Uwe-Bogen-Kolumne Vampire waren auch nur Menschen

Von Uwe Bogen 

Virtuelle Wutwellen sind beleidigend und brechen oft bei kleinstem Anlass aus. Bei keinem anderen Musical, sagen die Theaterleute, diskutieren Fans im Netz so hitzig wie bei „Tanz der Vampire“. Unser Kolumnist Uwe Bogen hat ein Shitstürmle überlebt.

Steckt nicht in jedem von uns ein kleiner, bissiger  Vampir? Foto: Stage Entertainment
Steckt nicht in jedem von uns ein kleiner, bissiger Vampir?Foto: Stage Entertainment

Stuttgart - Kann man mit einer Kolumne, die sich mit Shitstorms befasst, einen neuen Shitstorm lostreten? Man kann. Es muss nur um Fans von „Tanz der Vampire“ gehen.

Die totale Finsternis, die wir dem großen Roman Polanski verdanken, scheint im Publikum dunkle Seiten zu entfesseln. Weit mehr als bei jedem anderen Musical, sagt Stephan Jaekel, Kommunikationschef der Stage Entertainment, tobe an jedem „Tanz“-Standort „eine riesige Fandiskussion über die Besetzung, namentlich des Grafen“. In den sozialen Medien müssten die Theaterleute immer wieder „zur Höflichkeitsräson“ aufrufen.

„Sie sind ein hohlbirniger Schreiberling“

Ein Shitstorm ist der Feind der Höflichkeit. Ein Shitstorm ist ein Trommelfeuer von Beleidigungen im Netz. Das englische Wort steht exklusiv im deutschen Duden. Engländer verwenden es nicht – sie sagen „Flame War“, wenn das Netz verrückt spielt. Und ich war kürzlich mittendrin – mitten im Auge eines Shitstorms.

Um ehrlich zu sein: Nur ein Shitstürmle ist ausgebrochen, als ich über den Krolock-Einsatz des zunächst von der Stage abgewiesenen Altmeisters Kevin Tarte nach Krankheitsfällen im Stuttgarter Palladium-Theater geschrieben habe. Denn zur Peitsche der Verärgerten gab’s für mich Zuckerbrot der anderen Fans.

Zuerst bin ich erschrocken, wie hart mich Verehrer der Krolock-Erstbesetzung attackierten, weil ich Mister Tarte lobte. Doch dann dachte ich, endlich kann ich beim Hate-Slam mitmachen – beim Journalisten-Wettstreit mit bösen Leserbriefen. In einem Facebook-Kommentar etwa war zu lesen, ich sei ein „hohlbirniger Schreiberling“. Die weitere Feststellung, der Zeitungsmann habe „den Bogen überspannt“, ist nicht neu. Diesen Spruch kenne ich wie „Du hast den Bogen raus“ seit der Schule. Als jemand meinen Text dann als „Schwachmatenmüll“ einstufte, musste ich schmunzeln. Passt für einen, der bei seinem ersten Shitstürmle zur „Witzfigur“ernannt wird.

Die Angst vor Hasskommentaren

Sich ärgern, das ist menschlich. Auch Fans von Vampiren dürfen mal Zähne zeigen. Steckt nicht in jedem von uns ein kleiner Blutsauger? Man kann sich ausmalen, wie gut es in der Anonymität am Laptop tut, heftig draufzuhauen. Würde in der Zeitung nun der Haupt-Krolock in den Himmel gelobt, würden sich womöglich die Like- und Unlike-Buttons der verschiedenen Fangruppen genau umdrehen. Im Artikel hatte ich nur zitiert, was bei Tartes Solo-Konzert im Renitenz-Theater gesprochen worden ist. Sollte ich nun mit meiner eigenen Meinung rausrücken? Und mit dem, was Akteure des Musicals wirklich meinen, es aber aus Angst vor Hasskommentaren nicht zu sagen wagen? Ein Kenner der Szene warnte. Rechtfertigungen würden manch einen Fan gar nicht erreichen. „Weißt du“, sagte er, „die befinden sich auf einer anderen Ebene.“

Einen Shitstorm kann man sogar kaufen

Frl. Wommy Wonder weiß, wie Shitstorms schmerzen. „Fast gesteinigt“ habe man die Travestiekünstlerin, als sie Homöopathie „nicht grundsätzlich verteufeln“ wollte. Als Kind habe sie gelernt, „dass man seine Meinung sagt, wenn man gefragt wird und die Meinung der anderen als gleichwertig anerkennt – ob man sie teilt oder nicht“. Dass sich im Netz der Standpunkt „Meine Meinung ist die einzig wahre“ verbreite, sei „erschreckend“. Bei Facebook ist halt schnell geklickt. Bis man sich früher aufraffte, einen Protestbrief zu schreiben, war der Ärger verraucht.

Heute gibt es Firmen, die dir einen Shitstorm verkaufen. Wer zur Zielscheibe des digitalen Mob werde, ist auf einer Homepage dieser Anbieter zu lesen, profitiere davon, wenn er es geschickt anstelle. Er könne sich als Opfer im positiven Licht darstellen. Ein Shitstorm bringe mehr Aufmerksamkeit als Guerilla-Marketing, wird da behauptet. So wie die Untoten niemals sterben, sind auch Hass und Anfeindungen nicht auszurotten. Wer’s bedauert, ist womöglich eine Hohlbirne wie ich. Vampire könnten das verstehen. Sie waren früher auch nur Menschen.