Uwe-Bogen-Kolumne zum Dorotheen-Quartier Die zweigeteilte City von Stuttgart

Von Uwe Bogen 

Im Dorotheen-Quartier brummen die Außenlokale – wenige Schritte weiter ist auf dem Marktplatz tote Hose. Erschreckend zweigeteilt, klagt unser Kolumnist Uwe Bogen, ist die City von Stuttgart geworden.

Das Eduard’s im Dorotheen-Quartier. Foto: Breuninger/Niedermüller 9 Bilder
Das Eduard’s im Dorotheen-Quartier. Foto: Breuninger/Niedermüller

Stuttgart - Erinnert sich noch jemand an die Bubbles, an die Blasen, in Stuttgarts City? Vor etwa zehn Jahren hat sich der Gastronom Oliver Joos (California Bounge) gedacht, dass man auf dem Marktplatz nicht nur Trübsal blasen sollte. Mit Partnern eröffnete er in der kleinen Eckkneipe im Rathaus, die sich heute Stadtbesen nennt, die Bubblesbar. Luftblasen können so schön sein. Sanft steigen sie auf, schweben im Glanz des Lichtes – und zerplatzen!

Ja, sein Traum, den tristen Marktplatz zu beleben, ist vor langer Zeit bereits geplatzt. Heute ist alles noch viel trister geworden. Denn damals gab es wenigstens noch das Scholz. Heute aber ist am frühen Abend in der ungeliebten 1950er-Architektur nur noch tote Hose. Etliche Läden schließen bereits um 19 Uhr wegen Reichtums. Wenige Schritte weiter aber tobt das Leben. Seit Eröffnung des Dorotheen-Quartiers, DoQu genannt, ist die City erschreckend zweigeteilt. Am Rathaus herrscht gähnende Leere. Der Marktplatz ist schon lange nicht mehr der Mittelpunkt von Stuttgart. Hinterm Breuninger lachen, flanieren, hocken und vergnügen sich die Menschen.

Fensterputzer will man im Nesenbach nicht sein

Mitten in diesem urbanen Treiben saß Wirt Oliver Joos am Samstagabend beim Testlauf mit geladenen Gästen für das mit leichter Verspätung gestartete Restaurant Nesenbach, das auch als Bar Qualitäten aufweist. Es hat ihm gut gefallen. Und er konnte sich ausmalen, dass es für künftige Gastronomen auf dem Marktplatz noch viel schwerer als einst für ihn werden dürfte, auf diesem ungeliebten Standort Fuß zu fassen – vor allem, wenn gleichzeitig die Bars im nahen DoQu so brummen wie kurz nach der Eröffnung.

Im Nesenbach, das nach Stuttgarts versenktem Fluss benannt ist, der zum Abwasserkanal verkommen ist, reichen die Fenster gut fünf Meter hoch bis an die Decke. Fensterputzer will man hier nicht sein. Mit dem Nesenbach-Wasser sollte man die Fensterfronten besser nicht säubern wollen. Wer drin sitzt, kann die Menschen draußen beobachten, die in den ersten Tagen seit dem DoQu-Start in Scharen vorbeistolzieren. Man sieht hier viel – man sieht ein Varieté des Lebens.

Während auf dem nahen Marktplatz nur was los ist, wenn dort gerade ein Fest gefeiert wird oder der Wochenmarkt gastiert, legt im Nesenbach bereits sonntags um 16 Uhr ein DJ auf. Nicht irgendjemand, sondern einer, den man eine DJ-Legende von Stuttgart nennt. Es ist Uwe Sontheimer – die Älteren unter uns kennen ihn vom Mischpult der Boa oder des Perkins Park.

Der Marktbrunnen soll bald umgebaut werden

Eduard‘s, Enso, Katz, OhJulia, Nesenbach, Sansibar – so heißen die Kneipen im DoQu. Das Viertel könnte bald schon zum neuen Marktplatz werden, wenn die Stadt weiterhin auf dem eigentlichen Marktplatz nichts auf die Reihe bekommt. Seit Jahren wird an einer Aufwertung des Platzes herumgedoktert. Beim Thema Freiluft-Café tritt das Rathaus auf die Bremse, hat mit strengen Auflagen die Außengastro der Buchhandlung Osiander sowie einen Gastropavillon verhindert, der mal angedacht war, bis die neuen Pächter vom Ratskeller feststehen. Bürgermeister Werner Wölfle mag die Kritik am Nichtstun des Rathauses nicht hören. In Kürze, versichert der Grüne, werde – als erster Schritt – mit dem Umbau des Marktbrunnens begonnnen. Er soll auf das selbe Geländeniveau gehobene werden. „Bald steht auch fest, wer Pächterin oder Pächter des Ratskeller wird“, sagt Wölfle. Aber das sagt er schon seit Jahren.

Je länger es dauert, bis sich auf dem Marktplatz was tut, desto schwerer wird es für diesen, den Vorsprung des nahen Dorotheen-Quartiers aufzuholen. Wenn sich die Menschen erst mal im DoQu wohl fühlen – das tun sie seit Eröffnung –, werden sie nicht mehr ihren Lieblingsplatz räumen. Stuttgarts Marktplatz bleibt also einer der traurigsten Marktplätze Deutschlands. Na gut, sehen wir’s positiv: Auch das ist ein Alleinstellungsmerkmal.

7 Kommentare Kommentar schreiben

ich würde einen belebten marktplatz auch besser finden: aber wenn die stadt nun mal nichts auf die reihe bekommt. außerdem ist der marktplatz wie der name schon sagt ein marktplatz. und die 50er-jahre Architektur ist besser als ihr ruf und besser als die fachwerkidylle aus vorkriegsjahren. und zweigeteilt? was ist daran schlimm? es gibt plätze an denen rauscht der verkehr, es gibt plätze da istabends nichts mehr losund es gibt plätze, da steppt der bär. ja und? muss überall der bär steppen? sicher nicht.

Meinungsfreiheit Hin oder Her: Sehr geehrter Herr Bogen, journalistische Meinungsfreiheit "Hin oder Her", ihr Artikel ist mehr als unnötig und typisch miesepetrig! Stuttgart sollte stolz sein, dass der Breuniger sich mit dem DQ die Mühe macht ein Quatier zu schaffen, in dem man endlich urban seine Freizeit geniessen kann. Vielleicht sollten Sie sich an die Stadt Stuttgart und die Eigentümer rund um den Marktplatz wenden, die es seit Jahren versäumen diesen aufzuwerten. Zum Beispiel dem Cafe Scholz die nötige Renovierung aufdrücken wollten und somit vertrieben haben. Oder Nespresso ohne Aussengastronomie eingeladen haben! Oder Thomas Sabo sich ansiedel konnte. Ausserdem sollte auch hier bemerkt werden, dass sich das Unternehmen Breuninger bemüht, seit geraumer Zeit, den Marktplatz mitzugestalten. Schade das Sie so einseitig und schlecht kommentieren.

Frau Gronemann: Wo und wann macht der Autor Ihr neues Quartier mies ? Ich kann das nirgends hieraus ersehen. Der Autor beschreibt ein Gefühl, das er hat beim Vergleich der beiden nebeneinander liegenden Plätze. Wenn Sie aber wirklich einen Verriss für das Dorotheenquartier lesen wollen, dann kann ich es Ihnen gerne liefern. So was geht bei mir ruckzuck, werte Mitschreiberin.

Als ehemaliger: Dachswald-Bewohner und jetziger Musberger , vermutlich deshalb weil er der Autor des Artikels an einer ,, Champagner-Allergie ,, leidet, über den Kern dieser Schwaben-Metropole , dem Markt-Platz zu negativ zu resümieren ist starker Tobak. Der Herr schwadroniert ja sonst gerne und oft in der illusterer , Stuttgarts -High-Society -Gesellschaft der schönen Reichen und Prominenten. Der Markt-Platz ist , wie der Name schon sagt ein Platz für Handel. Ob mann/frau ihn schön findet , hat bisher wohl die wenigsten interessiert, denn wäre dem so, würden die Wochen-Markt - Bestücker und ihre Kundschaft diesem Platz schon lange den Rücken gekehrt haben. Ich vermute, dass der Autor dieses Artikels seine Einkäufe nicht bevorzugt an diesem Platz vornimmt und daher wenig Sympathie für diesen Markt-Platz und den darauf sich abspielenden Geschehnisse entgegen bringen kann, mangels Selbsterfahrung. Im journalistischen ,, Elfenbein-Turm ,, des Pressehaus Stuttgart , fern ab vom Ort des Geschehens lässt sich trefflich polemisieren. Nicht die Stuttgarter City ist zweigeteilt , sondern das dem Kopf des Autors entsprungene journalistische Pamphlet über einen Innerstädtischen Platz , dem Stuttgarter Markt-Platz. Manchmal , so meine ich ist Schweigen besser als zwiespältiges Geschwätz über etwas , was nicht der Rede , dem Geschwätz wert ist.

Seltsam: Ich verstehe die Aufregung nicht. Ich finde den Marktplatz schön, so wie er ist. Was heißt da ungeliebte 50er-Architektur? Ungeliebt vielleicht beim Autor, aber nicht bei mir. Die Alternativen wären seelenlose Beton-Glas-Architektur a la neue Stadtbibliothek oder Fachwerkhäuschen-Romantik, aber Stuttgart ist nun mal keine schnuckelige Kleinstadt. Dass die Stadt mit ihrer Hochmieten-Politik das Scholz weggeekelt hat, bedaure ich auch, aber zu viel Gastronomie auf dem Marktplatz muss doch gar nicht sein, dann hat nämlich der Markt keinen Platz mehr. In erster Linie ist ein Marktplatz nämlich Marktplatz, der Bär kann doch ruhig ein paar Schritte weiter steppen.

@Stepanovic ( Bogunovic ): Was Sie juckt oder mich juckt oder auch nicht, dürfte so belanglos sein, wie besagter geplatzter Sack Reis irgendwo im Reich der Mitte. Für mich bleibt diese ,, Schwäbische Perle an den Ufern des Nesenbach ,, eine der schönsten Metropolen dieser Republik ,ob mit Dorotheen-Quartier , Umbau des Marktplatzes in ein ,, Biotop ,, würde zu der Zeit noch vorherrschenden politischen Vormachtstellung in Stadt und Land passen, bleiben .Ist natürlich für einen besänftigten , Abstammung-mäßigen ,, Süd-Ost Europäer ,, auf Grund dortigen und hier fehlenden mediterranen Flairs schwer zu kompensieren. Deshalb verstehe ich Ihre ,, Kritik,, voll und ganz , nicht. Aber es ist wie es ist : jedem das seine , wenn Sie verstehen was ich damit sagen will, wenn nicht, auch egal.

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