zum Thema
Berlin - In Berlin gibt ein Brandstifter, der Kinderwagen in Hausfluren anzündet, als Motiv "Schwabenhass" an. Es kann sein, dass der Mensch ein bisschen wirr im Kopf ist - aber trotzdem muss der rot-rote Senat die Formulierung ernst nehmen.
Was in Berlin seit Jahren unter "Schwabenhass" firmiert, war erst ein mäßig originieller Witz der Prenzlauerberger, die selber Spießer ersten Ranges sind. Längst aber ist der Begriff "Schwaben" in der heißen Diskussion über die Stadtentwicklung zu einem Synonym geworden, für Menschen, die von anderswo kommen, gut ausgebildet und nicht arm sind und ihre Vorstellung von Leben mitbringen. Eigentlich kann dagegen ja niemand etwas haben, erst recht nicht im toleranten Berlin.
Der "Schwabenhass" ist einerseits ein Zeichen der Engstirnigkeit einiger Überlebender der Vorwende-Subventionsbiotope, die Veränderung hassen. Andererseits ist er ein Zeichen dafür, dass Berlin seine Hauptfrage politisch diskutieren muss: Wem gehört die Stadt? Soll der Markt wirklich regeln, dass Bewohner aus ihrem Viertel weichen müssen, weil sie die Mieten nicht zahlen können? Wie wird eine Entwicklung sozial verträglich?
Aber die Politik handelt nicht. Das muss sie sich vorwerfen lassen, wenn sich die Debatte mit brennenden Autos und Kinderwagen auf Straßen und in Hausflure verlagert.
Jetzt anmelden: "StZ im Gespräch" mit unserer Berlin-Korrespondentin Katja Bauer
Am 14. September, wenige Tage vor der Wahl zum Berliner Abgeordnetenhaus, werden unsere Leserinnen und Leser Gelegenheit haben, in der Alten Reithalle Stuttgart mit unserer Berlin-Korrespondentin Katja Bauer ins Gespräch zu kommen. Beginn der Veranstaltung ist um 19 Uhr.


23 Mal Stuttgart – wir stellen Ihnen alle 23 Stadtbezirke vor >>


Bravo, Frau Bauer !
Kurz und knackig den Punkt getroffen.
Schwabenhass
Ich lebe als gebürtiger Stuttgarter in Berlin, und ich musste feststellen, dass die Situation für Schwaben in Berlin noch wesentlich dramatischer ist, als es in diesem Artikel dargestellt wurde. Nach einigen Jahren hier in der Stadt hört man meinen Dialekt inzwischen nicht mehr heraus. Man lernt hier neue Leute kennen, doch wenn diese nach einiger Zeit feststellen, dass man Schwabe ist, bricht der Kontakt ohne jegliche Angabe von Gründen schlagartig ab. Das ist mir und auch einer ganzen Reihe anderer Bekannten mit schwäbischen Wurzeln so mehrfach widerfahren. Es gibt allerdings regionale, oder besser gesagt, Unterschiede von Bezirk zu Bezirk. Am schlimmsten ist es, wie ich festgestellt habe, in den Szenebezirken Kreuzberg/Friedrichshain und Prenzlauer Berg und den meisten östlichen Stadtbezirken. Glücklicherweise wohnen wir in Zehlendorf, wo die Menschen zwar zumeist konservativ wählen, aber wesentlich offener sind für "Neubürger" als in den sog. Szenevierteln, die doch gerade diese Offenheit stets für sich proklamieren. Baden-Württemberg und somit auch die Schwaben gehören zu den größten Nettozahlern im Länderfinanzausgleich, an dessen Tropf das Land Berlin fast vollständig hängt mangels eigener Einnahmen in ausreichender Höhe. Sicher, das gibt niemandem das Recht, sich über andere zu erheben und dieser Gedanke soll hier auch nicht vermittelt werden, aber im Gegenzug gibt dies auch niemandem das Recht sich über diejenigen, die dafür mit ihren Steuerabgaben bezahlen, damit diese Bundesländer überhaupt überlebensfähig sind und ein gewisses Mindestmaß an Leistungen für seine Bürger realisieren können, sich lustig zu machen oder sie gar regelrechten Hasstiraden auszusetzen. In wirtschaftlich härteren Zeiten kann diese Art von Animositäten letztlich dazu führen, dass es in den "reicheren" Bundesländern eine breite Mehrheit gibt, die sich gegen den Länderfinanzausgleich ausspricht. Vor kurzem wurde ja schon einmal durch BaWü, Bayern und Hessen versucht, diesen zu kippen. Dadurch würde eine Situation entstehen, die wirklich niemand für gut heißen könnte, weil die Folgen der "Zahlungsunfähigkeit" dieser Bundesländer auch alle anderen hart treffen würden.