auch in nichtanarchistischer Form. Der gemeinnützige Verein für das Recht auf Stille – LautsprecherAus e. V., zu dessen Befürwortern Altkanzler Helmut Schmidt, der Dirigent Kurt Masur und Dieter Hallervorden gehören, vertritt vehement die Auffassung, der akustische Raum sei Gemeingut und gehöre allen. Ein 2010 gestarteter Aufruf zu einer Bundestagspetition gegen Zwangsbeschallung verzeichnet bisher 617 Unterschriften.

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