Kolumne von Sibylle Krause-Burger Hier Willkommenslust, drüben Fremdenfrust

Von Sibylle Krause-Burger 

Im Osten Deutschlands fühlt man sich durch die Fremden um das gute Leben betrogen – meint unsere Kolumnistin Sibylle Krause-Burger.

Jeden Montag versammeln sich Tausende in Dresden auf Pegida-Kundgebungen, um gegen die großzügige Aufnahme von Flüchtlingen in Deutschland zu demonstrieren. Foto: dpa
Jeden Montag versammeln sich Tausende in Dresden auf Pegida-Kundgebungen, um gegen die großzügige Aufnahme von Flüchtlingen in Deutschland zu demonstrieren.Foto: dpa

Stuttgart - Erst herrschte nichts als schwarze Nacht und vorweihnachtliche Stille auf dem Platz zwischen Hofkirche und Semperoper. Doch plötzlich tauchten Gestalten wie Lemuren aus den engen Gassen auf, am ­Anfang nur vereinzelt, sich schließlich zur Masse sammelnd. Fackeln flammten hoch. Sprechchöre skandierten „Deutschland, einig Vaterland“. Am Ende zogen die Dresdner Bürger zu Tausenden über die Elbe und am anderen Ufer entlang.

Genau 26 Jahre liegt jener denkwürdige Abend nun zurück, an dem die Stadt zu brodeln anfing. Am nächsten Morgen wurde Helmut Kohl erwartet, der hier mit einer Rede vor den kläglichen Resten der Frauenkirche seine Karriere als Staatsmann und Kanzler der Einheit begann. Gut hunderttausend waren gekommen, um ihm zuzuhören. Und alle Weihnachtswünsche galten keineswegs nur der Einheit, sondern vor allem der Freiheit, die damit verbunden sein würde. Unfasslich für jeden, der damals dabei war, dass ausgerechnet hier und in der Nachbarstadt Leipzig, die erst recht als Bollwerk der gewaltlosen Revolution gegen die DDR-Diktatur galt, jetzt, ein Vierteljahrhundert später, die Menschen mit geradezu entgegengesetzten Forderungen auf die Straße gehen. Radikale von rechts wie von links und extrem gewaltbereit.

Was ist in den Köpfen vieler Bürger im Osten passiert?

Wie kann das sein? Was ist in den Köpfen vieler Bürger im Osten passiert? Und warum fegen über Westdeutschlands Gassen keine vergleichbaren Proteststürme gegen die Flüchtlingspolitik der Bundeskanzlerin hinweg? Hie Willkommenslust, dort Fremdenfrust? So klar ist das natürlich nicht zu trennen. Auch in den westdeutschen Ortschaften gibt es Proteste und Anschläge, und in vielen ostdeutschen Gemeinden formiert sich Widerstand gegen die Fremdenfeindlichkeit. Doch es sind Tendenzen sichtbar. Obwohl die Ostdeutschen nur 17 Prozent der Gesamtbevölkerung ausmachen, geschehen unter ihnen die Hälfte aller rassistischen Gewalttaten. Und das hat Gründe.

Natürlich sind nicht all jene Deutschen, die derzeit Flüchtlingen helfen und anpacken, plötzlich zu guten Menschen mutiert. Aber sicherlich wollen sie dem beschädigten Ruf Deutschlands nach dem Holocaust nun die gelebte Nächstenliebe entgegensetzen. Es entspricht ja auch dem Zeitgeist, dass der Mensch offen sei. Und so begeistert, wie die Väter und Großväter einst den Mordaufrufen der Nazis folgten und für ihren Vernichtungswillen die gerade mal 500 000 völlig integrierten deutschen Juden ins Feld führten, so begeistert gehört es sich 70 Jahre später, Hunderttausenden von geflüchteten Muslimen ein freundliches Gesicht zu zeigen.

Mitzuhelfen verschafft gute Gefühle

Aber das ist längst nicht alles. Unseren lieben westdeutschen Landsleuten – zumindest den meisten unter ihnen – geht es nicht nur vergleichsweise sehr gut, sie haben auch viel Zeit. Die Arbeitstage sind kurz, die Menschen gehen früh in Rente, die Familien sind klein und nicht mehr mit 6 und 7 Kindern gesegnet. In jedem Haushalt verrichten Maschinen die Arbeit. Da kann man sich doch gut noch woanders nützlich machen. Erst recht, wenn es sich um etwas Großes handelt. Und das ist die Flüchtlingskrise ohne Zweifel. Hier mitzuhelfen ist spannend, ist aufregend, ist erlebnisreich, füllt aus. Es verschafft einem gute Gefühle. Man tut etwas Sinnvolles, man hilft Menschen in Not, man spürt sich wieder, man ist mitten im Leben, und man gehört zu einer großen Gemeinschaft, deren Mitglieder ähnlich denken und handeln. Wunderbar!

Insofern hat Angela Merkel sehr vielen Deutschen, vor allem den Westdeutschen, einen großen Gefallen getan. Zumindest fürs Erste. Denn keiner weiß, wie das alles ausgeht. Und wohin werden vorauseilende Unterwerfungen wie in jener Münchner Grundschule führen, wo sich die Kinder, um Muslime nicht zu provozieren, an Weihnachten statt als Maria und Josef als Orangen oder Bananen verkleiden durften? Das mag sogar den christlichsten Willkommenskulturisten in die Nase steigen.

Man hat mit sich zu tun – und will sich selbst genießen

Für Angela Merkels Landsleute in der ehemaligen „Zone“ sieht die Sache freilich noch einmal ganz anders aus. Zwar geht es auch ihnen inzwischen gut, obwohl sie im Durchschnitt immer noch ein Viertel weniger verdienen als die Westdeutschen. Auch sie verfügen über viel Zeit, und in ihren Wohnungen stehen Trockner, Wasch- und Spülmaschinen. Am Kinderreichtum mangelt es ebenfalls. Doch sie haben leid-und entbehrungsreiche 40 Jahre hinter sich, sie glaubten sich endlich auf der Sonnenseite und fühlen sich nun ums gute Leben betrogen. Endlich schienen die Konten einigermaßen ausgeglichen. Und nun das: Fremde, an die sie nicht gewöhnt sind, Fremde in Massen, die einem die ganze Wohligkeit, die man nach all der Qual errungen zu haben glaubte, beeinträchtigen, womöglich zerstören. Fremde, die Jobs wollen. Dabei hat man doch selbst mit Arbeitslosigkeit zu kämpfen. Schauerlich.

Hinzu kommt der Mangel an demokratischer Erfahrung und Bildung. So wird im verwöhnten Westen eher als Bereicherung und Belebung empfunden, was man im Osten als drohende Beraubung wahrnimmt. Das gilt nicht nur für die neuen Bundesländer. Es erklärt auch die osteuropäische Weigerung, die deutsche Willkommenspolitik mitzutragen. Sie alle haben mit sich zu tun und wollen jetzt auch sich selbst genießen. Angela Merkel hätte es wissen können. Doch sie ist längst viel zu weit weg von alledem.

16 Kommentare Kommentar schreiben

(2.Versuch): Für mich ist diese Kolumne von Frau Krause-Burger eine schwere Entgleisung. Um nicht missverstanden zu werden: Ich schätze eine pointierte Meinung, auch wenn ich sie nicht teile. Die Autorin mag die Motivation von "guten Menschen“ (K.-B.) in Frage stellen und kurze Arbeitstage, Frühverrentung, Kleinfamilie und Haushaltsmaschinen als Faktoren benennen, die „verwöhnte“ Wohlstandsbürger geradezu nötigten, "sich noch woanders nützlich [zu] machen. Erst recht, wenn es sich um etwas Großes handelt." (K.-B.) Andererseits: Der "Gutmensch" ist unübersehbar assoziiert, 2011 verfehlte er bei der Wahl des "Unworts des Jahres" knapp den ersten Platz. Die Jury bezeichnete das Wort als „Kampfbegriff gegen Andersdenkende“, mit dem „das ethische Ideal des ‚guten Menschen‘ in hämischer Weise aufgegriffen [werde], um Andersdenkende pauschal und ohne Ansehung ihrer Argumente zu diffamieren und als naiv abzuqualifizieren." Originalton K.-B.: "christlichste Willkommenskulturisten". Warum schreibt sie nicht direkt: "Ich bin gegen die Aufnahme von Flüchtlingen!"? Inzwischen gehört es auch in den Kreisen von AfD und Pegida zum guten Ton, sich als "Nicht-Gutmensch" zu profilieren. Und Verständnis für das im Osten verbreitete Gefühl der "drohenden Beraubung" (K.-B.) zu äußern. Wo bleibt eigentlich ihr Aufschrei gegen die sich im "verwöhnten Westen" (K.-B.) breit machenden „Hasskulturisten“ (in Anlehnung an K.-B.‘ polemische Wortschöpfung)? Das Schlimmste: Sie ist sich nicht zu schade, einen empörend geschmacklosen Vergleich wie den folgenden zu ziehen, wenn sie über die "guten Menschen" schreibt: "So begeistert, wie die Väter und Großväter einst den Mordaufrufen der Nazis folgten ... , so begeistert gehört es sich 70 Jahre später, Hunderttausenden von geflüchteten Muslimen ein freundliches Gesicht zu zeigen."

Frau Krause-Burger: Satire ist, wenn man trotzdem lacht. Mit Ihrer Einlassung, dass sich die Ostdeutschen ums gute leben betrogen fühlen, haben Sie den Vogel abgeschossen. Aber auch die Idee, dass die Hilfsbereitschaft des Westdeutschen auf zu viel Zeit fußt, also das gehört fast schon in die TAZ in die satirische Abteilung. Soll ich das denen einreichen ?

Sehr geehrte Frau Krause-Burger,: zu Ihren Gunsten sollte man davon ausgehen, dass sie 1. nicht Pflicht- sondern freiwillig in die sozialen Ver(un)sicherungskassen einzahlen und dass Sie 2. ziemlich einsam fühlen und sich an arabischem oder sonstigem Geplauder in der S-Bahn erfreuen, und 3. die Zeit haben, die sie den anderen zuschreiben und vermutlich aus Ihrem Freundeskreis übertragen haben. Angela Merkel hat vor allem sich einen Gefallen getan und vielleicht gedacht, wenn wir die Versorgung von 17 Millionen Ostdeutschen gepackt haben schaffen wir von den 1100 Millionen Afrikanern die 100 Millionen Menschen, denen es auf diesem Kontinent schlechter geht als uns, auch noch - vorausgesetzt es sind nur etwa 10%. Wenn nicht, müssen wir vielleicht doch sagen „wir schaffen das - nicht“? Darüber hinaus denke ich, dass der Frust im Westen genauso hoch ist wie im Osten, die Gewaltbereitschaft jedoch nicht. Dafür ist vermutlich die Angst als Nazi oder wenigstens als Fremdenhasser abgestempelt zu werden hier größer. Dazu müssen Fremde oder Flüchtlinge nicht gehasst werden, es reicht wenn man Angst vor weiteren sozialen Einschränkungen bzw. einem sozialen Abstieg hat. Ich vergas, Sozialbedürftige gibt´s ja im Westen gar nicht…

Frau Krause-Burger: sie sind nicht richtig informiert. Ich kläre Sie auf, also gerade wurde Frau Merkel doch zur Person des Jahres gewählt und die Begründung lautete "Bei Merkel schwang ein anderer Wertekanon - Menschlichkeit, Güte, Toleranz - mit, um zu zeigen, wie die große Stärke Deutschlands zum Retten statt zum Zerstören genutzt werden kann. Es ist selten, einen Anführer bei dem Prozess zuzusehen, eine alte und quälende nationale Identität abzulegen". Also wir "Wessis" sind es die gerettet wurden von einer Lichtgestalt aus der Uckermark. Vorher waren wir intolerant, hartherzig, nicht offen, nicht gütig und haben uns mit einer quälenden nationalen Identität herumschlagen müssen. Um es mal mit Herrn Rumsfeld zu sagen wir waren vor Merkel das "old Europa und Germany" (weil nicht ganz so willig) und jetzt dank Merkel das "new Europa und Germany" (weil....). Gestern Abend in 3 Sat bei Peter Voss meinte sein Gesprächspartner eigentlich müsste die USA alle Flüchtlinge aufnehmen den die haben den Nahen Osten in Brand gesteckt. Dazu noch Fragen?

Frau Keppelen: Die USA hat sicherlich im Nahen Osten Fehler gemacht, aber dieser Nation die Alleinschuld zu geben, ist schon hanebüchen. Nehmen Sie mal nur die Länder Ägypten, Lybien u. Syrien. Sie machen es sich sehr einfach in Ihrer kleinen Welt. In diesen Ländern hat sich die USA aus allen Konflikten herausgehalten u. somit sicherlich nicht die Verantwortung für die dortige Instabilität u. schon gar nicht für den fürchterlichen Bürgerkrieg in Syrien zu tragen. Warum nimmt eigentlich Ihr viel geliebtes Russland mit dem demokratischen Präsidenten Putin GAR KEINE Flüchtlinge auf???

Das waren keine Fehler : das war knallhart geplant. Ich empfehle einfach mal nach Wesley Clark "7 Länder" zu googeln oder auch mal die Dokumentation "Täuschung - die Methode Reagan" oder auch nach Zbigniew Brzezinski zu googeln. Nur wegen dem Weltbild und so.

Hier Willkommenslust? : Glauben Sie das wirklich? Wie viele helfen denn hier? Sicher nicht so viele, wie Sie gerne hätten! Und sicher gibt es hier auch immer mehr Frust über das, was man uns hier zumutet! Zitat: "mitzuhelfen ist spannend, ist aufregend, ist erlebnisreich, füllt aus, verschafft einem gute Gefühle. Man tut etwas Sinnvolles, man hilft Menschen in Not, man spürt sich wieder, man ist mitten im Leben, und man gehört zu einer großen Gemeinschaft, deren Mitglieder ähnlich denken und handeln. Wunderbar!" Soll das ironisch gemeint sein? Oder glauben Sie das wirklich?

Betr.: Ihr "Soll das ironisch gemeint sein? Oder glauben Sie das wirklich?": Mitzuhelfen füllt aus und verschafft einem gute Gefühle. Klar, dass Sie das nicht nachvollziehen können. Ich schon!

Frau Neul,: was plustern Sie sich auf? Was wissen Sie schon von mir oder worum es mir geht! Also halten Sie sich besser zurück mit Ihrem Urteil über andere!

Warum die Aufregung?:: Mit Ihrem "Soll das ironisch gemeint sein? Oder glauben Sie das wirklich?" sagen Sie doch selbst, dass Sie das nicht nachvollziehen können?

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