Rom - Zu beneiden ist der Papst nicht. Da hatte er im Oktober 262 Bischöfe aus aller Welt und 140 Fachberater eingeladen, damit sie darüber berieten, wie die christliche Botschaft heutzutage auf neue Weise einer entchristlichten Welt nahezubringen sei. Am Ende stand er mit 58 Vorschlägen da, an denen allerdings gar nichts neu und kreativ war. „Mach was draus!“, baten „in Demut“ Benedikts Bischöfe. Und nun soll ein einziger Mensch oder sollen Mitarbeiter, die die Welt zeitlebens nur von der dick ummauerten Vatikanbastei herab betrachtet haben, den Einfallsreichtum ersetzen, der den Seelsorgepraktikern vor Ort offenbar fehlt.

In Not ist jedoch nicht nur der Papst. Der Ratspräsident der Evangelischen Kirche in Deutschland, Nikolaus Schneider, befand unlängst, es gebe in der heutigen Gesellschaft eine „Unkenntnis Gottes in bereits zweiter und dritter Generation“. Der Traditionsabbruch, den die Kirchen seit Langem beklagen, wäre demnach in eine neue Phase eingetreten. Laut Schneider sind es nicht mehr nur die hergebrachten „theologischen Antworten“, die im Volk auf Verständnislosigkeit stoßen: Gott als solcher ist keine Kategorie mehr, mit der man sich beschäftigt. Viele, sagt Schneider, verstünden schon die Frage nach Gott nicht mehr. Und wenn es ihm zufolge die zentra­le Aufgabe der Kirche ist, diese Frage, „diese Sehnsucht“ wachzuhalten, dann sind Schneiders Sätze nichts anderes als das Eingeständnis kompletten Scheiterns.

Kann der „Etwasismus“ eine Lösung sein?

Wie also an solche Menschen herankommen? Ansetzen vielleicht bei dem „Etwasismus“, den der holländische Theologe Ralf Bodelier diagnostiziert – also bei der Haltung vieler Zeitgenossen, die weder gläubig sein wollen noch atheistisch noch agnostisch, die sich aber für alle Fälle ein Hintertürchen in ein „Etwas“ offen lassen, von dem sie nicht wissen und nicht wissen wollen, was es sein könnte. Aber wenn sich diese Leute – das ist ja offenkundig – für das christliche Angebot nicht interessieren?

Bei der katholischen Kirche, heißt es, seien es auch die ausbleibenden Strukturreformen, die Menschen vom Glauben abhielten. Doch womöglich dient so manche Kritik , etwa am Zölibat, auch nur als Ausrede. So wie sich Menschen immer dann besonders gerne bei Vordergründigem aufhalten, wenn sie sich mit dem Eigentlichen nicht beschäftigen wollen. Für die evangelische Kirche überlegt Präses Schneider, ob die „Gotteskrise nicht auch die Krise eines verharmlosenden Gottesbildes“ ist und ob sich die Kirche nicht selbst säkularisiere, wenn sie „nur einen immer freundlichen, kumpelhaften Gott verkündigt“.

Die Anhänglichkeit der Muslime an ihren Glauben beeindruckt

Die Frage steht tatsächlich im Raum. Sie drängt sich auch angesichts der Unerbittlichkeit auf, mit der in den westlichen Gesellschaften heute ein islamischer Herrschergott dem „Bruder Jesus“ in so herausfordernder Direktheit gegenübergetreten ist wie nie zuvor, und der verstörender Härte des Korans einer traditionell geschmeidig ausgelegten Bibel. Die Verirrungen „islamistischer“ Terroristen sind das eine, die – im Vergleich zu den Christen – offensichtlich größere Anhänglichkeit der Muslime an ihren Glauben das andere.

In dieser Anhänglichkeit zeigt sich, dass die Menschen in der Religion Werte erkennen, für die es sich lohnt, auch harte Ge- und Verbote auf sich zu nehmen. Sie zeigen, dass es Sinn hat, sich bestimmen und lenken zu lassen von einer Macht, die unsere Welt übersteigt – und sich nicht zu verheddern zwischen den zahllosen kleinen Göttern eines tagtäglich maximierten, angeb­lichen kostenlosen und von Reue freien Lustgewinns. Gerade als lustfeindliche Religion kommt das Christentum in seinen alten Ländern nicht mehr weit. Vielleicht ist es ja eine Frage des Horizonts, den die Prediger aufziehen. Im Psalm heißt es: „Die Götter der Heiden sind ein Nichts. Der Herr aber hat den Himmel geschaffen.“ Das ist doch mal eine ganz andere Dimension!