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Kommentar zu Stuttgart 21 Stadt ohne Oberhaupt

Holger Gayer, vom 27.08.2010 07:06 Uhr
Wolfgang Schuster bei der Eröffnung des Weindorfes, die durch massive Proteste der Stuttgart-21-Gegner begleitet wurde. Foto: Honzera
Wolfgang Schuster bei der Eröffnung des Weindorfes, die durch massive Proteste der Stuttgart-21-Gegner begleitet wurde. Foto: Honzera
Stuttgart - Bisweilen ist die Macht des Bildes größer als die des Wortes. Professionelle Politiker wissen längst, dass es nicht nur darauf ankommt, was sie verkünden, sondern auch wie sie es tun. Der Prototyp dieser Sorte von Gestenpolitikern heißt Gerhard Schröder. Dem Sozialdemokraten gebührt die Ehre, als erster Medienkanzler in die Geschichte Deutschlands eingegangen zu sein. Der Gegenentwurf ist in Stuttgart zu finden: Wolfgang Schuster.

Seit seinem Amtsantritt im Jahre 1996 nimmt der Oberbürgermeister der Landeshauptstadt für sich in Anspruch, ein Mann mit Prinzipien zu sein. Auch in der hitzigen Debatte über das umstrittenste Projekt der jüngeren Stadtgeschichte beweist Schuster immer wieder, dass er nicht nur einen Standpunkt hat, sondern dass dieser auch unverrückbar ist. Seine Überzeugung unterfüttert der Schultes mit dem Hinweis darauf, dass Stuttgart 21 von allen dafür zuständigen Parlamenten - Bundestag, Landtag, Regionalversammlung und Gemeinderat - stets mit großer Mehrheit beschlossen worden ist. In einer repräsentativen Demokratie sind diese Voten bindend. Obwohl ein Oberbürgermeister direkt gewählt wird, hat er eben nicht nur Sitz und Stimme im Stadtparlament, sondern auch die Pflicht, die Beschlüsse desselben mitzutragen.

Schuster scheitert, weil er nicht mit den Menschen spricht


Im Fall von Stuttgart 21 weiß Schuster zudem die Judikative auf seiner Seite. In keinem einzigen Verfahren, das die Gegner angestrengt haben, ist die Rechtmäßigkeit des Milliardenprojektes auch nur ansatzweise infrage gestellt worden. Und trotzdem gerät die Stadt aus den Fugen. Das hat damit zu tun, dass sich einige Fakten, vor allem die Kosten, seit den Beschlüssen der Gremien erheblich verändert haben. Diese Veränderungen hat Schuster bisher nur aus der Perspektive des Projektträgers und unter dem Motto "Augen zu und durch" betrachtet. Er ist aber auch Oberbürgermeister der Gegner - und muss moderieren.

Letztlich scheitert der erfahrene Kommunalpolitiker, weil er nicht mit den Menschen spricht. Schuster findet weder den richtigen Ton noch die richtigen Gesten, um als Mittler zwischen den aufgebrachten und tief in Projektbefürworter und Projektgegner gespaltenen Bürgern aufzutreten. Wie ungeschickt er mit dem Protest gegen Stuttgart 21 umgeht, zeigte der Christdemokrat bereits vor sechs Jahren. Im Angesicht einer drohenden Wahlniederlage versprach er seinem Konkurrenten Boris Palmer damals, im Falle von deutlichen Mehrkosten für die Stadt einen Bürgerentscheid mitzutragen. Dass Schuster dieses Versprechen gebrochen hat, weil er erkannte, dass es aus juristischen Gründen nicht zu halten war, haben ihm nicht nur die Grünen nie verziehen. Dass sich der OB drei Jahre später weigerte, 67.000 Unterschriften von Menschen anzunehmen, die trotzdem eine Bürgerbefragung erreichen wollten, wird ihm bis heute als Arroganz der Macht ausgelegt - zu Recht. Und wenn Schuster dann noch an just dem Tag, an dem der Abriss des Nordflügels beginnt, mit launigen Worten und einem Lächeln im Gesicht das Weindorf eröffnet, als wäre einige Hundert Meter entfernt nichts geschehen, dann muss er sich nicht darüber wundern, dass sich viele Tausend Bürger von ihm verhöhnt fühlen. Deutlicher konnte Schuster nicht zeigen, wie weit er sich von dem ihm unangenehmen Teil der Wirklichkeit entfernt hat.

Daher stellt sich natürlich die Frage, ob Wolfgang Schuster in seiner noch zweijährigen Amtszeit in der Lage sein wird, wieder das Oberhaupt in seiner Stadt zu werden. Dazu müsste er seine Überzeugung für Stuttgart 21 kombinieren mit einer Vision für die Stadt der Zukunft, in der sich wieder alle Bürger zu Hause fühlen könnten. Ob er das vermag? Am Tag vor dem jetzt begonnenen Abriss des Nordflügels haben die Projektträger von Stuttgart 21 jedenfalls einen anderen Oberbürgermeister gebeten, sich in einem offenen Brief an die aufgewühlten Menschen zu wenden: Manfred Rommel.
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Kommentare (84)
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AUG
29
21:03 Uhr, geschrieben von Frisches OB...st ist wichig
Hallo SG, ...
... es geht gar nicht darum, den Rechtsstaat auszuhebeln, es geht darum, Schuster auszuhebeln. Zu komisch, dass Schuster, NACHDEM er gewählt wurde, die juristische Unmöglichkeit des Bürgerentscheides festgestellt hat, warum nicht VOR DER WAHL und ist mit dieser Tatasache in die OB-Wahl gegangen, Hä? Er hat es gewusst, er hat gelogen. Bei lügenden Politikern geht es 1000-mal gut (Westerwelle und die FDP sind Spezialisten im Märchen erzählen oder Herr Drexler (SPD)), diesesmal ging es für Schuster eben fundamental schief, und das ist gut so, er kriegt jetzt alles ab. Die Menschen halten ihn zu großen Teilen für untragbar! Dann hätten viele damals diesen Kerl nicht gewählt sondern Frau Kumpf, die hatte zu S21 eine klare Haltung! Man kann es drehen und wenden wie man will, es, wo es schustert, müffelt es. Ich freue mich auf die Wahlkampfveranstaltungen der Typen von SPD, CDU, FDP im Herbst und Winter. Die brauchen eigentlich gar nicht mehr nach Stuttgart zu kommen. Entweder es ist nicht los auf den Veranstaltungen oder es geht die Post ab dort. Und an CDU, SPD und Konsorten; immer feste Polizei mitbringen, falls sich die Bürger über die nächste Lüge zu sehr aufregen und ausrasten.
AUG
28
16:09 Uhr, geschrieben von Berliner Beobachter
Verträge und ihr Umgang damit
Rechtssicherheit ist ein hohes Gut und Verträge sind einzuhalten. Bei S21 handelt es sich aber um ein Projekt von verschiedenen staatlichen Ebenen und der zu 100% staatlichen DB AG. Das Geld kommt zum größten Teil aus öffentlicher Hand. Aber die Tatsache, dass mit einem bestehenden Vertrag etwas umgesetzt werden kann, heißt nicht dass dieser nicht geändert oder aufgelöst werden kann - guten Willen aller Beteiligten vorausgesetzt. Und diesen setze ich beim Staat und seinen Unternehmen schon voraus. Ein Bürgerentscheid gegen S21 würde also keinen Vertrag brechen, sondern zu Verhandlungen führen. Und ich bin sicher, weder der Bund noch das Land BW noch die DB AG würden S21 gegen den Willen der Stadt bauen. Warum auch?
AUG
28
08:26 Uhr, geschrieben von SG
Wird der Rechtsstaat ausgehebelt?
"Dass Schuster dieses Versprechen gebrochen hat, weil er erkannte, dass es aus juristischen Gründen nicht zu halten war, haben ihm nicht nur die Grünen nie verziehen. " - sagt dieser Satz nicht alles? Juristisch nicht umkehrbar! Ich möchte zwar nicht behaupten ein 100%iger Freund von S21 zu sein, aber zu verbreiten, dass es die Möglichkeit gibt den Rechtsstaat zu umgehen geht mir zu weit! Verträge sind geschlossen! Wenn es in diesem unserem Land keine Rechtssicherheit mehr für Investoren gibt, dann gute Nacht für zukünftige Investitionen! Oder glauben Sie etwa, dass jemand noch sein Geld investiert, wenn er weiß, dass nach allen gerichtlichen Instanzen man es doch verliert?
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