Berlin/Stuttgart - Es war nichts anderes als die heimliche Lust am Untergang, die christlich-liberale Delegierte in zwei Wahlgängen der Bundesversammlung für Joachim Gauck stimmen ließen. Erst im dritten Wahlgang reichte es für Christian Wulff – ein Fehlstart für den neuen Bundespräsidenten, eine Abmahnung für Bundeskanzlerin Angela Merkel und die von ihr geführte Bundesregierung. Die chronischen Meinungsverschiedenheiten zwischen den ehemaligen Traumpartnern, die Übellaunigkeit der sie stützenden Delegierten haben inzwischen ein solches Ausmaß erreicht, dass man trotz des mühsam errungenen Erfolgs am langfristigen Fortbestand der Koalition zweifeln kann.
Wer jedenfalls geglaubt hat, mit einem glatten Wahlsieg des niedersächsischen Ministerpräsidenten würde der schwarz-gelben Bundesregierung ein Neustart gelingen, sah sich getäuscht. CDU, CSU und FDP schaffen es inzwischen noch nicht einmal mehr, in einer Frage, die auch über ihre Regierungsfähigkeit entscheidet, eine Mehrheit von über 20 Stimmen in einen Erfolg umzumünzen.
Gauck stellte gerade für bürgerliche Kreise eine echte Alternative dar
Natürlich hatte Christian Wulff in Joachim Gauck einen Gegenkandidaten, der gerade in Westdeutschland eine Entdeckung war und in bürgerlichen Kreisen eine echte Alternative darstellte, da er mit seinen Überzeugungen der christlich-liberalen Weltanschauung viel näher ist als den sozialen und ökologischen Parteien, die ihn auf den Schild gehoben haben. Gauck wäre vermutlich ein sehr guter Präsident geworden. Er war glaubwürdig und hätte Halt und Orientierung geben können. Doch auch Wulff hat seine Qualitäten und ist in den vergangenen Wochen unter Wert verkauft worden. Er ist relativ jung, er hat Niedersachsen über lange Jahre erfolgreich geführt, und er bringt für Schloss Bellevue ungewöhnliche persönliche Erfahrungen wie etwa die einer Patchworkfamilie mit. Warum also soll Wulff dem Amt nicht neues Leben, neue Töne einhauchen?