| Zeitungsgruppe Stuttgart |Freitag, 10. Februar 2012
Stuttgart 21
Artikel weiterempfehlen

Kommentar zu Stuttgart 21 Es geht um die Macht

Achim Wörner, vom 21.08.2010 11:18 Uhr
 Foto: dpa
Foto: dpa
Stuttgart - Stuttgart ist - auch politisch betrachtet - beschaulich gewesen. Inzwischen aber ist nichts mehr, wie es war. Tausende Menschen demonstrieren alle paar Tage gegen Stuttgart 21, das einst als Jahrhundertplan apostrophiert wurde und nun so umstritten ist wie kaum zuvor ein Projekt in der Schwabenmetropole.

Sehr spät, zu spät artikuliert sich der Unmut, zugleich aber so zahlenstark und partiell eifernd, dass das Miteinander in Stuttgart gefährdet scheint. Dabei ist es per se ein gutes Zeichen, dass die Menschen sich für die Zukunft ihrer Stadt interessieren - solange die Debatte in geordneten Bahnen läuft. Es geht jedenfalls nicht um Krieg und Frieden. Ein Bahnhof wird gebaut, neue Gleise kommen dazu, und dass ausgerechnet darüber ein Glaubensstreit entbrannt ist, überrascht.

Hier sind die Befürworter von Bahn, Bund, Land, Stadt, Region, die für sich reklamieren, in einem langen Prozess die beste aller Möglichkeiten für eine moderne Schieneninfrastruktur gefunden zu haben und damit im Land Prosperität zu sichern. Dort sind die aus breiten Schichten der Bevölkerung stammenden Gegner, die den Verheißungen nicht trauen - und Stuttgart 21 als Milliardengrab erachten. Allenfalls die Kosten, die sich mit jeder Ausschreibung von Bauleistungen konkretisieren, sind denn auch der wunde Punkt, der das Vorhaben noch aufhalten könnte.

Jenseits divergierender Ansichten irritiert die Sprachlosigkeit, mit der beide Seiten einander begegnen. Befürworter wie Gegner sind längst Getriebene ihrer selbst, die - bei wenigen Ausnahmen - nicht zum Dialog bereit sind und durch Äußerungen hier wie da zur Erhitzung beitragen. Die Beteiligten sollten alles daransetzen, nicht weiter Emotionen zu schüren, sondern aufeinander zuzugehen, um wenigstens die Befindlichkeiten der anderen besser zu verstehen. Dies kann nur gelingen, wenn mit- und nicht übereinander geredet wird.

Der Bau muss fortgesetzt werden


Das Dilemma unvereinbarer Positionen wird sich aber nicht beseitigen lassen. Die Bahn ist zur raschen Umsetzung der Pläne für einen neuen Durchgangsbahnhof verdammt, jeder Tag Zeitverzug lässt den Preis weiter in die Höhe schießen. Alternativen sind nicht in Sicht, denn von der Idee, den bestehenden, bald einhundert Jahre alten Kopfbahnhof zu erhalten - so wie auch in dem immer wieder zitierten Konzept "K21" vorgesehen -, hat sich die Bahn vor langer Zeit schon verabschiedet.

Ganz zu schweigen davon, dass es für "K21" keine Planung und keine Finanzierung gibt und gegebenenfalls, bei einem Ausbau im Neckartal, neuer Protest hervorgerufen würde. Stillstand also wäre bei einem Scheitern von Stuttgart21, das unabhängig von verkehrstechnischen Fragen große städtebaulich Chancen birgt, die Folge. Insofern gibt es auch eine Sünde des Unterlassens.

Kein Ausweg in Sicht


Auswege aus der Misere einer vergifteten Atmosphäre sind derweil nicht in Sicht. Denn schlussendlich spielen in der Auseinandersetzung auch die hohe Politik und parteitaktisches Kalkül eine Rolle. Die Grünen und die Linken setzen darauf, durch eine Polarisierung bei der Landtagswahl im kommenden März ähnliche Stimmenzuwächse zu erzielen wie zuletzt bei der Gemeinderatswahl in Stuttgart. Und gewiss grenzt sich die CDU-geführte Landesregierung, die stets für Stuttgart21 gekämpft hat, ganz bewusst gegen die Ökopaxe ab - um Führungsstärke zu beweisen, aber auch im Wissen darum, in einem Lagerwahlkampf die eigenen Anhänger immer besonders gut mobilisieren zu können.

Was das für die politische Farbenlehre bedeutet? Vor allem wird dadurch eine Option verstellt, die im Land bei entsprechendem Wahlausgang lange als charmante Lösung galt: eine schwarz-grüne Koalition, die in der Ära Mappus unwahrscheinlicher geworden ist und inzwischen sogar kaum mehr möglich scheint. Nur zur Erinnerung: im Stuttgarter Rathaus ist inzwischen die SPD das Zünglein an der Waage.
Kommentare (125)
Kommentarregeln
  • Kommentare anzeigen
Anzeigen
AUG
25
13:45 Uhr, geschrieben von bahnfan
@Christoph Müller
„Wer glaubt, die Tieferlegung des Hauptbahnhofs fließend durch eine Sanierung des Bestands und die diffuse Idee, irgendwie mehr Einfahrtsgleise zu schaffen, ersetzen zu können, hat den bisherigen Verlauf der Planungsarbeiten wohl verschlafen.“ Stimmt. Die Projektdurchzieher haben klar zu erkennen gegeben, dass sie an nichts anderm als der Tieferlegung des Bahnhofes interssiert sind. Die werden sich sicher kein Bein rausreißen, möglichst schnell eine sinnvolle Modernisierung oder auch nur Renovierung des Kopfbahnhofes umzusetzen. Dass dies aber eine Unterlassungssünde von Seiten der Gruftbahnhoffreunde ist fällt scheints keinem auf... "Stattdessen soll die Strecke durch das dicht besiedelte Neckartal ausgebaut und damit dauerhaft stärker belastet werden. Die hunderttausende Anwohner der Strecke würden solche Planungen sicher nicht verschlafen." Schmeißen Sie bitte nicht nach Belieben sämtliche Varianten durcheinander. "hunderttausende Anwohner" wären betroffen, wenn die Filstaltrasse ausgebaut werden sollte. Bei K21 oder sonst einer dem W-Fall angelehnten Variante wären hauptsächlich die Daimler-Mitarbeiter betroffen. Aber klar, denen kann man vorbeifahrende Züge nicht zumuten... ;-)
AUG
24
08:56 Uhr, geschrieben von Christoph Müller
Herr Wörner hat Recht
Es ehrt Herrn Wörner, dass er trotz der allgemeinen Stimmungslage auf einen Umstand hinweist, den die Bahnhofsgegner entweder nicht sehen können oder wollen: "K21" bedeutet nicht "Kopfbahnhof 21", sondern "Kein 21". Wenn das Projekt in seiner jetzigen Form stirbt, wandert die Erneuerung des Stuttgarter Bahnknotens für die nächsten zehn bis 15 Jahre nicht nur zurück auf das technische, sondern auch auf das politische Reißbrett. Wer glaubt, die Tieferlegung des Hauptbahnhofs fließend durch eine Sanierung des Bestands und die diffuse Idee, irgendwie mehr Einfahrtsgleise zu schaffen, ersetzen zu können, hat den bisherigen Verlauf der Planungsarbeiten wohl verschlafen. Man kann sich auch des Eindrucks nicht erwehren, dass die Erwartung, am Ende von weiteren Jahrzehnten der Neukonzeption stehe dann ein besseres Konzept, beruhe vor allem auf dem beliebten Stuttgarter Sankt-Florians-Prinzip. Wie man sich schon den Lasten des Flughafens und der Neuen Messe auf den Fildern entledigt hat, möchte man sich jetzt die vorübergehenden Bauarbeiten in der Stadt ersparen, die den Bahnlärm in den Untergrund verbannen würden. Stattdessen soll die Strecke durch das dicht besiedelte Neckartal ausgebaut und damit dauerhaft stärker belastet werden. Die hunderttausende Anwohner der Strecke würden solche Planungen sicher nicht verschlafen. So könnte die Bahn irgendwann vielleicht den Charme einer völlig anderen Lösung entdecken: die Verlegung des Fernverkehrs in einen Schnellbahnhof auf der grünen Wiese, wie es ansatzweise schon in Frankfurt der Fall ist. Dort meiden die schnellen ICE-Verbindungen den Kopfbahnhof in der Stadt zu Gunsten des Durchgangsbahnhofs am Flughafen. In Stuttgart könnte das bedeutet, dass der geneigte Stuttgart-21-Gegner irgendwann unter dem Bonatz-Bau in eine S-Bahn einsteigt und nach Wendlingen zum „Stuttgart Fernbahnhof“ fährt.
AUG
23
22:14 Uhr, geschrieben von Unsinn21
Qualitätsjournalismus?
Sehr geehrter Herr Wörner, In Ihrem Leitartikel fühle ich mich als Gegner von Stuttgart 21 verhöhnt. Sie negieren nicht nur die fundierte inhaltliche Kritik am Projekt, die aufgrund der jüngst bekannt gewordenen Studien weiter untermauert wird, sondern wiederholen auch noch die bekannten inhaltslosen Propaganda-Parolen der Projektbetreiber: "ereifernd", "Alternativen sind nicht in Sicht", "große städtebauliche Chancen", "Grüne und Linke setzen auf Polarisierung", um nur einige zu nennen. Dies zeigt, dass Sie noch nicht verstanden haben (oder nicht verstehen wollen), warum der breite und rasch wachsende Bürgerprotest in Stuttgart immer mehr Menschen auf die Strassen und vor den Bauzaun treibt. Es wird immer offensichtlicher, dass die Entscheidung der gewählten Parlamente für Stuttgart 21 entweder in Unkenntnis oder gar unter bewusster Negierung der inzwischen bekannt gewordenen gravierenden Kostenexplosion, den Risiken und Schwachpunkte getroffen wurde. Diese werden Gott sei Dank inzwischen deutschlandweit in allen relevanten Medien breit dargestellt und heftig kritisiert, nur nicht von der Stuttgarter Zeitung. Von einer Tageszeitung mit dem journalistischen Anspruch einer Stuttgarter Zeitung erwarte ich mehr, als auf fachinhaltliche Kritikpunkte der Projektgegner lediglich die pauschalen Dementis der Projektbetreiber abzudrucken: "kenne ich nicht", "ist nicht nachvollziehbar", "ist falsch / stimmt nicht", "die Zahlen sind unseriös (weil sie von den Gegnern kommen)". Warum haken Sie da im Sinne eines investigativen Journalismus nicht nach? Warum moderieren Sie nicht ein Forum, auf der Experten beider Seiten inhaltlich-konkret zu den Knackpunkten Stellung beziehen müssen, so dass sich die Leser ein eigenes Bild machen können? Warum haken Sie beispielsweise bei der Drexlerschen Auflistung der Ausstiegskosten von angeblich 1,4 Milliarden nicht nach, bei denen ein BWL-Student im ersten Semester vorrechnen könnte, daß die 460 Millionen Euro, die die Stadt für die freiwerdenden Grundstücke an die Bahn überwiesen hat, nie und nimmer als Ausstiegskosten verbucht werden dürfen? Nach Projektabbruch werden sie von der Bahn zurückgekauft und 2010 oder 2011 als Verlust gebucht. In der Summe werden keine Kosten entstanden sein, sondern es müsste eher noch ein Zinsgewinn ausgewiesen werden. Ich bin nicht länger bereit, eine derartig profillose, journalistisch marginale Arbeit mit meinem Geld zu weiter mitzufinanzieren. Ich werde deshalb mein langjähriges Abonnement der Stuttgarter Zeitung mit sofortiger Wirkung kündigen.
Kommentar-Seite
vorherige
1  von  42
nächste
 
Anzeige
Videos zu Stuttgart 21
Stuttgart 21 bei Twitter
Dieses Widget sucht bei Twitter automatisch nach Nachrichten mit dem Schlagwort #S21. Die Redaktion ist nicht verantwortlich für den Inhalt der gesendeten Nachrichten.
 
 

Sie suchen ein neues Zuhause?

Wir haben Sie alle! Mieten oder kaufen, Wohnung oder Haus. In Baden-Württembergs bedeutendstem Immobilienmarkt finden Sie Angebote aus Stuttgart, der Region und dem Rest der Republik.
zur Immobiliensuche
 
StZ digital
Stuttgarter Zeitung digital
Die gedruckten Ausgaben im Originallayout.

 
 
ePress App
Genießen Sie Ihre Stuttgarter Zeitung auch auf dem iPad.
 
 
Abonnement-Prämien
Werben Sie einen Freund als Abonnent der Stuttgarter Zeitung. Für jede Empfehlung erhalten Sie eine Prämie aus unserem Shop.
Abonnement