Kommentar Missbrauchsskandal
Die Macht und die Gewalt
Stefan Geiger,
09.03.2010 09:29 Uhr
Geschlossene Systeme, wie Kirche oder Internate, verleiten oft zu Machtmissbrauch. Foto: dpa
Stuttgart - In den fünfziger und sechziger, auch bis in die achtziger Jahre hinein wurden junge Menschen in Internaten Opfer von Gewalt oder aber von sexuellem Missbrauch. Allzu lange wurde das vertuscht. Es ist kein Zufall, dass die Mauer des Schweigens gerade jetzt fällt. Die Täter sind inzwischen krank, alt oder tot. Sie haben ihre - realen oder auch nur informellen - Machtpositionen verloren. Das Phänomen ist nicht neu. Auch das Entsetzen über die weit schlimmeren Verbrechen all der kleinen Nazis brach sich in Deutschland öffentlich erst Bahn, als die Täter die Debatte nicht mehr beeinflussen, keinen Schutzschirm mehr um sich aufbauen konnten. Erst von diesem Augenblick an wurden die gesellschaftliche Verdrängung des Unrechts, das Vertuschen und die Verharmlosung abgelöst von einhelliger Verurteilung und Empörung.
Wieder einmal schaut diese Gesellschaft entsetzt in ihre eigene Vergangenheit. Sie hätte gewarnt sein können. Unkontrollierte und ungezügelte Macht einerseits und die Gewalt als die extremste Form des Machtmissbrauchs sind zwei Seiten derselben Medaille. Das war schon immer so, und daran hat sich bis heute nichts geändert. Institutionen, die sich von der restlichen Gesellschaft abkapseln und zu geschlossenen Systemen werden, sind anfällig für interne Hierarchien von Macht und Ohnmacht - seien sie nun autoritär vorgegeben oder informeller Art.
Geschlossene Systeme, in denen Menschen nicht immer freiwillig eng beieinander leben, aufeinander angewiesen und voneinander abhängig sind, verleiten zu Machtmissbrauch. Internate sind solche geschlossenen Anstalten. Spätestens die Vorfälle in der Odenwaldschule, die einst als Reformschule begonnen hatte, belegen: die Strukturen fördern den Missbrauch, nicht Ideologien. Schon deshalb ist es falsch, das Problem allein auf die katholische Kirche schieben zu wollen. Es entwickeln sich scheinbar unantastbare Halbgötter auch im antiautoritären Milieu des Odenwalds.
Die junge Bundesrepublik war wirtschaftlich erfolgreich, aber auch eine Gesellschaft mit autoritären Strukturen, voll von latenter Gewalt. Es waren gerade auch die jungen Menschen, die nicht nur in katholischen Bildungseinrichtungen Opfer von Aggressionen wurden. Der Bundesgerichtshof und nicht ein durchgeknallter Pädagoge hat es 1953 als vom Züchtigungsrecht der Eltern gedeckt empfunden, einer ungebärdigen Tochter die Haare zu scheren und sie an einen Stuhl festzubinden. Diese höchstrichterliche Billigung von Gewalt geschah öffentlich, nicht hinter Klostermauern. Keiner hat sich darüber erregt. Auch Familien sind geschlossene Systeme. Die meisten Fälle von Gewalt gegen Jugendliche und von sexuellem Missbrauch geschahen damals und geschehen heute noch in den Familien. Auch das gehört zur Diskussion.
Seit Jahren bekannt ist, dass die Fürsorgeerziehung in Deutschland bis in die siebziger Jahre hinein in Abstufungen ein System der Gewalt bis hin zum - selten vordergründig sexuell motivierten - Sadismus war. Es interessiert sich bis jetzt außer einigen Fachleuten kaum einer dafür. Die meisten Fürsorgezöglinge waren in der Obhut des Staates, der übrigens rein theoretisch auch die Aufsicht über die Privatschulen hat.
Verblüffend ist nicht, dass es solche Täter gegeben hat. Keine Gesellschaft ist frei von Kriminalität, auch nicht von sexuell motivierten Taten. Diese sind seit Jahren rückläufig. Die Aufmerksamkeit dafür ist gestiegen. Verhängnisvoll ist, dass die Täter nicht gestoppt worden sind, dass sie allzu lange auf das Schweigen ihrer Umwelt vertrauen konnten. Vertuscht haben nicht nur Kollegen, was schlimm genug ist, weggesehen haben müssen auch viele andere. In den Internaten saßen Kinder einer machtbewussten Elite, von denen sich später selbst viele als Teil der Elite verstanden und über Macht verfügt haben. Es ist schwer verständlich, dass das Kartell des Schweigens auch hier jahrzehntelang funktioniert hat.
Wieder einmal schaut diese Gesellschaft entsetzt in ihre eigene Vergangenheit. Sie hätte gewarnt sein können. Unkontrollierte und ungezügelte Macht einerseits und die Gewalt als die extremste Form des Machtmissbrauchs sind zwei Seiten derselben Medaille. Das war schon immer so, und daran hat sich bis heute nichts geändert. Institutionen, die sich von der restlichen Gesellschaft abkapseln und zu geschlossenen Systemen werden, sind anfällig für interne Hierarchien von Macht und Ohnmacht - seien sie nun autoritär vorgegeben oder informeller Art.
Geschlossene Systeme, in denen Menschen nicht immer freiwillig eng beieinander leben, aufeinander angewiesen und voneinander abhängig sind, verleiten zu Machtmissbrauch. Internate sind solche geschlossenen Anstalten. Spätestens die Vorfälle in der Odenwaldschule, die einst als Reformschule begonnen hatte, belegen: die Strukturen fördern den Missbrauch, nicht Ideologien. Schon deshalb ist es falsch, das Problem allein auf die katholische Kirche schieben zu wollen. Es entwickeln sich scheinbar unantastbare Halbgötter auch im antiautoritären Milieu des Odenwalds.
Täter fühlen sich lange sicher
Die junge Bundesrepublik war wirtschaftlich erfolgreich, aber auch eine Gesellschaft mit autoritären Strukturen, voll von latenter Gewalt. Es waren gerade auch die jungen Menschen, die nicht nur in katholischen Bildungseinrichtungen Opfer von Aggressionen wurden. Der Bundesgerichtshof und nicht ein durchgeknallter Pädagoge hat es 1953 als vom Züchtigungsrecht der Eltern gedeckt empfunden, einer ungebärdigen Tochter die Haare zu scheren und sie an einen Stuhl festzubinden. Diese höchstrichterliche Billigung von Gewalt geschah öffentlich, nicht hinter Klostermauern. Keiner hat sich darüber erregt. Auch Familien sind geschlossene Systeme. Die meisten Fälle von Gewalt gegen Jugendliche und von sexuellem Missbrauch geschahen damals und geschehen heute noch in den Familien. Auch das gehört zur Diskussion.
Seit Jahren bekannt ist, dass die Fürsorgeerziehung in Deutschland bis in die siebziger Jahre hinein in Abstufungen ein System der Gewalt bis hin zum - selten vordergründig sexuell motivierten - Sadismus war. Es interessiert sich bis jetzt außer einigen Fachleuten kaum einer dafür. Die meisten Fürsorgezöglinge waren in der Obhut des Staates, der übrigens rein theoretisch auch die Aufsicht über die Privatschulen hat.
Verblüffend ist nicht, dass es solche Täter gegeben hat. Keine Gesellschaft ist frei von Kriminalität, auch nicht von sexuell motivierten Taten. Diese sind seit Jahren rückläufig. Die Aufmerksamkeit dafür ist gestiegen. Verhängnisvoll ist, dass die Täter nicht gestoppt worden sind, dass sie allzu lange auf das Schweigen ihrer Umwelt vertrauen konnten. Vertuscht haben nicht nur Kollegen, was schlimm genug ist, weggesehen haben müssen auch viele andere. In den Internaten saßen Kinder einer machtbewussten Elite, von denen sich später selbst viele als Teil der Elite verstanden und über Macht verfügt haben. Es ist schwer verständlich, dass das Kartell des Schweigens auch hier jahrzehntelang funktioniert hat.
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Kindesmissbrauch: Macht trifft auf Ohnmacht
Herr Dr. Geiger hat in aufrichtiger Art und Weise die Hintergrundstrukturen der Übergriffe von Erwachsenen auf Kinder, geschönt Pädophilie genannt, analysiert. In Konsequenz dieser Kommentierung ist fast jedes Mitglied einer Machtstruktur zum Exzess fähig, wenn bei ihm entsprechende Neigungen vorhanden sind. Von der Machtstruktur selbst wird auch abweichendes Verhalten gedeckt, auch wenn dies den Zwecken und Zielen der Struktur nicht dient oder sogar widerspricht. Mit den geistigen Vorgaben der Machtstruktur haben daher die Übergriffe nichts zu tun. Mit anderen Vorgaben vielleicht. Offensichtlich hat die heutige Gesellschaft noch gar nicht begriffen, welche Problematiken der Kinder verachtenden Verhaltensweisen zu Grunde liegen. Jedenfalls ist es nicht mit dem Hinweis auf die verklemmte Sexualmoral der Katholischen Kirche getan. Dieser Ansatz ist schon deshalb verkürzt, weil nicht die Sexualmoral der Kirche angeklagt gehört, sondern die beliebigen Einstellungen von Stelleninhaber innerhalb der Kirche. Hinzu tritt jedoch, dass ein Wertungswiderspruch übersehen wird, denn nach der Sexualmoral der Katholischen Kirche sind diese Übergriffe niemals legitim. Und das Zölibat steht sowieso nicht in Rede, weil keine Ehe den Übergriff von Schwulen auf Jungen oder männliche Jugendliche verhindern kann. Was jedoch dem Fass den Boden ausschlägt, ist die bundesdeutsche Heuchelei, ein irgendwie zu vermutender Rechtfertigzusammenhang für die Übergriffe sei gegeben. Fast möchte man meinen, die Absonderlichkeit selbst stünde Pate für ein Empörungskartell, das sich fast ausschließlich auf die Katholische Kirche bezieht, oder ein Abwieglerkartell sei vorhanden: "Ja, das hat doch Aristoteles schon gemacht, das ist doch normal." Was dieser lehrte, ist den Kennern exklusiver Details nicht bekannt. Genau das Gleiche gilt für einschlägig bekannte politische Richtungen, die den Kindersex zum Gesetz machen wollen. Auch zur Einwanderung und Integration vorgesehene Kulturverhaltensmustern einschließlich Beschneidungsritualen bilden einen Rechtfertigungskanon. Warum ein achtjähriges Mädchen mit einem 45-jährigen Mann in unseren Breiten verheiratet werden kann, trägt den Keim zur Akzeptanz pervers zu nennenden Verhaltensweisen in sich. Es ist schon in weit geringeren Zusammenhängen von altrömischer Dekadenz gesprochen worden. Neben der organisierten Macht also ist die Neigung dieser Gesellschaft, abnormes und menschenverachtendes Verhalten auf Teufel komm raus salonfähig zu reden, erstaunlich groß. Dieser Dekadenz ist durch Aufrüstung einer Gegenmacht zu begegnen. Hierzu gehören Organisationsmuster für Strukturen, die niemals Ohnmächtige der ungerechtfertigten Macht ausliefert.
Missbräuche innerhalb kath. Einrichtungen
Kath. Kirche leidet an Strukturdefiziten Es ist ein Skandal, dass die kath. Kirche zunächst ihre eigene Gerichtsbarkeit bei Pädophilie-Verbrechen einschalten darf ; hier wird dann nach Gutdünken von Sachverständigen entschieden, die von der Kirche bestellt sind und dann das Recht haben zu entscheiden, ob ein Fall dem Staatsanwalt gemeldet wird oder nicht. Kirche darf sich in Rechtsfragen nicht zu einem Staat im Staate gerieren. Das ist ein absoluter Skandal! Im Vatikan darf es – frei nach absolutistischer Willkür – keinen rechtsfreien Raum geben. Das Fehlen einer unabhängigen richterlichen Instanz muss umgehend korrigiert werde Gewaltentrennung müsste auch für die Kirche kein Fremdwort mehr sein. Wir brauchen ein Prozessrecht, das den Menschenrechten auch in der Kirche zur Geltung verhilft. (Das Recht auf einen frei gewählten Verteidiger, der Akteneinsicht verlangen kann, Rekursinstanzen usw.) . Der Papst hat somit absolute diktatorische Vollmachten und ist letztlich nicht an Gesetze und Gremien (etwa Organe der Kurie) gebunden. Zu keinem historischen Zeitpunkt war der Papst mit einer solchen universalen Machtfülle und Durchsetzungskraft ausgestattet wie heute. Der Vatikanstaat hat in moderner Weise das von Gregor VII. 1075 formulierte Prinzip bestätigt: „Der Papst wird von niemandem gerichtet", er ist keiner Staatsgewalt untergeben. Der Papst übt hingegen im Vatikanstaat absolute Staatsgewalt aus und ist damit (neben dem Fürsten von Monaco) der letzte absolute Herrscher in Europa, der selbst an keine Verfassung gebunden ist (sondern auch Verfassungsgesetzgeber ist). „In ihrer Rechtsgestalt, …. präsentiert sich die Kirche als ein Ort sakral begründeter Herrschaft, in der christliche Freiheit zu Gehorsam wird.“ ….. Der Sehnsucht nach Freiheit und Verantwortung wurde begegnet durch die Einforderung von Gehorsam, allein aufgrund formaler Autorität unabhängig von Einsicht. Die Laien bilden nach wie vor die "hörende" Kirche. So weit die Rechtsordnung mit ihrem Gehorsamsanspruch.“ Kurz gefasst, lautet die Formel: Christliche Freiheit erfüllt sich im Gehorsam.“ Was den Gläubigen in der real existierenden Kirche zugemutet wird, heißt, die "heilige Herrschaft" als die wahre Form christlicher Freiheit zu verstehen und zu akzeptieren. Freiheit gegen die Hierarchie, gegen das Lehramt kann es nach deren Selbstverständnis legitim nicht geben. (Prof. Werner Böckenförde) Paul Haverkamp, Lingen
Beschützerin der Schwachen - lässt vergewaltigen!
Im völligenWiderspruch zu den hierarchischen und autoritären Strukturen der katholischen Kirche steht ihr Anspruch, Hüterin der Ethik und Beschützerin der Schwachen zu sein. Diesem Anspruch ist die katholische Kirche nie gerecht geworden. Es ist ein Anspruch, dessen Leere besonders deutlich wird, wenn permanent bekannt wird, dass katholische Pfarrer Kinder systematisch missbrauchen.