Komentar zur Bologna-Reform Die Pflicht zur Korrektur

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Es knirscht im Getriebe, denn noch immer wird dem Bachelor misstraut. Die Politik reagiert aber kraftlos, meint der StZ-Redakteur Christoph Link.  

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Stuttgart - Es haben alle ihren Frieden mit der Bologna-Reform gemacht, selbst die Hochschulgruppe der Jungsozialisten ist dafür, obwohl die Idee für die seit zwölf Jahren andauernde Reform aus der Wirtschaft stammt. In Bologna ist einst die Schaffung eines einheitlichen Hochschulraums in Europa verabredet worden, man wollte das Studium straffen und die Abschlüsse vergleichbar machen. Das ist ein lobenswertes Unterfangen, und niemand möchte das Rad zurückdrehen. Aber die Reform läuft in Deutschland noch nicht vorbildlich, und bei der Nationalen Bologna-Konferenz gestern in Berlin klang dies an mit dem überraschenden Eingeständnis, dass nicht einmal der freie Wechsel der Studenten an deutschen Hochschulen gewährleistet ist. Es hakt auch an der allgemeinen Akzeptanz des Bachelor-Abschlusses, der mit sechs Semestern erreicht werden kann und unter der Ebene der früheren Diplomabschlüsse liegt. Studien belegen zwar, dass die Zufriedenheit zugenommen hat und Großbetriebe die Bachelor-Absolventen gerne einstellen, nur kleinere und mittlere Firmen sind zurückhaltend.

Aber wer sich die Zahlen genauer ansieht, wird eine tiefe Skepsis herauslesen. Nur jeder fünfte Bachelor-Absolvent einer Universität ist ein Jahr nach dem Abschluss erwerbstätig. Die Mehrzahl versucht, den ursprünglich nur für die Wissenschaftskarriere gedachten Master draufzusatteln, um einen besseren Job und ein höheres Gehalt zu bekommen. Dem Bachelor wird misstraut. Die Arbeitgeber sind mit der Ausgestaltung des Kurzstudiums auch nicht in allen Punkten zufrieden, sie beklagen fehlende Praxiserfahrung. Schließlich lässt sich in den Sprach- und Kulturwissenschaften feststellen, dass ein Großteil der Bachelor-Absolventen lediglich befristet eingestellt wird. Das Stigma vom "Studium light" bleibt haften, und die Hochschulen täten gut daran, das Bachelor-Studium attraktiver zu machen, etwa um ein "Kreativjahr" zu verlängern, wie es Experten fordern, oder um ein "Flexibilitätsfenster" zu erweitern, wie es die Uni Tübingen getan hat. Das könnte die Studienzeit verlängern, aber ist das tragisch? Brauchen wir wirklich akademische Berufsanfänger mit 22 Jahren? Wer an die steigende Lebenserwartung und das höhere Rentenalter denkt, der sagt Nein.

Master-Studienplätze sind knapp

Aber statt Klasse in den Studienfächern wird man Masse zu erwarten haben. Es kommen die doppelten Abiturjahrgänge auf uns zu, und die Länder drängen die Hochschulen wegen des drohenden Andrangs zum raschen Ausbau der Studienplätze. Die wird im Bachelor-Bereich erfolgen, was zulasten der Master-Studienplätze geht, die jetzt schon knapp sind. Studenten beklagen die hohen Hürden, die vor dem Master-Studium stehen und sie zwingen, ihre angestammte Uni zu verlassen. Dabei steht die eigentliche Belastungsprobe für die Bologna-Reform noch aus. Diese kommt 2012 oder 2013, wenn die Absolventen mit Bachelor in großen Zahlen von den Hochschulen strömen. Stehen dann Kohorten von Jungakademikern unversorgt auf der Straße, werden die 2009 eingeschlafenen Studentenproteste wieder aufflammen.

Ob die Politik die Kraft zur Korrektur im Hochschulbereich hat, ist fraglich. Ein magisches Dreieck nimmt hier die Steuerung vor. Oder ist es ein Bermudadreieck? Es besteht aus der Bundesbildungsministerin, den 16 Kultus- und Wissenschaftsministern und den 250 Hochschulen. Die Leistung dieses Politikpools ist kläglich. Dass nach langer Planung die Einführung eines modernen Verfahrens zur Hochschulzulassung gescheitert ist, ist ein Beleg dafür. Ein anderer ist die Empörung der Hochschulen über die Gängelung durch die Landesregierungen. Es knirscht im Getriebe, es fehlt die ordnende Hand im Chaos. Diese Aufgabe müsste die Bundesbildungsministerin übernehmen. Aber Annette Schavan ist nicht die starke Integrationsfigur, die für einen runden Lauf sorgen könnte.