Kommentar Nagelprobe
Thomas Borgmann, 22.09.2010 10:16 Uhr
Werner Wölfle sprach von "der größten menschlichen Enttäuschung meines politischen Lebens". Foto: Steinert
Werner Wölfle sprach von "der größten menschlichen Enttäuschung meines politischen Lebens". Foto: Steinert
Stuttgart - Gleich in seiner ersten Sitzung nach den Sommerferien hat der Technikausschuss des Gemeinderats am Dienstag kräftig Überstunden machen müssen. Der Grund: hinter verschlossenen Türen erfolgte der Startschuss für das schwierige Verfahren, mit dem in den nächsten Monaten ein neuer Bebauungsplan für das Quartier am Karlsplatz aufgestellt werden soll. Und noch ein zweiter Streitfall stand auf der Tagesordnung, nämlich das Handels- und Dienstleistungszentrum auf dem Areal von Stuttgart21 an der Wolframstraße. Bei beiden Projekten geht es um Investitionen von immerhin 780 Millionen Euro – kein Wunder also, dass die politischen Wogen innerhalb wie außerhalb des Rathauses ziemlich heftig sind.

In Sachen Karlsplatz ist eines jedenfalls sicher: so leicht, wie sich die Investoren des Landes und des Hauses Breuninger die Erlangung des Baurechts vorgestellt haben, wird es ihnen die Mehrheit im Gemeinderat nicht machen. Die in der Tat sehr hohe Baumasse muss etwas reduziert und wenigstens ein Teil der Fassade des einstigen Hotels Silber erhalten bleiben. Gelingt dies planerisch nicht, wird der neue Bebauungsplan, der bis Mitte kommenden Jahres rechtsgültig sein muss, unweigerlich auf der Strecke bleiben. Um dies zu verhindern, wären die Investoren klug beraten, sich jetzt kompromissbereit zu zeigen.

Zugegeben, Breuninger und das Land haben etwas Pech. Denn der Bebauungsplan für ihr Projekt gerät jetzt mitten hinein in den von Stuttgart21 dominierten Landtagswahlkampf. Und da wollen vor allem die ohnehin gebeutelte SPD, aber auch SÖS/Linke deutlich Flagge zeigen. Der Grünen-Chef Werner Wölfle indessen sitzt in der Zwickmühle: Einerseits möchte er nicht als Investorenschreck erscheinen, andererseits gibt es in seinen eigenen Reihen einige, die den Abriss des Hotels Silber strikt ablehnen. So oder so – der Karlsplatz wird für alle Beteiligten zur Nagelprobe: Sind in Stuttgart knifflige Bauprojekte noch durchsetzbar oder gibt es einen Stillstand?
Kommentare (3)
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SEP
22
mainzelmännchen, 14:26 Uhr

Stillstand ist schön, Stillstand ist ruhig...

...Stillstand gibt Kraft und neue Gedanken. Für die Entdeckung der Langsamkeit. Da wird aber die Vetternwirtschaft nervös am Pariser Platz, die das garnicht brauchen kann. Wo die Renditen der nächsten 20 Jahre schon verschossen sind - in Irland, Griechenland, USA. Von Jaschinski, dem Geschichtenschreiber und seiner Frau aus Düsseldorf. 5 Milliarden Miese, 500 Millionen dazu im letzten Quartal - da brauchts mal eben wieder Provisionen, bevor man die Bude schließen muß.

SEP
22
Simone, 12:03 Uhr

Stillstand

Die Antwort ist Stillstand! Dies ist immer so, wenn Sachargumente nicht mehr wichtig sind.

SEP
22
mainzelmännchen, 11:36 Uhr

In einer Zwickmühle...

...sehe ich Wölfle nicht - ganz im Gegenteil. Wir alle sind die Investoren - wir sind das Geld, wir sind die Kunden. Ohne uns kein Breuninger, ECE, Bahn oder Ingenhoven. Und ohne uns kein Stuttgart.