Kommentar zu funktionellen Lebensmitteln Der große Bluff

Von Christine Pander 

Manche Produkte versprechen viel: mehr Abwehrkräfte oder weniger Cholesterin. Doch diese Lebensmittel machen nur die Hersteller froh, meint die StZ-Autorin Christine Pander. Gesunde Ernährung bedeutet etwas anderes.

Die Margarine darf weiter verkauft werden – aber ist das Produkt  auch sinnvoll? Foto: dpa
Die Margarine darf weiter verkauft werden – aber ist das Produkt auch sinnvoll?Foto: dpa

Stuttgart - Funktionelle Lebensmittel? Ein seltsamer Begriff. Schließlich hat jedes Lebensmittel eine Funktion. Doch mittlerweile gibt es immer häufiger Produkte, die noch mehr versprechen. Sie kommen aus dem Labor, funktionelle Lebensmittel eben. Jeder Dritte greift einer Umfrage zufolge zu diesen Produkten. Die Käufer sind meist um die 30, kerngesund und werbegläubig. Dabei sind diese funktionellen Lebensmittel umstritten, seit sie auf dem Markt sind. So galt es beispielsweise einst als gesund, Lebensmitteln Betacarotin zuzusetzen. Vor allem Raucher sollten profitieren. Bis finnische Forscher belegen konnten, dass Betacarotin das Risiko erhöht, an Lungenkrebs zu erkranken. Inzwischen rät das Bundesinstitut für Risikobewertung von diesem Zusatz ab.

Oder ganz aktuell die cholesterinsenkende Becel pro.activ-Margarine. Der Hersteller darf sich nach einem am Freitag gefällten Urteil zwar weiter auf die Unbedenklichkeit der Margarine berufen. Doch die klagende Verbraucherorganisation Foodwatch bleibt dabei: Hinweise auf Nebenwirkungen seien vom Hersteller verschleiert worden. Überraschend ist die Entscheidung der Hamburger Richter indes nicht. Sie haben sich nicht mit möglichen Nebenwirkungen, sondern nur mit der Meinungsäußerung eines Forschers beschäftigt.

Gesundheit aus dem Labor

Und jetzt? Sind Verbraucher erst recht verwirrt. Stehen im Supermarkt und fragen sich: Sind funktionelle Lebensmittel gesund? Gehöre ich zur Zielgruppe? Ist sich die Wissenschaft einig über die Unbedenklichkeit? Wo ist der Beipackzettel? Ernährung ist ganz schön kompliziert geworden. Gesunde schlucken zur Prophylaxe vermeintlich noch gesünder machende Produkte. Doch wenn immer mehr Lebensmittel mit demselben Wirkstoff angereichert angeboten werden, besteht womöglich die Gefahr der Überdosierung. Dann macht die Gesundheit aus dem Labor krank.

Dabei predigen Ernährungsexperten seit Jahren: Nahrungsergänzungsmittel und funktionelle Lebensmittel sind nichts für Gesunde, auch wenn prominente Werbegesichter noch so schön mit den Produkten kuscheln. In Deutschland gibt es im Gegensatz zu anderen Teilen der Welt bei Gesunden keine Engpässe bei der Versorgung mit wichtigen Nährstoffen. Das wahre Problem heißt Übergewicht – mit all seinen angefutterten, lebensbedrohlichen Folgen. Deshalb werden findige Hersteller weiter in ihren Laboren am Cocktail für das lange, schlanke und gesunde Leben forschen.

Wer krank ist, geht zum Arzt, nicht in den Supermarkt

Ernährungsfehler kann man damit aber nicht ausbügeln. Mittags die Currywurst, abends auf dem Sofa Nüsse und Chips, und als Betthupferl gegen das schlechte Gewissen die Vitaminpille: so funktioniert gesunde Ernährung nicht. Was besser wäre, weiß jeder: mehr Obst und Gemüse, möglichst unverarbeitet; weniger tierische Fette, viel Bewegung. Nur hören will das keiner.

Weil der Verbraucher eben bequem ist und das Schälen, Schnippeln und Kochen oft satt hat, kommen immer mehr Lebensmittel mit leuchtenden Botschaften auf den Markt – und auf den Teller. Da ist es schon eine gute Nachricht, dass der Verbraucher aufgrund einer EU-Verordnung seit Freitag wenigstens nicht mehr mit Quatsch-Versprechen belästigt wird. „Actimel aktiviert Abwehrkräfte“, „Hopfen vergrößert den Busen“ und „Granatapfel hilft gegen erektile Dysfunktion“ – Werbebotschaften wie diese sind nun verboten.

Doch egal, ob es um sinnfreie Werbeversprechen oder cholesterinsenkendes Fett geht: die Frage ist, wie man Menschen daran hindert, teure Produkte zu konsumieren, die sie nicht brauchen. Wer keinen erhöhten Cholesterinspiegel hat, so lautet die Lehre aus dem aktuellen Fall, soll die Finger vom Produkt lassen. Wer krank ist, geht zum Arzt. Der verschreibt vielleicht Medikamente. Diese haben ein Prüfverfahren durchlaufen und werden in der Apotheke verkauft. Nicht im Supermarkt.

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