Rio de Janeiro - „Jetzt können wir eigentlich sofort nach Hause fahren”, sagte eine deutsche Beobachterin des Rio+20-Gipfels am Dienstagabend. Enttäuschung – das war die Vokabel des Tages, an dem ja eigentlich eine Einigung zustande gekommen war – aber was für eine! Der Text war zäh und zäher verhandelt worden, die Uneinigkeit schien tagelang eher noch zu- als abzunehmen, und dann plötzlich – simsalabim! – legten die brasilianischen Gastgeber eine verschlankte Version vor, die, wenn auch unter Murren der europäischen Delegierten, gleich beschlossen wurde.

Die brasilianische Diplomatie klopft sich auf die Schultern, Außenminister Patriota sagte den denkwürdigen Satz „Die Erwartung war, einen Text oder keinen Text zu haben“ – mit anderen Worten: so ziemlich egal, was drinsteht, Hauptsache Text. Grüne Ökonomie? Vage Aussagen. Geld dafür? Das schon gar nicht. Verdreckte Ozeane? Keine Lösung. Aufwertung der UN-Umweltschutzbehörde Unep? Irgendwie ja, aber auch nicht richtig.

Vorgeschmack auf die Verteilungskämpfe

Eine aggressive Stimmung habe geherrscht, die Brasilianer hätten die Verhandlungen relativ rüde dahin bugsiert, wo sie sie hinhaben wollten, berichten Teilnehmer der Verhandlungen. Und einer von ihnen räsoniert düster darüber, ob diese Stimmungslage nicht schon einen Vorgeschmack auf die künftigen, womöglich immer erbitterter ausgefochtenen Verteilungskämpfe um die schwindenden Ressourcen der Erde gegeben habe.

Und was passiert jetzt? Ein Teil der Staats- und Regierungschefs ist schon eingetroffen, der Rest kommt am Mittwoch und wird die Straßen vom Flughafen zum Konferenzort wieder in ein Verkehrschaos verwandeln. Schnüren sie das Paket, das ihnen die Brasilianer so fertig gepackt auf den Konferenztisch legen, noch mal auf? – Dann könnte alles noch mal von vorne losgehen. Oder sie halten sie ein paar Reden, beschließen den Text so, wie er ist, sagen Tschüss und fliegen wieder nach Hause?

Die Parallelveranstaltung, der so genannte Gipfel der Völker, hat für Mittwoch eine Demonstration im Zentrum von Rio angekündigt. Und in der Szene der Nichtregierungsorganisationen macht sich schon manch einer Mut mit den Chancen, die – angeblich, hoffentlich – im Scheitern liegen: Die Welt vor Ort zu verbessern versuchen, auf niedriger Ebene ansetzen. Schön und gut, aber das hätte man auch ohne solch einen Gipfel haben können.